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Neue Nationalzeitung · 1907-11-22 · Heft 50 (22.11.1907) · p. Seite 11

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 50 (22.11.1907)
Date
1907-11-22
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 50 Neue National-Zeitung« Seite 11 31. 31. WARSCHATTSKI. flm?enster.*) Sie sitzt am Fenster. Die Hände legt sie in den Schoß und schaut auf die Gasse hinab. So pflegt sie des Oefteren stundenlang dazusitzen und den wogenden, wimmelnden Menschenstrom mit voller Aufmerksamkeit zu betrachten. Denn sie gilt als eine stille Beobachterin, der die kleinste Kleinigkeit nicht zu entgehen pflegt, die jeden vorübergehenden Menseben aufs Korn nimmt, alle seine Bewegungen, seinen Gang, seinen Blick einer Kritik unterzieht und am liebsten in seine Seele eindringen, die innerste Faser seines Herzens kennen lernen möchte. Nur heute ausnahmsweise findet sie keine Ruhe und ist nicht imstande, eine Viertelstunde bloß beim Fenster sitzen zu bleiben, um gewohnheitsmäßig „Studien zu machen''. Sie nimmt all' ihre Kraft zusammen, sie bemüht sich, einen Passanten zu fixieren. Aber heute ist ihr ganz anders zu Mute. Ihr Herz zuckt plötzlich zusammen, sie empfindet ein Zittern in all' ihren Gliedern, fast eine Ohnmacht! Sie stützt das Haupt auf die schön geformte, volle Hand und aus ihren hellen Augen dringt eine Träne, dann wieder eine, langsam, tropfenweise, ohne sich zu einem erlösenden Strom vereinigen zu können. Sie weiß selbst nicht, wie es gekommen; als sie heute ans Fenster trat, sah sie unten auf der Gasse eine Jüdin vorbeigehen — ein Kindlein lag ihr im Arm und instinktiv hat sie sich an jenes erinnert.... möglich, daß dieses Kind solche Aeuglein hatte, wie jenes .... möglich, daß dessen Gesichtchen ähnlich war jenem---wer kann's sagen? Soviel weiß sie, sie habe schon viele Kinder gesehen, aber kein einziges habe auf sie einen so mächtigen, anhaltenden, gewaltigen Eindruck ausgeübt, wie gerade dieses .... Sie versenkt sich ganz in die Vergangenheit und läßt die Stimmung früherer Zeiten auf sich wirken. — Bittere Erinnerungzeiten ziehen ^n ihrer Seele vorüber, traurige Jugendbilder steigen herauf, Zeiten jammervollen Unglückes!--— Ihre Gedanken wandern zu den düsteren Tagen —--- und ein Schaudern läuft ihr über'm Rücken, es geht ihr durch Mark und Bein!--— Und merkwürdig: Die vergangenen Ereignisse, welche ihr als verschwommene Umrißbilder im Gedächtnisse haften geblieben, weiß sie plötzlich bis in die kleinsten Einzelheiten zu schildern .... sie erinnert sich lebhaft an die Zeit, wo sie als Mädchen im Elternhause lebte, weit weg in einer andern Stadt, sie erinnert sich genau an den Ort, an die Stunde, wo sie ihn das erste Mal gesehen, die ersten Worte gewechselt.---Ach, wie heiß er sie geliebt --lange vor Tagesgrauen pflegte er auf der Gasse vor ihrem Fenster zu stehen, um ihr den Morgengruß darzubieten, und weder Regen noch Sturm vermochten ihn davon abzuhalten. — — — Trotzalledem hat es so erbärmlich geendet---so entsetzlich. _ _ — \yer hätte so was voraussehen mögen? Sie war noch jung, sehr jung, unerfahren — vielleicht hätte es nicht so kommen müssen, vielleicht wäre es möglich gewesen, es zu verhüten, zu vertuschen-- es mußte nicht kommen zu einer solchen Schande--- solch einer Schmach. — — — Sie erinnert sich an die schrecklichen Wochen und Monde, die sie damals durch- *) Diese Novelle war eine der letzten Arbeiten des leider in den letzten Tagen verstorbenen Dichters. Die Uebersetzun«- aus dem Jiddisch hat Herr A. B. Werner besorgt. (Anm. d. Red.) -g&fcN gemacht, damals, als sie sich bewußt ward.---Ach, die durchweinten Nächte, die tränenfeuchten Tage — — sie war nahe daran, sich eine totbringende Waffe an die Schläfe zu setzen! Herber noch schmerzte es sie, tiefer kränkte es sie, daß er so spurlos, durch Nacht und Nebel verschwunden war, als ob er gar keine Schuld daran trüge, als ob er an dem — keinen Anteil hätte. — — Und hernach? hernach? als die Eltern zu merken begannen--der Vater raufte sich das eisgraue Haar--— und die Mutter starrte in tränenlosem Jammer----Ach, hätt der Vater sie in Stücke gerissen, es wäre ihr leichter ums Herz geworden — — hätte er jedes Stück Fleisch von ihrem Körper heruntergezerrt----das Blut, das von ihr geflossen, hätte sie gereinigt---aber der Vater hatte keinen Finger gerührt, nur einen durchdringenden Blick warf er ihr zu, einen Blick aus seinen zwei großen Augen, die ein Meer von Elend wiederspiegelten und hernach fiel er in Ohnmacht--Brrrr---ein Schauder erfaßt sie! Sie dachte dies alles nicht aushalten, nicht überstehen, nicht überleben zu können, oder wenigstens die Sinne zu verlieren — — Ach, wie lechzte sie darnach, wie gerne hätte sie solch einen Gemütszustand sich herbeigewünscht, ihn bei den Haaren herbeigezerrt — — umsonst — sie blieb nach wie vor vollständig bei Sinnen, ihr Geist war nicht im entferntesten anmachtet, damit sie ja nur das namenlos schreckliche Unglück, das über sie hereingebrochen, spüren, ja begreifen und den überschäumenden Giftbecher, den ihr das Schicksal gereicht, bis auf den letzten Tropfen auskosten solle--— Und um nicht dem Gespötte der Nachbarn ausgesetzt zu sein — — hat man sie in eine andere ..große Stadt" weggeführt, weit, weit weg gelegen, und es hieß, sie fahre zur Tante zu Besuch--Es ist vielleicht eine Ironie des Schicksals, daß diese Stadt, wo sie heute ihr Haus und Herd, ihr trautes Familienheim hat. eben dieselbe ist, wo sie damals in den furchtbarsten Schmerzen sich windend monatelang im Spitale gelegen, bis alles vorüber war--- In dem Momente, wo sie einem schönen, kräftigen Kinde das Leben schenkte, glaubte sie ihre letzte Stunde schlagen zu hören. Leider war es nicht der Todesengel, der über ihr seine Fittige ausgebreitet---- Sie wollte das Kind bei sich behalten, aber die Eltern wollten es unter keiner Bedingung zugeben — ja schon nach wenigen Tagen wurde es ihr genommen, erbarmungslos entrissen---Die Mutter streichelte wehmütig ihr kohlschwarzes Haar, weinte bitterlich und sagte dann : „Werfe, mein teures Kind, den Schleier der Vergessenheit über alles--über alles" — — und der Vater blickte sie mit den großen feuchtglänzenden Augen mitleidsvoll an und meinte in seiner frommen, gutmütigen Art: „Das Unabänderliche, von Gott Gewollte, muß man mit Fassung und Ergebung ertragen, kommt ja doch alles so, wie es von der weisen und allgütigen Vorsehung in unabänderlichem Ratschluß vorher bestimmt ist. — Wir Juden sagen: „Garn su l'tauwuh"---ach, was leiden nicht Eltern ihrer Kinder willen.--- Monate waren verstrichen und die Eltern verlobten sie einer „schönen, balbatischen Partie*; wieder einige Monate vergingen und sie wurde zur Trauung geführt. Sie hat den Eltern gehorcht und lebt heute glücklich und zufrieden--hat Kinder und liebt ihren. Gatten.

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