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Neue Nationalzeitung · 1907-11-22 · Heft 50 (22.11.1907) · p. Seite 10

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 50 (22.11.1907)
Date
1907-11-22
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 >N«ue National-Zeitung« Nr. 50 An demselben Tage meldete sich bei der Polizei ein Eisenbahnarbeiter namens Wilhelm M o 11 n a r und erzählte, er habe während des Fischens den Leichnam eines Knaben gefunden, den er an ein Floß gebunden habe. Die Leiche wurde tatsächlich an der erwähnten Stelle gefunden. Bei der Sektion wurde konstatiert, daß an dem Knaben ein bestialisches Attentat verübt worden sei und man vermutete, daß der Täter das Märchen vom rituellen Mord ersonnen habe, um den Verdacht von sich abzulenken. Der Verdacht richtet sich gegen Molln a r s e l b st, der auch die beiden Briefe geschrieben haben dürfte. Man stellte Schriftproben mit ihm an und diese wurden nun zur Vergleichung mit dem Briefe nach Budapest geschickt, um von Sachverständigen im Schreibfach untersucht zu werden. Bis zur Beendigung dieser Untersuchung bleibt Mollnar unter polizeilicher Aufsicht. Ahlwardt unter dem Schutze — von Juden. In einer jüngst erschienenen Biographie Roosevelts: »Vom Reitersmann zum Präsidenten« findet sich eine sehr pikante, bisher noch nicht bekannt gewordene Episode aus dei Agitationsreise des antisemitischen Hetzers Ahlwardt, die dieser im Jahre 1895 nach Amerika unternommen hatte. Roosevelt war um diese Zeit Polizeipräsident von New-York. Ahlwardt sollte in einer öffentlichen Versammlung sprechen, seine Freunde aber fürchteten für seine Sicherheit und begaben sich zu Roosevelt, um ihn zu bitten, für den Schutz des Gastes zu sorgen. »Was befürchten Sie denn?« fragte Roosevelt »Herr Ahlwardt ist oft sehr scharf in seinen Ausdrücken«, erwiderten sie. »Da könnten sich möglicherweise die Juden zusammenrotten und ihn beschimpfen.« »Das ist Unsinn«, war seine Antwort. »Es gibt in New-York keine friedlicheren Bürger als die Juden.« Da die Abgesandten aber dabei beharrten, das Erscheinen einer besonderen Leibwache von Schutzleuten würde etwaige Ruhestörer am besten im Zaume halten, so entließ sie Roosevelt mit der Versicherung, Ahlwardt solle an dem betreffenden Abend einen ausreichenden Schutz erhalten. Kaum hatte sich die Tür hinter den Männern geschlossen, als er einen Polizeikommissär zu sich berief und ihm befahl, aus der gesamten Schutzmannschaft 30 Leute jüdischen Glaubens auszuwählen. Je deutlicher sie die Kennzeichen ihres semitischen Ursprungs an sich trügen, um so besser. Der Kommissär kannte seine Leute und als Roosevelt die »Garde« musterte, mußte er gestehen, daß der Kommissär seine Auswahl gut getroffen hatte. Er gab den Leuten ihre Anweisungen und schickte sie am Abend nach dem Lokal, in dem Ahlwardt reden sollte. Man male sich das Gesicht von Ahlwardts Freunden aus, als sie gleich an der Tür von ein paar Schutzleuten empfangen wurden, über deren Abstammung nicht der geringste Zweifel möglich war. Ueberall an den Pfeilern und Fenstern standen sie umher, selbst wie steinerne Säulen, mit ihren gebogenen Nasen und schwarzen Haaren, um Ahlwardt zu schützen. Und sie beschützten ihn auch. Unter den Zuhörern befanden sich natürlich auch einige Juden und als einer von ihnen versuchte, die Rede zu stören, packte ihn einer der Schutzleute mit dem »reinen Profil« beim Kragen und beförderte ihn glatt auf die Straße. Das Vermögen der Rothschilds. Man ist bei der bloßen Nennung der Reichtümer überwältigt, welche von einem Mitarbeiter des »Grand Magazine« jüdischen Finanzhäusern, deren Operationen geschichtlich geworden sind, zugeschrieben werden. Man sagt, daß die historische Bankfirma in New-Court, wenn das gegenwärtige System der Aufspeicherung fortgesetzt wird, Mitte des gegenwärtigen Jahrhunderts »etwa zweitausend Millionen Sterling ihr eigen nennen wird, also nahezu so viel, um die Nationalschuld dreimal auszubezahlen.« Ein artiger Tribut wird der Familie Rothschild von dem Schreiber des Artikels gezollt, welcher bemerkt: »Es ist ein alter Spruch, daß jedes Land die Juden hat, die es verdient, und wenn das sich so verhält, dann haben England, Frankreich und Oesterreich ein Recht darauf, sich auf den Besitz der drei größten Zweige des alten Stammes der Rothschilds, dieser würdigsten und geistreichsten Exempel der jüdischen Rasse, etwas zugute zu tun. Die Geschichte des alten Meyer Rothschild und des Dienstes, den er dem Landgrafen von Hessen durch Aufbewahrung seiner zehn Millionen erwiesen hat, ist so gut bekannt, wie die Tatsache, daß der Landgraf, der Rechtschaffenheit des jüdischen Bankiers vertrauend, »nicht einmal einen Empfangsschein dafür annahm und als die Verwüstungen der Franzosen vorüber gegangen, so entzückt war, daß er sich nicht nur weigerte, Interessen für das Geld zu nehmen, sondern dem Bankier erlaubte, es zwanzig Jahre lang zu behalten.« Das war die Gründung der Rothschild'schen Millionen. Von Baron Nathan, dem Sohne, der sich in England ansiedelte und welcher seinerzeit im Rufe stand, sich dadurch ein hübsches Vermögen geschafft zu haben, daß er vorzeitig Nachrichten vom Schlachtfeld von Waterloo erhielt, erzählt man sich eine komische Geschichte, auf welche Art er der Bank von England »Gleiches mit Gleichem« vergalt. Die Bank weigerte sich plötzlich, »Papiere« von Privatpersonen zu honorieren und Baron Nathan, von neun Beamten gefolgt, ging zur Bank von England, »jedes Mitglied der Gesellschaft wies Fünf-Pfundnoten vor, verlangte und erhielt natürlich auch fünf Sovereigns als Einwechslung dafür.« Dies ging während der ganzen Bankstunden so fort. Am nächsten Tage wiederholte die Gesellschaft den langweiligen Prozeß, aber die Bank kapitulierte erst, als der Baron die Direktoren ganz naiv informierte, daß er vorbereitet sei, zwei Monate lang so fortzufahren! Es wird von dem Schreiber des Artikels festgestellt, daß man es Lord Rothschild zuschreibt, eine ernstliche Reibung zwischen England und den Vereinigten Staaten erfolgreich gemildert zu haben. »Um die enorme Macht, über welche Lord Rothschild gebietet, zu illustrieren, sei erwähnt, daß man es ihm zugute hält, einen Krieg, der aus der Eisenfresser-Depesche Präsident Clevelands über Venezuela hätte entstehen können, verhütet zu haben. Er tat dies, sagt man, indem er einfach große Posten Goldes aus den Vereinigten Staaten zurückzog und die deutliche Drohung äußerte, noch größere Rückzüge folgen zu lassen.« Hilfsaktion für die rumänischen Juden. Der Hilfsverein der Deutschen Juden hat gemeinsam mit dem Hilfskomitee für die notleidenden osteuropäischen Juden in Frankreich a. M. weitere 22.500 Franks an die Zentrale für die rumänische Hilfsaktion, die Israelitische Allianz in Wien überwiesen. Eine Fortführung des Hilfswerkes erweist sich leider noch als notwendig, da die wirtschaftlichen Folgeerscheinungen der Frühjahrsexzesse noch fortdauern, namentlich weil die Behörden mit rigorosen Ausweisungen nicht nachgelassen haben. Humor Friedrichs des Großen. Darüber erzählt man sich folgende hübsche Anekdote: »Baron Pölbitz hatte schon verschiedenemale aus pekuniären Vorteilen die Religion gewechselt. In recht dringender Geldverlegenheit bat er den König, der ihm anfangs reichlich aushalf, persönlich um eine Geldunterstützung. »Ja, wie soll ich ihm bei meinen erschöpften Kassen helfen?« sprach der König; »wäre er noch Katholik, so könnte ich ihm eine offene Pfründe verleihen; Sie haben sich indessen einer armen Religion zugewendet und müssen das Los derselben teilen.« Des anderen Tages trat Pöllnitz wieder zur katholischen Kirche über und meldete dies dem König mit der Bitte um Verleihung der in Aussicht gestellten Pfründe. Friedrich antwortete: »Wie schade, daß ich seinen frommen Eifer nicht belohnen kann, da die Pfründe inzwischen vergeben ist! Doch da fällt mir ein, daß ich eine Rabbinerstelle zu besetzen habe; wenn er Jude werden will, so soll ihm diese nicht entgehen.« Die Juden in den Irrenanstalten Oesterreichs. Die Juden stellen zur Anzahl der Irren einen größeren Perzentsatz als die anderen Nationen. Während die Juden nur 47°/0 der Bevölkerung Oesterreichs bilden, nehmen sie mit 6*6% (606 Irre) an dem Zugange in die Irrenanstalten teil. Auch in den Vorjahren ergab sich (wie in anderen Ländern) ein relativ häufigeres Auftreten der Geistesstörungen bei den Juden. Die Zahlen betrugen 1891 5-9%, 1892 4'9°/0, 1893 5-0%, 1894 6'87„, 1895 W«, 1896 6-6%, 1897 6-6°/0 1898 6.4%, 1899 7'l°/0, 1900 6'8%. Es zeigt sich so, mit gewissen Schwankungen, ein langsames Ansteigen der Geistesstörungen bei den Juden. Die aus den Irrenanstalten im Jahre 1901 geheilt Entlassenen verteilten sich wie folgt: Männer Frauen zusammen Katholiken 1008 50-7°/0 780 39-2°/0 1788 Evangelische 29 1-5» 20 1-0» 49 Griech.-Orient. 18 0-6» 14 0-2» 27 Juden 57 2-9» 68 3-4» 125 llliPSWährend die Juden 6"6°/0 der Aufnahme bildeten, wurden nur 6"3°/'o als geheilt entlassen. Bei den übrigen Konfessionen entsprechen die Heilungsprozente den Aufnahmeprozenten, wie bei den Katholiken, oder übertreffen sie, wie bei den Evangelischen und Griechisch-Orientalischen. Die Heilungsaussichten sind also bei den Juden geringer als bei den übrigen Konfessionen, d. h. sie erkranken mehr an chronischen, unheilbaren Störungen. Bei dem Leichenbegängnisse des Großherzogs Friedrich von Baden ist es aufgefallen, daß nur die Geistlichen beider christlichen Konfessionen hinter dem Sarge im Ornate zu gehen hatten, während die Rabbiner auffallenderweise davon ausgeschlossen waren. Nach Bekanntwerden dieser Ordnung hat sich der badische Oberrat der Israeliten, vertreten durch Herrn Geheimen Oberregierungsrat Dr. Mayer, sofort behufs Aufklärung an das zuständige Ministerium gewandt und daraufhin die Erklärung erhalten, daß es lediglich ein Versehen der bearbeiteten Stelle gewesen; diese habe in der Eile die ungeprüfte Abschrift der im Jahre 1817 angeordneten großherzoglichen Leichenbegängnisordnung genommen, ohne dabei zu berücksichtigen, daß damals die jüdische Religion deshalb nicht vertreten war, weil sie zu jener Zeit noch nicht gleichberechtigt war. In Erledigung der Angelegenheit ist alsdann eine Mitteilung im Amtsblatt veröffentlicht worden, wonach die drei Rabbiner bei den Staatsbeamten unter deren Trauervorschriften einherzuschreiten hatten.

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