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Neue Nationalzeitung · 1907-11-22 · Heft 50 (22.11.1907) · p. Seite 9

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 50 (22.11.1907)
Date
1907-11-22
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 50 eue National-Zeitung« Seite 9 Schwestern, Schari und Esti Schwarz, brave Mädchen achtbarer Eltern, traten sofort die Reise, mit Arbeitsbüchern und Geburtschein ausgestattet, an und kamen bis nach Sziget an der ungarischen Grenze. In dieser Station wurden sie von der Grenzpolizei angehalten und ihnen nach kurzem Verhör die Fahrkarten, welche bis Budapest bezahlt waren, abgenommen. Hierauf wurden sie im Polizei-Arrest interniert und nach 24 stündiger Internierung nach Lawoczno retour geschickt. Da die armen Mädchen den Reisevorschuß auf Fahrspesen verausgabt hatten und ohne Geld dastanden, mussten sie einen Teil ihrer Garderobe verkaufen, um von Lawoczno die Rückreise in ihre Heimat antreten zu können. Als der hiesige Steppdeckenerzeuger, der nicht nur sein Geld verliert, sondern auch die Arbeiterinnen entbehren muß, von dem Schicksal der Mädchen brieflich verständigt wurde, wandte er sich mit seiner Beschwerde an die hiesige Oberstadthauptmannschaft, wo er jedoch mit seiner Beschwerde an das Ministerium des Innern verwiesen wurde. Interessant und charakteristisch an der Sache ist jedoch folgender Fall. Als die Mädchen polizeilich in Sziget zurückgehalten wurden, sandten sie mit dem letzten Gelde vier Depeschen um Intervention und Hilfe an Herrn M. Kornmehl und an ihren in Budapest beschäftigten Bruder ab, von denen eigentümlicherweise keine einzige bis am heutigen Tag ankam. Es wäre wohl der Mühe wert, zu untersuchen, wo diese Depeschen verblieben, oder wer das Geld der armen Mädchen eingesteckt hat! Wir sind aber auch in der Lage nachzuweisen, daß aus derselben Gegend vor nicht langer Zeit 97 Bauern für eine hiesige Ziegelei anlangten, die anstandslos dieselbe Grenzpolizei passieren durften. Wir glauben, daß diese Tatsachen, die wir jeden Moment zu beweisen bereit sind, uns berechtigen, die Anwendung der Fremdengesetze als judenfeindlich und antisemitisch zu bezeichnen und sind neugierig, ob sich unter den ungarisch-jüdischen Abgeordneten, denen wir diesen Artikel rekommandiert zusenden werden, einer finden wird, der dieses Vorgehen zum Gegenstand einer Interpellation oder Intervention machen wird. Jü (lischnationaler Wahlsieg. Essek, den 11. November (Orig.-Korr.). Bei den gestrigen Wahlen für den Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde siegte die Liste der Jüdischnationalen, für die zirka 150 Stimmen abgegeben wurden. Die Führer der Assimilanten erhielten 6 Stimmen. Von den 19 Vorstandsmitgliedern sind sechs ausgesprochene Zionisten (darunter das Mitglied des A. C, Advokat Dr. Hugo Spitzer, und der Präsident des Vereines „Th. Herzlu, J. N. Schulhof), die übrigen 13 sind jedoch jüdischnational gesinnt. Rumänien. Die „Lucger-Straße" in Bukarest. Bukarest, den 15. November. (Orig.-Korr). Wie noch erinnerlich sein dürfte, hat der konservative Gemeinderat der Stadt Bukarest beschlossen, zum Andenken an den seinerzeitigen Besuch des Dr. Lueger eine Straße nach ihn zu benennen und wurde im Monate August tatsächlich, die einstige „Strada Vamei" in eine „Strada Lueger" umgewandelt. Aber auch die Straßen haben ihre Schicksale. Es scheint die Generation von heute, an den Lueger von gestern nicht mehr denken zu wollen. So kam es nun, daß der jetzige Gemeinderat — gewählt seit September — gefunden hat, es verdiene Dr. Lueger, bloß, weil er antisemitischer Führer in Oesterreich ist, noch immer keine Straße in Bukarest. Ueber Anregung einiger Gemeinderätsmitglieder wurde der Beschluß gefaßt, aus der „Lueger-Straße" eine „Rosetti-Straße" zu machen, zur Erinnerung an den großen rumänischen Demokraten A. C. Rosetti. Damit jedoch diese auffällige Beleidigung gemildert werde und damit die Tafel, die nunmehr von der „Rosetti-Straße" entfernt wurde, nicht ganz zum alten Eisen komme, hat man eine an der ,.Mahala" (Peripherie) der Stadt gelegene kleine Gasse, die bisherige „Strada Clementei" in eine „Strada Lueger" umgetauft.' So ist denn der Siegeszug Luegers nach Rumänien in dieser kleinen, leeren Gasse der historischen Vergessenheit übergeben worden. UCLSCCiLSN Eine Studicnkommission in Abosiiiicn. Das Zentralkomitee der Alliance Israelite Universelle hat beschlossen, eine Studienkommission nach Abessinien zu entsenden zur Erforschung der wirtschaftlichen, sittlichen und gesellschaftlichen Lage der Falaschas in den verschiedenen Provinzen, wo das Vorkommen von solchen durch frühere Forschung festgestellt worden ist. Mit der Leitung der Expedition ist Herr Nah um beauftragt. Professor am Rabbinerseminar zu Konstantinopel, der in der Schule für lebende orientalische Sprachen und in dem Rabbinerseminar von Paris seine Ausbildung erhalten hat. Unter den Begleitern des Herrn Nahum wird sich auch ein israelitischer Arzt befinden. 32 Juden wurden im Laufe des Monates Oktober in Rußland hingerichtet. Jüdische Revolutionäre werden vom Zaren, dem Protektor der schwarzen Hundertschaften, prinzipiell nicht begnadigt. Die Maßregelungen, Zurücksetzungen und Belästigungen der Juden dauern im ganzen Reiche systematisch fort Nur hie und da treten kurze Unterbrechungen ein, u w die mit Herrn Mendelsohn in Berlin, dem Nachahmer Theodor von Taussigs, eingeleiteten Pumpversuche nicht ganz scheitern zu lassen. Für hebräische und Jargon-Literatur werden in mehreren öffentlichen Bibliotheken Amerikas seit jüngster Zeit eigene Abteilungen eingerichtet. Neuestens wurde diese Einrichtung in St. Paul im Staate Minneapolis getroffen. Fast alle bekannten hebräischen und Jargonwerke wurden angeschafft. Die ansehnlichen Kosten trägt die Verwaltung der städtischen Bibliothek, die auch je einen hebräischen und einen jüdischen Katalog anlegen und ebensolche Leihzettel anfertigen läßt. Mit der Auswahl der anzuschaffenden Werke wurde ein Komitee, bestehend aus jüdischen Gelehrten, betraut. Maler Hirszenberg hat in Jerusalem sein Amt als Professor des Zeichnens am Bezalel angetreten. Direktor Schatz verspricht sich von der künstlerischen Persönlichkeit Hirszenbergs sehr viel für die jüdische Kunst. Letzterer beabsichtigt neben seiner Lehrtätigkeit auch künstlerisch viel zu schaffen. Er denkt vorerst an einen Zyklus von Studien aus dem jüdisch-palästinensischen Leben, gewissermaßen als Antithese zum — Ghetto. Auch Frau Hirszenberg, eine geborene Christin, fühlt sich in Jerusalem sehr wohl. Sie erklärte einem Interviewer, daß sie durch die mystische vielfarbige Natur Palästinas überrascht sei; sie werde sich bemühen, sich hier rasch zu akklimatisieren. Dispens vom Sehreiben am Samstag. Auf Anregung des Stadtrepräsentanten Herrn Dr. Jakob Schächter, intervenierten der Oberrabbiner der Pester Kongreßgemeinde Herr Dr. Samuel K o h n und der Rabbiner des Ronibachtempels Dr. Illes Adler, welche ebenfalls Stadtrepräsentanz-Mitglieder sind, beim Bürgermeister Barcy, wegen Befreiung der jüdischen Schulkinder vom Schreiben am Sabbath in allen Kommunalscliulen, sobald dies die Betreffenden verlangen. Der Herr Bürgermeister bewilligte dieses Ansuchen und erließ sofort die entsprechenden Weisungen an die kommunalen Schulleiter. Wie ein Ritualmord »gemacht« wird. Vor kurzem verschwand in Szolnok das 3'/ojährige Söhnchen des Schneidermeisters Geza Nyitray. und war seither verschollen. Dieser Tage erhielten nun sowohl der besorgte Vater, wie die Polizei ein Schreiben, worin mitgeteilt wurde, die Leiche des Knaben sei an einem auf der Theiß schwimmenden Floß angebunden und der Knabe sei einem rituellen M o r d (?) zum Opfer gefallen.

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