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Neue Nationalzeitung · 1907-11-22 · Heft 50 (22.11.1907) · p. Seite 8

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 50 (22.11.1907)
Date
1907-11-22
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Seite 8?ue National-Zeltung« Nr. 50 politischen Leben Wiens, der Wiener Juden. Und ein Dialog zwischen dem „deutschfreisinnigen;< Herrn Ingenieur Wassermann, dem die Natur in jeder Hinsicht das. Dementi seiner jüdischen Abstammung benommen, und dem Sprecher der Jüdischnatioualen, stud. jur. Theodor Kohn, wirft das Blitzlicht greller Satyre auf die Situation. Herr W. („bewußt deutschfreisinnig"): „Dürfen Sie überhaupt hier sprechen? Sind Sie ein — Deutscher?1* Herr K.: „Nein!" . . . Sind Sie ein Deutscher? Und wenn Sie es wirklich sind, empfinden Sie nicht tiefen Ekel vor der Zudringlichkeit dieser Leute, die bei vier Ausgängen herausgeworfen, voll treuer Hingabe an das deutsche Volk den fünften Eingang suchen, denen es als Inkarnation des Liberalismus erscheint, daß die ursprünglich mit 331fs% fundierte Judenfreundlichkeit des Baron Hock seither auf b0% stieg!? Ich meine, man hätte ungestört „gründen" lassen sollen. Wenngleich diese Demonstration gegen die Gewaltdeutschen eine Demonstration für den jüdischnationalen Gedanken war, — sie wäre besser unterblieben. Der Fluch der Lächerlichkeit, der schon seit langem jene „Israeliten" trifft, die durchaus nicht Juden sein wollen, die sich an den Frackschößen des „deutschen Freisinns" durch ihr politisches Leben schleifen lassen, soll nicht durch den Ernst unseres Gedankens in seiner Wirkung beeinträchtigt werden. Denn ernst sind die Zeiten, und ein wenig Heiterkeit bekommt uns gut Und die politischen Exkursionen des „deutschen Freisinns" sind niemals so trostlos, als daß man nicht darüber lachen könnte. m. seh. „Die Religionsüberstunde." Wien, den 18. November. (Orig.-Korr.) Hat die Leitung der Wiener Kultusgemeinde wirklich einmal eine gute, nützliche Absicht (gar zu häufig kommt's ja nicht vor), so darf sie wohl nicht erwarten, damit ihre vielen Fehler in Vergessenheit gebracht zu haben. Allein, sie müßte doch mit Bestimmtheit darauf rechnen können, von jenen Preßorganen, deren politische Gesinnung die Herren Kultusvorsteher seit langem teilen, nicht angegriffen zu werden. Die Wiener Kultusgemeinde wandte sich an den niederösterreichischen Landesschulrat mit dem Ansuchen, für die zweite Klasse einer Reihe von Volksschulen die Einräumug einer zweiten fakultativen Lehrstunde für den Religionsunterricht probeweise auf die Dauer von drei Jahren zu bewilligen. Wer den Religionsunterricht in Wien kennt, wird wissen, daß diese Frage ein Problem ist, das jüdische Pädagogen seit langer Zeit wiederholt beschäftigt hat und daß eine Reform des jüdischen Religionsunterrichtes dringend geboten erscheint. Diese Frage ist zu wichtig, um im.Vorübergehen erörtert zu werden, sicherlich aber hat die Kultusgemeinde mit der einstündigen Vermehrung des Religionsunterrichtes einen, wenn auch sehr kleinen Schritt, auf dem richtigen Wege getan. Zu bedauern ist nur, daß diese hinzugefügte Stunde nicht obligat ist. Anderer Meinung ist man in der Redaktion der „Wiener Allgemeinen Zeitung." An der Spitze dieses Blattes stehen bekanntlich zwei Herren, die zwar aus Galizien stammen, aber in Deutschtum machen. Sie erblicken nun in der Verlängerung des jüdischen Religionsunterrichtes ein bedrohliches Anwachsen des „jüdischen Klerus" und voll echten Freisinns erklären die Deutschtümler aus Busk und Bolszowce: «... Diese Mehrstunde wird in erster Linie dem Unterricht aus dem Hebräischen zugewendet, dem mühsamen Zusammenbuchstabieren von Worten, deren Sinn dem Kind unbekannt, deren Klang ihm völlig fremd ist..." Seit wann sind denn diese Herren, von denen einer bereits getauft ist, Anwälte der jüdischen Jugend? Sie mögen wohl an sich erprobt haben, daß Hebräischlesen weder Taufe noch Fahnenflucht verhüten kann. Sie dachten wohl daran, daß man selbst Wiener Kultus Vorsteher werden kann, wenn man auch das Hebräische einen „alten Plunder" nennt. Aber trotz allem wird doch eine jüdische Gemeinde und jeder jüdische Vater, wenn es sich um die jüdische Erziehung der Jugend handelt, sich beim Sechsuhrblatt keinen Rat holen. Seitdem dieses Blatt die dunklen Transaktionen der Länderbank mit der antisemitischen Kommune unter seine Obhut genommen hat, wird ihm alle seine Anbiederei an die Juden schwerlich etwas nützen. Christlichsozialc Pionierarbeit. Czernowitz, den 17. November. (Orig.-Korr.). Seit der bekannten Agitationsreise des Antisemitenhäuptlings und nunmehrigen Ministers Geßmann nach der Bukowina, haben einige Ehrgeizlinge, schlaflose Nächte. Sie wollen in der Bukowina eine christlichsoziale Vereinigung ins L°ben rufen. An jedem Sonntag berufen sie eine Versammlung ein und in dieser wird gegen den politischen und wirtschaftlichen Einfluß der Juden im Lande gewettert. Die Einberufer und Redner sind einige Tagschreiber. Am geräuschvollsten betätigt sich ein Diurnist der Landesregierung und ein Gerichtsassistent, letzterer ein getaufter Jude. Zu den Vorbereitungen dieser Hetzversammlungen, die regelmäßig gesprengt werden, gehört es selbstverständlich, daß Flugblätter ausgeteilt werden, die aber merkwürdigerweise in den verschiedensten Aemtern zirkulieren, ja, wie versichert wird, sogar von Amtsdienern aufgelegt sind. Das Häufchen Schreier findet wohl nicht große Beachtung. Es ist aber erstaunlich, daß die Vorstände der betreffenden Aemter diese Hetzkampagne dulden, trotz wiederholter Aufforderung hiesiger Blätter, dem Treiben ihrer Diurnisten endlich ein Ende zu machen. Es scheint, daß man es sich „oben" nicht gern verderben möchte. Wie leicht können solche Tagschreiber hohe Förderer in Wien haben. Manche behaupten sogar decidiert, daß man diese Leute von einflußreicher Seite haranguiert; darum ihre konsequente Einberufung von Versammlungen an jedem Sonntag und trotz des Mißerfolges, die stets dieselben zu verzeichnen haben. Jämmerlich nimmt sich dabei der getaufte Jude aus. Er ist in Sadagora geboren, seine Eltern und Geschwister sind noch Juden. Sein Vater ist noch halb orthodox, und das Söhnchen, dessen Redeweise an den jüdischen Jargon, den er bis vor kurzem noch gesprochen, erinnert, will seinen bisherigen Volksgenossen, seine nächsten Angehörigen also mitinbegriffen, politisch und wirtschaftlich den Garaus machen. Hat der junge Mann so trübe Erfahrungen gemacht oder winkt ihm Förderunghoher Protegees, die eine verständnisvolle Mitarbeit eines jüdischen Renegaten nicht missen können? Traurig erscheint noch eines bei der Sache. Die Sozialdemokraten sind die einzigen, die dieser christlich sozialen Pionierarbeit ihre Aufmerksamkeit zuwenden und die Versammlungen der antisemitischen Eleven sprengen. Die Juden gehen daran achtlos vorüber. Antisemitisches aus Ungarn. Budapest. Die hiesige »Allg. Jüd. Rundschau« erzählt folgenden Fall antisemitischer Gesinnung der ungarischen Behörden gegenüber jüdischen Mädchen aus Galizien: Der hiesige Steppdeckenerzeuger Markus Kornmehl, der eine größere Anzahl Arbeiter beschäftigt und hierorts keine Arbeitskräfte bekommen konnte, bestellte sich aus St anislau in Galizien, wo die tüchtigsten Kräfte in dieser Branche reichlich vorhanden sind, zwei Arbeiterinnen und sandte ihnen zu diesem Zwecke Vorschuß auf Reisespesen. Die beiden

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