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Neue Nationalzeitung · 1907-11-22 · Heft 50 (22.11.1907) · p. Seite 7

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 50 (22.11.1907)
Date
1907-11-22
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 50 >Neue National-Zeitung« Seite 7 Ich sage: Die erste Demonstration war nicht notwendig, die zweite zwecklos. Beide aber sind ungenügend, weil sie den Anschein erwecken, als ob wir da wären, nur, um zu zerstören und nicht um zu bauen. Ich frage: Ist denn unsere positive Arbeit nicht viel wichtiger und sind ihre Gebiete schon so nahe an die Sonne gerückt worden, daß wir uns überhaupt um das Wetter nicht zu kümmern brauchen? Und sind wir denn wirklich nach innen so stark, daß wir den Kampf nach außen an allen Enden und Ecken aufnehmen können? Wir kämpfen gegen die Assimilation und mitten in unseren Reihen prangt die bunte Blume einer modernisierten assimilierenden Tragikomödie unter dem Deckmantel einer konservativen, in Wirklichkeit dem Geiste des Judentums und dem des XX. Jahrhunderts widerstrebenden, Standesgemäßheit . . . Wir bemitleiden jene Juden uud Nichtjuden, die da glaubten, den Antisemitismus durch Abwehrorganisationen und Abwehrschriften aus der Welt schaffen zu können. Spielen wir denn nicht ihre Rolle, indem wir unseren Assimilanten fortwährend die Richtigkeit unserer Theorie vor die Augen halten und Madame Assimilation drohend ersuchen, sie möchte sich doch endlich ins Grab zur ewigen Ruhe begeben, weil — wir es so wünschen? Haben wir denn wirklich nichts besseres zu tun? Ist es nicht unsere erste Pflicht, unseren primitivsten und somit unser Leben bedingenden Forderungen zum Durchbruch zu verhelfen? Wo ist die Gleichberechtigung des jüdischen Studenten, nachdem er die Universität verlassen hat? Wo bleibt denn die Anerkennung der jüdischen Nationalität an der Universität selbst? Ich frage: Was macht denn das zur Verfolgung dieser brennenden Frage gewählte Komitee? Vor einigen Wochen waren in sämtlichen jüdischen Zeitungen die Namen der Komiteemitglieder zu lesen. Und wo ist ihre Tätigkeit? Jetzt, wo wir im österreichischen Parlament Juden von Geburt und Gesinnung besitzen, müssen wir uns an sie als unsere Wortführer öffentlich wenden. Wollen wir demonstrieren, dann bietet sich uns eine dankbare Gelegenheit. Nein, sie fordert uns kategorisch auf. Veranstalten wir Versammlungen für unsere Sache und nicht für die unserer Gegner. Ziehen wir massenhaft vor das Parlament und fordern wir. Schreien wir so laut, daß unseren Ruf die Regierung hört, daß sie glaubt, daß es uns um unser Recht bitter ernst sei, daß sie schließlich gibt, was sie zu geben versprach. Ja, ziehen wir vor unsere Alma Mater und vor die der österreichischen Völker. Nicht durch Pfeifen und Johlen, nicht durch Pfui-Rufe und italienisch-deutsche Prügeleien sollen wir unseren Forderungen Ausdruck verleihen. Für uns gibt es nur einen Weg, und der führt in's Niveau der jüdischen Kultur. Darum, wenn wir demonstrieren, so dürfen die Demonstrationen weder planlos, noch zwecklos sein, sondern sie müssen von der Ueberzeugung beeinflußt werden, daß wir für unser Tun vielmehr vor uns, als vor unseren Gegnern verantwortlich sind. B. Zimmer. c Oesterreich-Ungarn. Dcutsclidcniokratischc Gründungen. Wien, den 18. November. Deutsch demokratische Versammlung. Ein kleiner, sehr kleiner Saal, auf daß er „erdrückend" voll werde. (Siehe Zeitungsberichte). Fein weiß gedeckte Tische, Plüschsesseln, dazwischen schweben Speiszettelengel. Versammlungsbesucher': Paradechristen vollständig erschienen, ferner noch zu sehen viele, sehr viele Gesichter semitischen Typus, durchglüht von deutscher Gesinnung. Ueber alles sichtbar, nicht doch fühlbar, der Geist der Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit, vermischt mit Kalbsbratenduft und Uulyassaft. — Es geht los! Zuerst spricht der Dr. Max von Thayenthal. Inhalt der Eede: ,.Na wart's Ihr Christlichsozialen! Wir habens gewagt!" Dann spricht ein demokratischer Gemeinderat. Der Rede Inhalt: „Wir habens gewagt! Na wart's Ihr Christlichsozialen!" Herr Winkler, ein wohlgenährter Gewerbetreibender erzählt weiter, wie elend der Gewerbestand darniederliegt und wie man bald dabei wird ver hungern können. Dabei muß diese edle Seele wohl auf die jüdischen Hausierer gedacht haben, denn gleich darauf zieht er auf den „gewasserten Juden" Porzer los. Das mit liebevoller, deutschdemokratischer Betonung hervorgebrachte Wort „Jude" erweckt in dem größten Teil der Versammlungsmitglieder unangenehme Erinnerungen. Es folgt die Diskussion. Zunächst wird alles wiedergekaut. Dann spricht ein Jüdischnationaler und behauptet steif und fest, Juden hätten in einer deutschen Vereinigung nichts zu suchen, da Juden, und wenn sie noch so sehr vor Teut auf dem Bauche liegen, bleiben, was ihre Väter waren, nämlich eben Juden. Jetzt ist das beschauliche Stillebeu gestört und es erhebt sich ein gewaltiger Sturm im Wasserglase. Der Jüdischnationale bittet um Redefreiheit, man will ihn nicht weiter sprechen lassen. Die assimilierten Herren jüdischer Abstammung stoßen Wutschreie aus: „Jüdischer Antisemit, Grüner Bube, Versammlungssprenger. Pfui Zion, Pfui Palästina! Wir sein deutsch!" Der jüdische Antisemit sieht sich vergnüglich die turbulente Szene an. Der neueste Liebling der „Judenpresse", der Handelskammersekretär Dr. von Thayenthal gibt die Losung aus : „Zwei Minuten wollen wir ihn noch reden lassen, dann muß er hinunter!"' Darauf zieht der „Versammlungssprenger" die Uhr heraus, zeigt sie fröhlich dem Herrn Tayenthal und bedaukt sich nach Ablauf der 2 Minuten herzlichst, daß ihm Gelegenheit gegeben worden ist, die deutschdemokratische Redefreiheit näher kennen gelernt zu haben. Wenn die „demokratischen" Blätter Wiens in ihren Montagsberichten diesen lehrreichen Zwischenfall mit bewunderungswürdiger Einträchtigkeit verschwiegen haben, so ist das damit zu erklären, daß .. . Nun, Sie wissen doch! J. B. Die „Deutsch-akademische Lesehalle". Was sich bei uns an politischen Dingen begibt, ist niemals so trostlos, als daß man nicht darüber lachen könnte. Während ernste Menschen die verzweifelten Anstrengungen des Wiener „deutschfreisinnigen Bürgertums", unter „deutschdemokratischer" Flagge wieder Terrain zu gewinnen, als willkommene Erheiterung begrüßen, gibt es noch immer erwachsene Menschen, die sich zu dem schönen Glauben des Erfolges verleiten lassen. Unglaublich mag's klingen, daß fast sämtliche Mitglieder des „Deutochdemokratischen Vereines* Juden sind. Wer will's den „deutschdemokratischen" Juden übelnehmen, daß sie sich ihr schwarz rot-goldenes Herz nicht aus der Brust reißen lassen V ... Mit dem durch Zeitungsaufrufe und Schnorrbriefe vorbreitetem Siege des Baron Hock und seiner Heerscharen, hat sich die momentane Gründung einer „Deutschakademischen Lesehalle" als notwendig erwiesen. Man zählte die „deutschfreisinnigen * Studenten, womit natürlich jüdische gemeint sind, und glaubte die Gründung ruhig riskieren zu dürfen, denn solange es Juden gibt, ruht eine „Deutsch-akademische Lesehalle" auf festen Säulen . . . Aus Zeitungsberichten weiß man, daß die Gründung mißglückte. Tief beschämend, aber sehr erheiternd ist es zu hören, wie die „Deutschradikalen" das Deutschtum der „deutschen" Gründer bestritten. Possierlich und von unwiderstehlicher Komik waren die heftigen Proteste der jüdischen Deutschen, die in germanischer Unbeugsamkeit ihr Deutschtum auch den - Deutschen gegenüber zu verteidigen gewillt sind. Diese stürmische Versammlung in einem Hörsaale der philosophischen Fakultät ist ein Ausschnitt aus dem

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