Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 50 (22.11.1907)
- Date
- 1907-11-22
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 »Nene Nattonal-Zeitung« Nr. 50 interesse und die wirkliche Nächstenliebe als wahre Leitsterne vorschweben würden. Die katholische Presse. Die antisemitische Bewegung, die sich jetzt so gerne katholisch nennt, geht bei der Wahl ihrer Mittel sehr geschickt zu Werke. Wiewohl sie in erster Linie durch die agitatorische und organisatorische Kraft ihrer Führer zu so großer Macht gelangt ist, scheut sie es nicht, sich auch aller anderen Mittel zu bedienen, die die öffentliche Meinung beeinflußen können. Dazu gehört in erster Linie die Presse. Seit zwei Jahren wird die Ausgestaltung der antisemitischen Presse in unglaublicher Weise forciert. Ein eigener Verein, der „Pius- Verein" wurde gegründet, dessen Aufgabe es ist, mit den gesammelten Geldern klerikale Zeitungen zu gründen, resp. zu erhalten. So hat der „Pius-Verein" in jüngster Zeit das konservativ-klerikale „Vaterland" durch Zuschüsse gestärkt-, ein eigenes Tagblatt, die „Reichspost", gegründet, und schließlich vor einigen Wochen ein billiges Volksblatt, die „Neue Zeitung", ins Leben gerufen. Das erste Blatt ist das Organ für den Adel und die Geistlichkeit, es ist vornehm, trocken-, das zweite, für das Bürgertum,'ist sehr lebhaft, radikal, es soll sogar demnächst im Formate der „Neuen Freien Presse-1 erscheinen; das letzte ist für die untersten Volksschichten bestimmt, erscheint illustriert und soll den Hausbesorgern, Kutschern, Dienstmännern das „Illustrierte Wiener Extrablatt" ersetzen. Auf diese Weise hofft die klerikal-antisemitische Bewegung alle Kreise der christlichen Bevölkerung mit ihren Fangarmen zu umstricken. Auch hier sprechen die Ziffern Bände: Der „Pius-Verein" hat bisher 366.0G0 Kronen gesammelt. Er hat hievon für die erstgenannten zwei Blätter 142.000 Kronen verwendet. Angesichts dieser geschlossenen Tätigkeit der Feinde des Judentums in Wort und Schrift, wie kleinlich, wie impotent, wie jämmerlich erscheint die österreichische und speziell die Wiener Judenschaft! Seit Jahren systematisch von Position zu Position zurückgedrängt, die Zielscheibe gewissenloser Hetzer, gesellschaftlich isoliert und politisch ohnmächtig, verharrt sie noch immer in ihrem beispiellosen Indifferentismus. Worin erblickt die Judenheit Oesterreichs ihre Schutzwehr? In der „Neuen freien Presse", und jüngstens auch in der „Zeit", in jenen Blättern, die alle Regungen des jüdischen Selbstbewußtseins totschweigen und die den ganzen Jammer der österreichischen Judennot mit den abgedroschenen Phrasen der neuprotokollierten deutschdemokratischen Firma Hock & Ofner zu lindern suchen..... Solange die österreichischen Juden sich unter die Kuratel dieser Blätter stellen, die auf Kosten der Juden nur das Zeitungsgeschäft betreiben, solange die Juden mit aufgerissenem Munde den Hocks, Tayenthals und anderen „Hoffnungen" des Liberalismus nachlaufen, um für sie die Staffage abzugeben, um sich an ihren oratorischem Feuerwerk zu ergötzen, solange werden sie nach wie vor dem Ansturm der antisemitischen Bewegung und ihrer immer mehr vorwärtsdrängenden Presse schutzlos preisgegeben sein. . . . Und es werden auf die Wiener Judenschaft, die das Vertrauen auf ihre liberale Presse, auf ihre „deutschdemokratischen" Führer eingelullt hat, noch schwerere Hiebe niedersausen, bis sie endlich zum Bewußtsein kommen wird, daß sie einer antisemitischen Organisation eine jüdische Organisation, und einer antisemitischen Presse eine jüdische Presse entgegenstellen muß. mmm sprkhsml Dieser Teil unseres Blattes steht unseren Lesern zur Verfügung. Wer der Oeffentlichkeit in indischen Fragen etwas zu sagen hat, wer an die jüdische Oeffentlichkeit appellieren will, dem stellen wir diesen Banni gern zur Vei-fngung. Die Redaktion. Das Schauspiel der Bekleidung. Wenn ich mich anschicke, einige kritische Bemerkungen an das am 17. d. M. im Sitzungssaale der Wiener Mehl- und Fruchtbörse vom »Vereine zur Bekleidung und Unterstützung armer, alter Männer« (israelitischer Konfession) veranstaltete Fest zu knüpfen, so bin ich mir dessen bewußt, daß Mancher ententrüstet ausrufen wird: »Aha, da kommt schon wieder der alte Nörgler, mit seinem Steckenpferd von der öffentlichen Schaustellung der armen Schulkinder und der noch ärmeren, alten Männer, die von der Gesellschaft, von den besitzenden Ständen, von der wohltätigen Judenschaft einen warmen Lappen zur Bedeckung ihrer Nacktheit, zur Umhüllung ihrer Armut erhalten sollen.« — Gewärtige ich auch diesen Vorwurf, so gereicht es mir doch zur intensiven Befriedigung, als erster gegen diese Geschmacklosigkeit in der Wiener jüdischen Presse Stellung genommen zu haben. Habe ich in den letzten Jahren an der öffentlichen Bekleidung der alten Männer, die stundenlange in der drückenden Hitze zurückgehalten werden, bis sie alle Reden und Konzertübungen über sich ergehen ließen, aus der Perspektive Kritik geübt, so ging ich diesmal hin, um mir die Sache in der Unmittelbarkeit anzusehen. Und nicht etwa die zahlreich dort gehaltenen Reden, oder die musikalischen Produktionen sollen den Gegenstand meiner Betrachtung bilden. Das Milieu war es, das mein Interesse fesselte und einige psychologische Studien daran zu machen, verlohnte vollauf der Mühe. Der Zulauf zu dieser Veranstaltung war ein ungemein großer, und wie bei allen sonstigen Gelegenheiten, war es auch diesmal das schöne Geschlecht, daß hier das Hauptkontingent stellte. Jugend, Schönheit, Eleganz und alles, was Stand, Rang und Wohlhabenheit bedeutet, erschien auf den Fliesen der großen Marmorhalle und füllte dieselbe bis auf das letzte Plätzchen. Nur der äußerste linke Flügel gehörte den zu bekleidenden 110 alten Männern. Mein Interesse konzentrierte sich auf sie, denen das Fest scheinbar galt. Ich musterte die Reihen, betrachtete jedes einzelne Gesicht und versuchte in demselben die Lebensgeschichte seines Trägers zu lesen. Man glaube nicht, daß dies gar so schwer sei! Das Antlitz des Menschen ist ja das offene Buch seines Daseins, und um in demselben zu lesen, gehört blos ein bestimmter Wille. Auch waren es nicht durchwegs Greise, die da saßen; viele unter ihnen mochten kaum fünfzig Jahre alt sein, aber sie gehörten zu den Greisen, denn das Wrack ihres gestrandeten Lebensschiffes ist längst in den abgrundlosen Tiefen des Weltmeeres versunken, sie werden sich nie mehr im Leben zu einer Position wieder aufraffen. Und ich stand vor diesen Männern und las immer wieder in den verschieden gearteten Gesichtern und da drängte sich mir das Gebet des Patriarchen Jakob vor die Seele: »Wenn du mich meinen Weg bis zu Ende führest und mir Brot zur Sättigung und ein Gewand zur Bekleidung geben wirst, (ohne daß ich auf fremde Hilfe angewiesen sein soll) dann, und nur dann sollst du mir zum Gotte sein, und der Stein, den ich hier errichtet habe, er soll zum Gotteshaus werden.« Nathan Chameides. Eine Studcntenstimnie. Geehrter Herr Redakteur! Die Wiener Universität war in der letzten Zeit der Schauplatz tumultöser Demonstrationen, von welchen die zwei jüdischen ein besonderes Gepräge tragen. Sie wurden veranstaltet, nicht deshalb, weil Demonstrationen an der Wiener Universität zu einer traditionellen, alljährlich wiederkehrenden Tatsache geworden sind, sondern, weil — wie es allgemein behauptet wird — die jüdischen Studenten provoziert wurden. Da man sich aber als Student keine Provokation gefallen lassen darf, so wurde, wie es nun allerorts üblich ist, auch in unserem national-jüdischen Lager demonstriert. Diese Demonstrationen sollten einerseits unserer Entrüstung über die Anmaßung des Provokateurs Ausdruck verleihen, anderseits sollten sie als Kraftproben unseres ständigen Wachstums, ad oculos unserer Gegner die national-jüdische Lebens- und Leistungsfähigkeit beweisen. Was bezweckt wurde, ist allerdings bewiesen worden. Ich aber frage: Waren diese Kraftproben notwendig? Waren sie vielleicht nützlich? Ich bin kein Korpsstudent, stehe auf dem Standpunkte eines Nichtschlagenden und behaupte, daß das »Schlagen« im Falle »Arnold« nicht notwendig und die Art der anti-deutsch-freih^itlichen Demonstration ebensowenig nützlich war.