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Neue Nationalzeitung · 1907-11-22 · Heft 50 (22.11.1907) · p. Seite 5

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 50 (22.11.1907)
Date
1907-11-22
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 50 »Neue National-Zeitung« Seite 5 der Staatsgrundgesetze aufmerksam zu machen, und nachstellende Anfragen zu richten: 1. Ist es Er. Exzellenzen bekannt, daß seit der Aera des Generalstabsarztes Dr. v. Criel unter Verletzung der staatsgrundgesetzlich gewahrten Gleichberechtigung an Mediziner keine Stipendien erteilt, und Aerzte nicht angestellt werden, nur deswegen weil sie Juden sind? 2. In welcher Weise gedenken Er. Exzellenzen für die Zukunft diese Verletzung der Staatsgrundgesetze seitens der obersten Kriegsverwaltung zu verhüten? Diese Interpellation können wir aber blos als eine Ankündigung des Kampfes gegen Herrn von U r i e 1 ansehen. Das Parlament in seiner jetzigen Zusammensetzung muß endlich Farbe bekennen. Es muß vor die Entscheidung gestellt weiden, ob ein General und sei er, wer immer, höher steht, als die Staatsgrundgesetze. L. Die hehren des Katholikentages. Wien, den 20. November 1907. Wenn wir die imposante Versammlung der Repräsentanten katholischer Organisationen übersehen, die unter der Führung von Spitzen des Klerus und der Aristokratie als der „VI. Allgemeine österreichische Katholikentag" vom 16. bis zum 19. d. M. in Wien ihre Beratungen abhielt, so müssen wir mit Erstaunen wahrnehmen, welche Erfolge eine fleißige und energische Agitation herbeiführen kann. Es ist kein Zufall, daß dieser VI. Katholikentag gerade mit der Berufung zweier christlichsozialer Minister ins Kabinet Beck zusammenfällt. Denn diese beiden Ereignisse sind die Ausläufer jener Bewegung, die unter ..christlicher"* Flagge nicht das Wohl des Christentums oder des christlichen Volkes, die beide in Oesterreich vorherrschend und von niemandem unterdrückt sind, erstrebt, sondern die persönlichen Ambitionen einiger Ehrgeizlinge befriedigen sollte. Wenn wir die Liste der Ministerpräsidenten überblicken, welche Oesterreich in den letzten 30 Jahren regiert haben, so möchten wir fragen, ob von einem derselben behauptet werden könnte, daß er kein guter Katholik war. Gibt es denn wirklich jemanden in Oesterreich, der behaupten kann, daß unter dem Grafen Taafe, dem Fürsten Windischgrätz, dem Grafen Thun, dem Grafen Badeni usw., Christen unterdrückt und Juden bevorzugt worden wären? Haben denn wirklich die 25 Millionen Christen in Oesterreich unter dem Szepter Kaiser Franz Josefs I. eines Schutzes wider Unterdrückung bedurft? Und doch haben sich in Oesterreich einige Männer gefunden, die unter dem Schlagworte des Christentums und seines Schutzes gegen das Judentum, ganze Volksmassen aufgewühlt, und die nicht früher geruht und gerastet haben, bis sie als k. k. patentierte Minister zum Schutze der christlichen Bevölkerung von staatswegen angestellt wurden. Und noch immer sind sie nicht zufrieden. Sie strecken ihre Hände nach den Universitäten aus, um das Licht der Wissenschaft mit ihren Kutten zu verdecken, und die Einschränkung der freien Forschung, die Verdummung des Volkes, nennen sie nach wie vor den — Schutz des Christentums. Wir stehen den Bestrebungen des katholischen Klerus, soweit es sich darum handelt, Einrichtungen der katholischen Kirche gegen die Bevormundung seitens des Staates und gegen den Zelotismus liberaler Anarchisten zu schützen, gewiß objektiv gegenüber. Allein, die Tendenz des Katholikentages bestand nicht mehr in der Defensive, nicht in der Verteidigung des Katholizismus in Oesterreich, sondern er war agressiv, eroberisch. berauscht von den letzten politischen Ereignissen; es waren die Vertreter des Antisemitismus, die hier das große Wort, führten. Dr. Lueger hetzt weiter. Als Dr. Lueger jüngst schwer erkrankt war, da hat es wohl selbst unter den Juden Leute gegeben, denen sein schweres Leiden Sorgen bereitete. .Man erzählte sich sogar Legenden von seiner Judenfreundlichkeit, denn jene Leute, die immer der Erfolg versöhnt, hatten inzwischen die demagogischen Hetzreden des Begründers der antisemitischen Partei in Oesterreich vergessen. Und weil in Oesterreich der Antisemitismus sich nicht in Pogroms äußert, so hat es auch-, in jüdischen Kreisen „nüchterne% „objektive" Politiker gegeben, welche plötzlich die Entdeckung •machten, daß Lueger ..eigentlich" gar kein Judenfeind sei. Wir wissen nicht, ob es Lueger darum zu tuu war, diese Leute zu bekehren. Aber die Hetzreden, welche er am Katholike: tag hielt, beweisen, daß der Bürgermeister der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien, der möglicherweise seiner wirklichen Gesinnung nach niemals Antisemit war, noch heute skrupellos, wie vor zwanzig Jahren, die katholische Bevölkerung gegen die Juden aufzuhetzen weiß. Worin bestand denn stets eigentlich die oratoiische Bedeutung der Lueger'schen Reden? Darin, daß er den „kleinen Mann:* gerade an sein christliches Bekenntnis erinnert hat. Jede Rede Luegers durchzieht stereotyp der Ausdruck: „Wir Christen!" Und dann kam der psychologisch feindurchdachte Appell an die atavististischen Instinkte der christlichen Bevölkerung: „Wir Christen werden von den Juden unterdrückt!" In dieser Gegenüberstellung von Juden und Christen als Massenbegritf, liegt das ganze Rätsel des Lueger'schen Erfolges. Nun kommt jetzt Lueger, nachdem er im Wiener Gemeinderat, im niederösterreichischen Landtag, im österreichischen Parlament durch die Fluten der christlichen Volksmassen in die Höhe getragen wurde, nachdem er die höchsten Aemter in Staat, Land und Gemeinde mit seinen Barrierestöcken besetzt hat, und jammert herzzerreißend am Katholikentag, wie bedrückt die katholische Bevölkerung in Oesterreich sei. denn es werden noch immer unter acht Universitätsprofessoren sieben Juden ernannt... Und er fügte hinzu: „Solange das möglich ist, bedarf es noch eines schweren Kampfes, bis "vir es dahin bringen, daß unter acht ernannten Professoren — sieben Christen sind." Eine größere Heuchelei hat es wohl noch selten gegeben. Denn diese sieben jüdischen Professoren sind — vier. Und selbst diese vier wurden nicht zu Universitätsprofessoren ernannt, sondern erhielten lediglich den Titel eines „außerordentlichen Professors." Die Regierung hat damit, hervorragende Gelehrte auf sehr billige Weise ausgezeichnet. Daß aber schon seit Jahren ein Jude in Oesterreich an keiner Universität zum ordentlichen Professor ernannt wird, dafür haben schon seit Jahren andere Minister gesorgt, denen gegenüber Herr Dr. Lueger jetzt das Christentum verteidigen zu müssen glaubt. Wir haben uns bei dieser Rede etwas länger aufgehalten. Doch wir mußten es tun, um zu zeigen, daß die großen Erfolge der Antisemiten ihre Kampfesweise keineswegs vornehmer gemacht haben uud daß die Antisemiten noch lange nicht jenen Höhepunkt erreicht zu haben glauben, von dem aus ihnen das wahre Staats-

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