Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 50 (22.11.1907)
- Date
- 1907-11-22
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 xNeue National-Zeftuno-« Nr. 50 Zur frage der Militärärzte. In der nächsten Parlamentssitzimg vom 23. d. M. wird der „Jüdische Klub" (Dr. Gabel und Genossen) an den Ministei Präsidenten und Landesverteidigungsminister eine sehr geharnischte Interpellation in der Angelegenheit der Militärärzte überreichen. Der Jüdische Klub wird damit eine sehr aktuelle Frage anschneiden, um die unsere liberale Presse seit einigen Wochen wie eine Katze um den Brei herumläuft. Wie in den liberalen Blättern zu lesen ist, beschäftigt sich das Reichskriegsministerium sehr eingehend mit der Frage, durch welche Mittel dem Mangel an entsprechendem Nachwuchs im militärärztlichen Korps abzuhelfen sei. Am letzten Montag hat sogar unter dem Vorsitze des Thronfolgers im Reichskriegsministeriurn hierüber eine Konferenz der Armee-General-Inspektoren stattgefunden. Es wird erzählt, daß die oberste Militärverwaltung, um Aspiranten für die unbesetzten 240 Militärärztestellen ausfindig zu machen, zu einem großartigen Mittel greifen will. Sie beschloß nämlich, die Titel zu ändern! Es sollen also der Regimentsarzt nunmehr Hauptmann-Arzt, der Stabsarzt Majorarzt usw. heißen. Damit glaubt Herr Generaloberstabsarzt Dr. von Uriel dem Uebel abzuhelfen. Unsere Wiener liberale Presse begnügt sich damit, diese diversen, offiziösen Communiques zu publizieren, dem Uebel aber auf den Grund zu gehen, ist sie zu feig. Denn es handelt sich in der ganzen Sache nur um die Judenfrage... Zur Illustration des ganzen Standes dieser militärärztlichen Misere will ich hier einen Passus aus meiner Broschüre „Der Polenklub und seine Hausjuden" zitieren, welche sich eingehend gerade mit dieser Frage beschäftigt. Ich habe vor einem Jahre geschrieben: »In der letztjährigen Delegationssession hat sich der Ab- »geordnete Dr. Straucher — die jüdischen Delegierten der früheren Jahre, wie Baron Oppenheimer, Ritter v. Gomperz und Dr. Byk haben das zarte Ohr der Delegationen mit jüdischen Dingen nicht behelligen wollen — der verdienstvollen Aufgabe unterzogen, nicht nur die in ritueller Beziehung stiefmütterliche Behandlung der jüdischen Mannschaft, sondern auch die Aussperrung der Juden vom Auditoriat und die Zurücksetzung im militärischen Korps zur Sprache zu bringen. Der Herr Reichskriegsminister hat darauf geantwortet. Aber nicht mit der sogenannten militärischen Offenheit. In Punkto Auditoriat hüllte er sich in den Mantel des Schweigens. Er konnte ja nichts ableugnen. Das Auditoriat ist judenrein und muß es bleiben. Herr v. Pitreich galt sonst als gerechter Mann. Doch seine Gerechtigkeit reichte eben nur bis zu den — Juden. In der mi 1 itärärztlichen Frage hat der Chef der Kriegsverwaltung eine andere Taktik eingeschlagen. Er kam mit Ziffern. Haarklein zählte er auf, wieviele jüdische Aerzte vom Oberstabsarzt (unter 44 Oberstabsärzten 1. Kl. 2 Juden, unter 68 Oberstabsärzten II. Kl. 22 Juden) bis zum Regimentsarzt (unter 494 Regimentsärzten I. Kl. 119 Juden und unter 231 Regimentsärzten 11. Kl. 11 Juden) herab die gemeinsame Armee jetzt besitzt, und wieviel Stipendien (114) insgesamt seitens der Militärverwaltung bisher an jüdische Aspiranten verliehen worden sind. (Vergl. die stenographischen Sitzungsprotokolle der Delegation, XLI. Session, 7. Sitzung vom 2. Juli 1906.) Der Kriegsminister war jedoch nicht in der Lage, anzugeben, daß sich unter den 95 k. u. k. Oberärzten, die seit dem Jahre 1903 angestellt wurden, auch nur ein einziger Jude befindet. Das ist eben das systematische Werk des bekannt judenfeindlichen General- Oberstabsarztes Dr. von Uriel, des Chefs des militärärztlichen Korps, der jedem jüdischen militärärztlichen Nachwuchs vorbeugen und mit der Zeit auch dieses Korps judenrein machen will. Mit diesem Herrn solidarisierte sich also der Reichskriegsminister v. Pitreich. Wird sein Nachfolger besser sein? Vielleicht wird er doch endlich dem Herrn v. Uriel einen Vortrag über die Staatsgrundgesetze halten.« Seitdem haben sich die Verhältnisse nicht geändert- Die Juden werden weiter boykottiert. Aber die Kriegsverwaltung sieht plötzlich mit Entsetzen, daß sie keine Aerzte hat. Die Oeffentlichkeit wird allarmiert, die Oeffentlichkeit wird irregeführt. Es wird nach Gründen gesucht und über Abhilfe beraten. In Wahrheit sind nicht die Verhätnisse schuld, sondern eine Person: Der General-Oberstabsarzt Dr. von Uriel. Diesen Herrn muß man fortschicken. Durch die antisemitische Gesinnung dieses Menschen darf nicht das Wohl der Armee gefährdet werden. Und wenn Dr. von Uriel nicht freiwillig geht, so wird man schon Mittel finden, um ihn dazu zu zwingen. Zur richtigen Zeit greift nun der jüdische Klub mit seiner Interpellation ein, um vor der Oeffentlichkeit die große Heuchelei, mit der die wirklichen Gründe des Abganges von Aspiranten für die militärärztliche Charge verhüllt weiden, aufzudecken. Die Interpellation lautet: Interpellation der Abgeordneten Dr. Gabel und Genossen an Ihre Exzellenzen, den Ministerpräsidenten Frh. von Beck und Landesverteidigungsminister Feldzeugmeister von Latscher: Wie aus Zeitungsberichten in der letzten Zeit zu ersehen ist, beschäftigt sich die oberste Kriegsverwaltung mit der Untersuchung der Frage, in welcher Weise dem vorhandenen Mangel an militärärztlichem Nachwuchs abzuhelfen sei und wird bei dieser Gelegenheit darauf verwiesen, daß infolge des Mangels an Nachwuchs 240 Militärarztstellen unbesetzt bleiben mußten. Wie es in den Offiziösen Communiques weiter heißt, führt die Kriegsverwaltung diese mangelhafte Bewerbung um die militärärztlichen Stellen darauf zurück, daß die Militärärzte gegenüber den Offizieren im Range zurückgestellt werden, und in Bezug auf Avancement schlechte Aussichten haben. Die endesgefertigten Abgeordneten erlauben sich jedoch, Eure Exzellenzen darauf aufmerksam zu machen, daß der Mangel an Militärärzten darauf zurückzuführen ist, daß der jetzige Chef des militärärztlichen Offizierskorps. Herr General-Oberstabsarzt Dr. v. Uriel, systematisch und unter Verletzung der Staatsgrundgesetze den jüdischen Petenten die Aufnahme in das militärärztliche Offizierskorps verweigert. Seitdem Herr Dr. v. Uriel Chef geworden ist, werden jüdischen Aspiranten keine Militärstipendien bewilligt und sind dieselben von der Anstellung als k. u. k. Oberärzte ausgeschaltet. Dadurch geht ein junges, arbeitswilliges, gebildetes Element dem Militärdienste verloren. Die Endesgefertigten verweisen darauf, daß bereits Herr Abg. Dr. Strauch er in der letzten Delegationssitzung diese Zurücksetzung der jüdischen Aerzte seitens des Herrn Dr. v. Uriel zur Sprache brachte. Der Herr Reichskriegsminister v. Pitreich hat damals in seiner Erwiderung jedoch darauf hingewiesen, daß Juden in höheren Chargen als Oberstabsärzte u. dgl. mit hohen Prozentsätzen vertreten sind, er unterließ es aber, den brennendsten Punkt der Frage: daß Juden in das militärärztliche Offizierskorps seit der Aera Uriel überhaupt nicht aufgenommen werden, auch nur zu streifen. Die Endesgefertigten sehen sich nun verpflichtet, die öffentliche Meinung, das hohe Abgeordnetenhaus, sowie Eure Exzellenzen auf diese krasse Verletzung