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Neue Nationalzeitung · 1907-11-22 · Heft 50 (22.11.1907) · p. Seite 3

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 50 (22.11.1907)
Date
1907-11-22
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 50 »Neue Nat)onal-Zeitung<v Seite 3 werden, denn einerseits ist sie einmal aufgerollt, anderseits beginnt schon jetzt der gesellschaftliche Antisemitismus, der viel schrecklicher als der bureaukratische ist, sich gewaltig zu entwickeln. Das mußte letzthin sogar der Vertreter der Opposition öffentlich anerkennen. Und somit wäre es wünschenswert, daß die russischen Juden aufhören, alle ihre Hoffnungen auf die Duma zu setzen und sich mehr auf die Selbsthilfe verlassen. Die letzten Dumawahlen haben einen furchtbaren Schlag versetzt — dem schüchternen, bittenden, kraftlosen Judentum. Sie werden in neue Bahnen lenken — das selbstbewußte, energische, lebensfähige und nur auf sich selbst rechnende Judentum. Eines vergesse man nicht: die dritte Duma ist kein Zufall, sondern ist der Ausdruck der im Zarenreich herschenden Machtverhältnisse, die nicht so leicht umzuändern :>ind. Der Dumopräsident über die Dudenfrage. Petersburg, den 13. November. Der Parlamentsberichterstatter des hebräischen Tagblattes »Hed H asm an« hatte heute eine längere Unterredung mit cjem soeben gewählten Präsidenten der Duma, Herrn Nikolaus Chomjakow, über die Lage der Juden in Rußland, und insbesondere über die Stellung, welche die dritte Duma der Judenfrage gegenüber einnehmen wird. Der Präsident begann: »Sie sind wohl zu mir gekommen, um sich über meine und über die Ansicht der Oktobristenparteif der ich angehöre, betreffs der Judenfrage zu informieren? Ob wir die Lösung der Judenfrage in unser Programm aufgenommen haben? Darauf habe ich rundweg zu erwidern: Wir haben diesbezüglich bisher noch gar keinen Beschluß gefaßt. Soweit ich jedoch die Gesinnung meiner Parteikollegen kenne, werden wir in absehbarer Zeit dieser Frage überhaupt nicht näher treten. Ist denn jetzt wirklich die Zeit, sich mit Lappalien, wie es die Judenfrage ist, zu beschäftigen? Wir danken Gott, daß diese Frage nicht den Lebensnerv des russischen Volkes oder seiner Regierung trifft. Wie können Sie denn verlangen, daß wir uns mit einer solchen Nebenfrage beschäftigen zu einer Zeit, wo die Grundpfeiler des Reiches zu bersten drohen? Zu einer Zeit, wo der Bestand des Reiches selbst gefährdet ist? Wir müssen vorerst unser Augenmerk darauf richten, den Bau zu festigen, die Ordnung im ganzen Reiche herzustellen, und wenn uns dann noch Zeit bleibt, können wir unsere Aufmerksamkeit auch anderen Fragen zuwenden. Es ist ja geradezu lächerlich, wenn Sie jetzt, wo wir vor einer Staatskrise stehen, zu mir kommen, um mich auf die Gefahren aufmerksam zu machen, die meinem Nachbar drohen!« »Was, Sie wenden ein, daß die Judenfrage einzig in ihrer Art ist, und keinen Aufschub duldet? Die Juden seien in der Ausübung ihrer staatsbürgerlichen Rechte mehr als alle anderen Völker beschränkt? Sie meinen, daß die Juden unter diesen Bedingungen ihr Leben ni:ht weiterführen können, und diese Frage deshalb einer sofortigen Lösung bedürfe? Fragen Sie nur einmal die Armenier, Grusen Tartaren und die anderen zwanzig Völker, die Rußland bewohnen, und Sie werden hören, daß diese dasselbe sagen wie Sie. Nach Ihrer Behauptung wären wir also verpflichtet, die Judenfrage sofort auf die Tagesordnung zu setzen! Und zugegeben, daß Eure Stellung eine unterdrückte ist, seid Ihr wirklich so naiv zu glauben, daß wir deshalb die Interessen des russischen Volkes den Eurigen subordinieren werden?« »Glauben Sie,« unterbrach der Interviewer, »daß die Duma Gesetze beschließen wird, die allen Nationen Rußlands zugute kommen, während wir Juden weiterhin in der Stickluft der Unterdrückung existieren sollen? Wäre dies der Duma würdig, ist dieser Zustand normal?« »Nein, nein, keineswegs«, rief Herr Chomjakow aus. »Ich halte jede Beschränkung für töricht und unlogisch, weil sie dem russischen Volke mehr als den Juden schadet. Denn diese Ausnahmsbestimmungen fördern lediglich die Korruption, insbesondere die Bestechlichkeit der Beamten. Diese sinken ja nach und nach zu Blutsaugern herab. Durch ihre Schandtaten und ihre Parteilichkeit werden nicht die Reichen, sondern in weit höherem Maße die Armen betroffen. Die Poliakoffs und Ginzburgs leben f iedlich und unbelästigt in ihren Palästen, während der arme jüdische Hausierer von Ort zu Ort gejagt wird, er, der doch niemandem etwas zuleide tut! Die reichen und gebildeten Juden finden Mittel und Wege genug, um das Ansiedlungsgesetz zu umgehen; so z. B. sind in Smolensk allein 200 jüdische Zahnärzte ansässig, von denen natürlich kein einziger diesen Beruf ausübt. Es wird daher, sobald die Gelegenheit gegeben sein wird, unsere Partei für die Aufhebung der Ansiedlungsbeschränkungen eintreten, wiewohl es auch an Stimmen nicht fehlt, welche darob große Befürchtungen für die weitere Entwicklung des russischen Volkes hegen. Aber ich müßte lügen, wenn ich' nicht gestehen sollte» daß ich mich sehr freuen würde, eines schönen Morgens Rußland judenrein zu sehen! Ich weiß, daß dies meinerseits lediglich ein frommer Wunsch ist, denn wir müssen ja mit den Tatsachen rechnen. Sie staunen, warum ich mich plötzlich für die Judenreinheit Rußlands ereifere? Ich werde Ihnen die Sache erklären: Die Juden sind ein unstetes Volk, und werden nie zu einem festen Wohnsitz gelangen. Ohne die geschichtlichen Ursachen untersuchen zu wollen, die diesen Zustand heraufbeschworen haben, bleibt es ein Faktum, daß die Juden, eben weil sie ein unstetes Volk sind, immer Parasiten am fremden Volkskörper sein werden. Die Juden werden nie ein ackerbautreibendes Volk. Kommen Sie mir nur nicht mit den Kolonien in Palästina, Argentinien und Kanada! Wenn es schon eine jüdische Frage gibt, so ist es nur eine ewige Finanzfrage! Die Juden haben den Handel und die Finanz monopolisiert, und nur deshalb gibt es eine Judenfrage. Die Ausnahmsgesetze, die wir für die Juden statuierten, treffen ja im empfindlichen Maße nur das große jüdische Proletariat, aber nicht so sehr die jüdische Bourgeoisie« Soweit jedoch Handwerker und Arbeiter in Betracht kommen, mache ich keinen Unterschied zwischen Juden und Nichtjuden. Und wenn ich auch die Daseinsberechtigung der Juden anerkenne, muß ich doch sagen, daß es eine Anomalie wäre, den Juden gleiche Rechte einzuräumen, oder ihnen etwa zu gestatten, an den Gesetzen, die für das russische Volk bestimmt sind, mitzuarbeiten. Die Judenfrage als solche, sollte keineswegs als ein Schlagwort angesehen werden. Sie muß vielmehr in ihre wesentlichsten Teile zergliedert, und solcherart beraten werden. Dann wird sich gewiß niemand finden, der dagegen opponiert. Wie ich mich zur Anerkennung der jüdischen Nationalität stelle? Ich finde diese Frage so verworren, daß ich überhaupt jede Antwort verweigern muß. Diese Frage ist nicht aktuell, und mit Theorien und Problemen der Zukunft mich zu beschäftigen, fehlt mir die Zeit und auch der Wille. Die Tätigkeit der Duma muß produktiv sein.« »Vielleicht darf ich Sie also um ein Resume Ihrer Ansichten über die Judenfrage bitten?« »Ich bin der Ansicht,« schloß nunmehr Chomjakow seine Ausführungen, »daß die Judenfrage nur stückweise von der Duma erledigt wefden kann. Wünschenswert wäre es allerdings, wenn ihre einzelnen Phasen in Verbindung mit Fragen, die andere Nationen betreffen, der Duma vorgelegt werden könnten. Denn darüber ist sich doch jeder denkende Russe klar: wenn schon einmal Juden als solche Sitz und Stimme in der Duma haben, ist es doch geradezu absurd, daß sowohl sie als auch ihre Glaubensgenossen nicht überall wohnen dürften. Aber wie gesagt, die Judenfrage wird sobald nicht auf die Tagesordnung der Duma kommen, weil uns jetzt wichtigere, den Lebensnerv des russischen Volkes treffende Probleme vollauf beschäftigen.«

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