Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 50 (22.11.1907)
- Date
- 1907-11-22
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 ^eue National-Zeitung« Nr. 50 Stimmen des unbedeutenden jüdischen Proletariats, sondern auf die der Zionistengegner überhaupt gepocht. Das jüdische Proletariat spielt als Walilmasse eine ganz unbedeutende Rolle. Der Beweis ist ganz einfach: das in der Großindustrie verwendete russische Proletariat hat trotz aller Hemmnisse 12 Vertreter in der neuen Duma; das im Handwerk und in der Hausindustrie verwendete jüdische Proletariat ist so winzig, daß es nicht einen einzigen Vertreter in der Duma besitzen wird. Auf dem Londoner Kongreß läßt sich alles schön zurechtlegen, aber das wirkliche Leben deckt die Wahrheit auf. Will jemand von den Führern des jüdischen Proletariats in die Duma gelangen, muß er unbedingt von der ganzen jüdischen Masse unterstützt werden. Und wenn der Führer der „Sseimisten^, Herr Ratner, seine Kandidatur in Zitomir aufstellt oder der Führer des Bundes, Herr Rein, in Dwinsk sich wählen läßt, so handelt es sich nicht um eine proletarische Kandidatur. Vor allem handelt es sich dabei um eine Protestkandidatur, ohne jeglichen Bezug auf proletarische Forderungen. Da es sich um die ganze Masse der jüdischen Wähler handelt, so muß der Kampf auf einem ganz anderen Boden ausgefochten werden. Hie Assimilatoren — offene und verkappte — hie Nationalisten. Alle beide wissen, daß sie durch ihren Kampf nichts positives erreichen werden. Schließlich, wenn es zum letzten Wahlakte kommt, haben die Großgrundbesitzer zusammen mit dem reaktionären Teil der Bauern die Mehrheit und wählen doch keinen Juden in die Duma. Aber es wird um Prinzipien gekämpft. Und da müssen wir sagen, daß auch diesmal die nationalen Elemente den Sieg davongetragen haben: die Majorität der jüdischen Wahlmänner ist aus Zionisten und Nationalisten zusammengesetzt. Der Bund hat ganz entschieden an Einfluß in der Judengasse viel, sehr viel eingebüßt. Nicht einmal als Vertreter des Protestgedankens wollte man sie haben. Die anderen jüdisch-proletarischen Parteien, mit Ausnahme der Sseimisten, haben sich der Wahlkampagne enthalten, aber das Bild würde sich nicht um ein Haar ändern, wenn sie an den Wahlen teilgenommen hätten. Jedenfalls motivierten die proletarischen Parteien ihre Anteilnahme an der Wahlkampagne nicht durch die unmittelbar zu erreichenden Resultate, sondern man schob Agitationszwecke vor. Wer einerseits die jüdische Masse kennt, andererseits die Umstände, unter denen die letzten Wahlen stattfanden, berücksichtigt, weiß ganz gut, daß entweder die Agitation nutzlos, oder unmöglich war. Was wollen sie den Juden einreden? Daß es für sie schlecht sei, daß ein demokratischer Staat für sie besser sei als eine Despotie? Aber das wissen alle Juden Rußlands. Was sonst? Eine sozialistische Propaganda entwickeln? Das russisch-jüdische Proletariat ist sozialistisch, auch wenn es national oder zionistisch ist und unter den gegebenen Umständen war eine breit angelegte Agitation absolut unmöglich. Agitation — flaue Ausrede. Dumamandat — wirkliches Ziel. Denn der Jude ist ein unverbesserlicher Optimist. Man hoffte! — Worauf? — Auf ein Wunder. Denn ohne Wunder konnten die Juden in die Duma nicht gelängen. Es handelt sich nicht bloß um die schreienden Ungerechtigkeiten des Wahlmodus, sondern auch um die Stimmung im Volke selbst. Nicht bloß die Großgrundbesitzerklasse, sondern auch der überwiegendste Teil des im Ansiedelungsrayon wohnenden Bauerntums ist rückschrittlich und chauvinistisch gesinnt — nicht bloß den Juden, sondern auch den Polen, Deutschen und allen anderen Nichtrussen gegenüber. Und so war das Endresultat ein klägliches. Die Juden sind in der dritten Duma fast gar nicht vertreten, denn die zwei gewählten Juden sind doch wirklich keine Vertreter des ganzen russischen Judentums. Das beste wird sein, wenn sie diplomatisch schweigen, denn wir halten sie nicht für fähig, im Namen des leidenden, aber auch des stolzen Judentums zu sprechen. Und nun sei es mir erlaubt, hier einen sehr ketzerischen Gedanken auszusprechen, der nur deshalb ketzerisch ist, weil die Menschen sonst sich viel mehr von sentimentalen Rücksichten, als von reellen Tatsachen leiten lassen. Wir meinen nämlich, daß es unter den gegebenen Verhältnissen für die russischen Juden absolut gleichgültig ist. ob in der Duma zwei oder zwölf eigene Vertreter vorhanden sind. Die zwei jüdischen Deputierten in der dritten Duma werden gerade so viel, respektive gerade so wenig ausmachen als die zwölf jüdischen Deputierten der ersten Duma. Und warum? Weil es sich vorläufig um die bürgerliche Gleichberechtigung und nicht um die nationale Vollberechtigung handelt. Die erste Forderung ist ein Resultat des allgemeinen Fortschrittes im Lande und ihre Erfüllung hängt zusammen mit der Befestigung des Rechtsstaates. Und wenn kein einziger Jude in der Duma sein würde, hätten doch die Juden die Gleichberechtigung erlangt, wenn die Opposition im ganzen Lande gesiegt hätte, und wenn an Stelle Stolypins z. B. Miliukoff oder irgend einer von der Linken Ministerpräsident wäre. Die formelle Gleichberechtigung der Juden ist eine automatische Folge des Verfassungsstaates, der überhaupt auf der Grundlage der rechtlich-formalen (aber nicht der sachlich-sozialen) Gleichberechtigung aufgebaut ist. Nun sind in Rußland die Verhältnisse vorläufig solcher Art, daß von einem wirklichen Verfassungsstaate gar keine Rede sein kann und somit auch nicht von einer bürgerlich-politischen Gleichberechtigung der Juden. Ob in dieser Duma zwei oder zwölf Juden sitzen werden — ist für uns gleichgültig. Wir sind deshalb auch nicht sonderlich über die Resultate der letzten Dumawahlen, soweit es sich um die jüdischen Wahlresultate handelt, betrübt. Sie sind betrübend, aber von einem ganz anderen Gesichtspunkte: Sie haben uns bewiesen, daß in Rußland der Kampf um die Verfassung erst beginnt und lange, recht lange andauern wird. Denn je später in einem Staate der Verfassungskampf, der Kampf um die Freiheit und Gleichheit der Bürger beginnt, desto schwieriger und langwieriger gestaltet er sich, denn umsomehr hat sich der Absolutismus an die neuen Lebensformen angepaßt und umsomehr haben sich die gesellschaftlichen Gegensätze entwickelt. Es ist nicht hier der Ort, dieses Gesetz zu entwickeln, aber wenn der Leser den Kampf um die Verfassung in den verschiedenen Ländern — Frankreich, Deutschland, Oesterreich — genauer analysiert, so wird er wohl die Richtigkeit des von uns aufgestellten Gesetzes anerkennen. Dieses Gesetz hat auch für uns Juden eine große Bedeutung. In Frankreich dauerte der Kampf um die jüdische Gleichberechtigung etwa zwei Jahre seit dem Beginne der Revolution. In Deutschland dauerte der Kampf viel länger, in Oesterreich noch länger und in Rußland wird er noch länger dauern. Je länger dieser Kampf dauert, desto eher wird die Gleichberechtigung stückweise erreicht, und desto mehr beschränkt sie sich auf das formale Rechtsgebiet Und wir glauben, daß die Wahlresultate der dritten Duma deshalb so bedeutend sind, weil sie uns ein grelles Licht auf die nächste Zukunft der russischen Juden werfen. Alle diejenigen, die sich damit vertrösten ließen, recht bald die Lösung (?) der Judenfrage in Rußland zu erleben, täuschen sich ganz gewaltig. Erst jetzt wird die Judenfrage in Rußland sehr brennend