Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 49 (15.11.1907)
- Date
- 1907-11-15
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 49. N'eue National-Zeitung« NATHAN SAMUELY: Herr Windbeutel. Den Kopf über die Brust tief vorgebeugt, den Bart zerzaust, den Hut verschoben und beide Hände vergraben in den Hosentaschen, so begegnest du Herrn Windbeutel zu jeder Tagesstunde, geschäftig in den (fassen umherlaufen, von einem zum andern, jede paar Minuten in einer anderen Menschengruppe auftauchend. Jetzt siehst du ihn dort, umgeben von einer Schar frommer, gesetzestreuer Glaubensgenossen, denen er unter lebhaften Gestikulationen klarlegt. er sei nicht bloß ihr Parteigenosse, sondern auch ihr Beschützer, ihr Vertreter, ihr wirksamer Wortführer — er werde schon ihrer Sache, das heißt eigentlich „unserer Sache ' zum Siege verhelfen, das von s uns Konservativen" vorgelegte Gemeindestatut werde er schon beim Ministerium durchpeitschen. Dasselbe habe er ja auch schon seinen Freunden, den großen Rabbinern Israels geschrieben, die in allen Notlagen sich von ihm Rat holen. Und schon taucht seine Hand aus der Tasche mit einem Stoß Briefen. „Lauter Briefe von den Leuchten Israels", beteuert er. Aber niemand von der Umgebung bekommt nur einen dieser Biiefe zu Gesicht, denn er läßt sie bald wieder in der Tasche verschwinden. Indes redet er immer eifrig fort und läßt mit seinen Worten eine Menge von Zitaten mitlaufen, wie er sagt, aus Talmud und Midrasch, die er aber in der Tat nur unter dieser falschen Spitzmarke in Kurs setzt, denn zumeist entspringen sie seinem eigenen Gehirne und bilden ein Kauderwelsch von abgerissenen Phrasen, wie sie ihm just in den Mund kommen. Ehe du dich versiehst, taucht er schon wieder mitten in einer anderen Gruppe auf, bestehend aus Fortschrittsmännern, und ihnen wieder legte er nahe, in einem Wortschwall, ebenfalls von Zitaten durchmengt, die er jedoch diesmal unter der Firma von Klassikern ausgibt — er habe doch den Finsterlingen die Leviten gelesen, daß sie ganz paff geblieben. Man solle ihm nur getrost die Sache des Fortschrittes überlassen, er werde schon mit den Zeloten fertig werden. Wie bekannt, sei er im Ministerium zu Hause und werde jenen schon von dort aus eine schmähliche Niederlage bereiten. Noch aber ist sein Tagewerk nicht zu Ende, denn kaum daß du dich umdrehst, taucht er schon wieder in einer anderen Gruppe mitten unter Vorstehern auf und diesen wieder weiß er zu erzählen, er habe bei der letzten Vorsteherwahl wie ein Löwe für sie gekämpft, es sei ihm auch gelungen, trotz der wütendsten Gegenagitation, ihre Wahl durchzusetzen, mit ihm sei es durchaus nicht leicht, den Kampf aufzunehmen, ihm fehle es nie an Mitteln alle seine Feinde aus dem Felde zu schlagen, für seine lieben Vorsteher gebe er freudig sein Leben hin, sie können auch zu allen Zeiten auf ihn zählen. Aber in diesem Augenblick gewahrt er dich von ferne. Er weiß, daß du ein Gegner des Vorstandes bist, und da wächst er unversehens aus den Boden vor dir empor, vertraulich die Hand dir auf die Schulter legend. . . . „Ha!" ruft er dir zu, „habe ich ihnen aber jetzt die Hölle heiß gemacht, diesen Lumpenkerlen von Vorstehern, und hier in diesem Blatte, da bekommen sie von mir was zu hören; —" dabei taucht seine Hand aus der Tasche mit einem abgegriffenem Blatte empor, das du aber nicht zu Gesichte bekommst, denn er läßt es im Nu wieder in der Tasche verschwinden — ,.Ja", redet er dazwischen eitrig in dich hinein. „Meine Freunde, die Redakteure, öffnen mir zu jeder Zeit die Spalten und in diesen werde ich mit jenen Lumpenkerlen von Vorstehern ein Wort reden, daß sie blau werden, denn wie sagt nur unser Freund Goethe: „Die Zähne sollst du ihnen stumm machen I" Dieses Zitat klingt dir durchaus nicht goethisch und du machst eine verblüffte Miene, aber du kommst nicht einmal dazu den Mund, zu öffnen. , Verlassen Sie sich, nur drauf — von Goethe" schneidet er dir rasch ab, ich kenne meinen Goethe. Die Zähne habe ich mir an ihm aufgegessen. Da könnte ich ihnen von ihm die interessantesten Dinge erzählen, doch will ich nicht mengen eines in das andere, denn wie sagt der weise Salomo: „Du sollst nicht mengen!1 Da hättest du gewiß schon wieder gute Lust, gegen die dem armen Salomo zugeführte Willkür Einspruch zu erheben, aber jetzt schlingt er seinen Arm um dich und drückt dich zärtlich an sich: „So, so", flötet er dir süß zu. „Ich und Sie, wir sind zwei Philosophen und bei uns Beiden gilt es nur die Wahrheit nur die Wahrheit, und deshalb haben wir auch soviel Feinde . . . aber das tut nichts, denn, wie sagt nur Freund Voltaire: „Wahrheit währt am längsten". Du hast gewiß auch gegen dieses Zitat manches Bedenken, aber jetzt bist du schon ganz entwaffnet, denn soeben hat er dich ja zum Philosophen befördert, und einem Manne gegenüber, der einen solchen Dienst leitet, tritt man nicht als Gegner auf. Im übrigen bin ich dessen sicher, daß du zuhause nicht alle paar hundert Bände Voltaire durchstöbern wirst, um nach dem angeführten Zitat zu suchen, zumal mit Voltaire dir lange nicht geholfen wäre, denn er läßt ja eine ganze Meute von Zitaten gegen dich los, daß du nicht mehr weißt, mit welchem früher anzufangen. . . . Nicht jedem aber halste er so ungestraft seine aus dem Finger gesogenen Zitate auf, denn von so manchem bekam er eine derbe Abfertigung und einer von diesen war mein Freund S. Einmal nämlich zeigte mir dieser, mein Freund, der ein recht fähiger Schriftsteller war, eine von ihm im „Zeitgeist" erschienene Arbeit, die er mir schon früher aus dem Manuskript vorgelesen hatte. Kaum daß wir das Blatt entfalteten, tauchte hinter unserem Rücken der Kopf des Herrn Windbeutel auf. „Was leset Ihr denn hier so eifrig?" fragte er. „Ihre im „Zeitgeist" erschienene Arbeit1', erwiderte er, ohne eine Miene zu verziehen. Herr Windbeutel ging sofort darauf ein. „Merkwürdig", rief er verwundert aus: „Wie doch nichts Geheimnis bleiben kann. Sie wissen also auch schon davon, daß diese Arbeit von mir ist?" „Natürlich", erwiderte er, „man erkennt ja den Vogel an der Feder". Herr Windbeutel strahlte vor Freude. „Nicht jeder erkennt", revanchierte er sich bei ihm. „Nur Männer, wie ich und Sie, weil wir Philosophen sind. Nun, da Sie es einmal wissen, Freund, so möchte ich Sie bitten, es nicht weiter zn bringen, denn wie sagt nur unsere Bibel?" „Du sollst dir nicht aneignen, fremdes Gut", beeilte sich mein Freund für ihn, den Bibelsatz zu zitieren, indem er ihm den Rücken kehrte. Noch viel empfindlicher aber traf er ihn bei einem Zionistenkongreß.