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Neue Nationalzeitung · 1907-11-15 · Heft 49 (15.11.1907) · p. Seite 9

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 49 (15.11.1907)
Date
1907-11-15
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 49 xNeue National-Zeitung« Seite 9 nicht gerecht und nicht objektiv. Dieser Mangel an Objektivität deckt sich vollkommen mit der seiner Person anhaftenden Aengstlichkeit, mit einer gewissen Schwäche, die oft mit Gutmütigkeit, die ihm nicht abzusprechen ist. gepaart geht. Präsident v. Habrda hat während seiner Amtstätigkeit und zwar nur zu Beginn derselben einen jüdischen Konzeptspraktikanten angestellt. Er war durch 10 Jahre Polizeipräsident und entgegen der bis an ihn heranreichenden Tradition, wonach bei der Anstellung für alle früheren Präsidenten die Konfession Nebensache war, hat Herr v. Habrda während der letzten 6 Jahre wohl ziemlich viel Getaufte, aber keinen einzigen Juden als Kouzeptspraktikanten angestellt. Herr v. Habrda tat dies allerdings nicht aus persönlicher Feindschaft gegen die Juden, sondern aus Aengstlichkeit gegenüber der antisemitischen Presse, welche fortwährend von einer „Verjudung der Polizeibeamtenschaft Wiens" spricht, wiewohl sich die jüdischen Konzeptsbeamten der Wiener Polizei an einer Hand abzählen lassen. Wenn nun blos dieses kleine Häuflein jüdischer Polizeibeamten zurückgeblieben ist, so ist das ein Verdienst des Herrn v. Habrda, für das sich die Antisemiten jedesfalls bei ihm bedanken mögen. Vom neuen Präsidenten Brezowsky erwarten wir, daß er als ein energischer und gerechter Mann bei der Zusammenstellung seines Beamtenkorps sich lediglich von den Staatsgrundgesetzen und nicht von den Verhetzungen der Antisemitenpresse wird beeinflussen lassen. Wenn aber Herr Präsident B r e z o w s k y in dem Interview mit einem Eedakteur heute erklärt, daß er denselben Weg schreiten werde wie sein Vorgänger, so können wir dennoch unmöglich annehmen, daß die Negierung der Staatsgrundgesetze seitens seines Vorgängers seine Zustimmung finden könnte. Er weiß es selbst, daß die jüdischen Beamten zu seinen tüchtigsten Mitarbeitern gehören. Und ein Mann, wie der jetzige Präsident, der nur durch persönliche Tüchtigkeit eine der höchsten Stellen in der Beamtenhierarchie erreicht hat, wird gewiß diese Erfahrungen bei der Betätigung seiner Präsidialgeschäfte in Betracht ziehen. Bczirkshauptmann Szwedzicki — avanciert. Lemberg', den 10. November (Orig.-Korr.). Die Klagen und Beschwerden gegen den Bezirkshauptmann Szwedzicki in Sokal haben diesem Bezirkspascha durchaus nicht geschadet. Mehrere Blätter haben diesem sauberen Herren nichts weniger vorgeworfen, als Wahlmißbrauch, Erpressung, Fälschung, Vergewaltigung usw. In jedem anderen Lande müßte dies unbedingt zur Disziplinaruntersuchung und Suspension führen. Anders in Galizien. Solche Leute werden hier zu Lande noch — befördert. Das ist auch vor einigen Tagen mit diesem amtlichen Wahlagitator des Professor Starzynski geschehen. Anläßlich der Beförderung der politischen Beamten wurde er nach Bochnia transferiert. Da Bochnia ein angenehmerer, mehr nach dem Westen gerückter Amtsort ist. so gilt eine solche Transferierung jedenfalls als ein Avancement. Herr Szwedzicki lacht sich ins Fäustchen über die ganze Untersuchung, die gegen ihn gefuhrt wird. Daß dieselbe und überhaupt alle „Amtshandlungen" über den Protest gegen die Wahl Starzynskis eitel Komödie sind, hat die letzte Sitzung des Legitimations-Ausschusses bewiesen. In derselben beantragte der Ghristlichsoziale, Pater Schillinger, als Referent der Wahl Starzynskis, die Requisition der Strafakten. Ein Christlichsozialer wird Herrn Starzynski nach der Allianz mit dem Polenklub schwerlich wehtun. Und so ist auch Herr Bielohlawek für Starzynski eingetreten mit den Worten: „Wenn Moses Afterguck alles bestätigt, was im Proteste steht, beweist dies etwas?" Dr. Löwensteiii verteidigt den Szwedzicki. Der „Hausjude" Dr. Löwenstein hielt es nun für angezeigt, Hand in Hand mit Bielohlawek für Starzynski eine Lanze zu brechen. Er bemerkte, daß nicht alles, was im Proteste steht, auch wahr sei Tn Galizien sei jetzt eine Protestindustrie entstanden. Deshalb stellte er den Zusatzantrag, daß der Bericht bis 1. Februar vorzulegen sei. Dr. Löwenstein hat neuerlich bewiesen, daß es ihm auf eine Lumperei mehr oder weniger nicht mehr ankommt. Die Christlichsozialen in Ungarn. Budapest, den 10. November (Orig.-Korr.). Heute findet die Eröffnung des Landeskongresses der ungarischen christlichsozialen Arbeiterschaft statt. An die 200 Vereine und Fachorganisationen werden an diesem Kongresse vertreten sein, die zirka 80.000 organisierte christlichsoziale Arbeiter aller Branchen und Sprachen repräsentieren. Die Abgeordneten Gi es wein und Ernst (beide von der Volkspartei) und Bischof Prohä-szka werden den Kongreß leiten. Die christlichsoziale Idee findet besonders in Westungarn, von Csaca bis Csaktornya, starken Anklang und auch in den Komitaten zwischen der Donau und Theiß und im Banat hat die Agitation eingesetzt. Die katholischen Ungarn, Deutschen und Slawen Ungarns sind alle für den „christlichen Sozialismus" zu haben. Auch in Budapest sind bereits an die 6000 Arbeiter im christlichsozialen Sinne organisiert. Dem Kongresse wird von allen Seiten das lebhafteste Interesse entgegengebracht, nur ein Punkt des Programmes erregt bei der Katholischen Volkspartei einigen Anstoß. Es soll nämlich anläßlich des Kongresses eine eigene christlichsoziale politische Partei mit gänzlicher Beseitigung jeder staatsrechtlichen Basis proklamiert werden. Die Katholische Volkspartei verweist nun darauf, daß sich ja auch in Oesterreich die Christlichsozialen mit den Katholischklerikalen vereinigt haben (um dem Dr. Ebenhoch zum Portefeuille zu verhelfen). Die Katholische Volkspartei möchte am liebsten den Antisemitismus in ihre ausschließliche Regie nehmen. Trotzdem fühlen sich unsere Juden sehr wohl; sie sehen dem Wachstum des Antisemitismus als unverfälschte Enkel Arpads ruhig entgegen. Rumänien. Ein tiasthausmonopol in Rumänien. Bukarest, den 12. November. (Orig.-Korr.) Auf der Tagesordnung der letzten Sitzung der „parlamentarischen Agrarkommission" stand der Antrag, betreffend die Verstaatlichung der Gasthäuser in der Moldau, Walachei und Dobrudgea. Es entspann sich eine lebhafte Debatte, in deren Verlauf ausdrücklich betont wurde, daß man „den Juden den Brotkorb höher hängen muß." Der Antrag Avurde eins timmig angenommen und wird Ende dieses Monates der Kammer vorgelegt werden. Er enthält folgende Bestimmungen: In den Dörfern und Marktflecken, sogenannten commune rurale dürfen geistige Getränke nur durch die Behörden ausgeschenkt werden. Auf 450 Familien entfällt ein Gasthaus. Wirt darf nur ein Rumäne, id est, ein Staatsbürger griech.-Orient. Konfession sein, welcher vom Staate einen fixen Gehalt erhält. Ferner werden für den Parteienverkehr „ Amtsstunden :i eingeführt, 8 Uhr früh bis 10 Uhr abends; an Sonn- und Feiertagen darf kein Gasthaus geöffnet werden. Dem Dorfrichter (Primär) wird das Recht eingeräumt, den Wirt zu ernennen. Man kann mit Bestimmtheit voraussageu, daß dieser Antrag in einem Parlamente, in dem auch ein Nicu Jorga Sitz und Stimme hat, angenommen werden wird, so daß er —

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