Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 49 (15.11.1907)
- Date
- 1907-11-15
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 »Neue National-Zeitung« Nr. 49 imposante und starke Gruppe ist, welche ihr Gewicht auf der Wage der Weltpolitik fühlbar machen könnte. Das ist das Ziel, das ist die Daseinsberechtigung des Zionismus; beide sind rein politisch. Wenn der Zionismus nur darin bestünde, eine kleine Anzahl von Juden als bloße Schauobjekte nach Palästina zu setzen, mit dem einzigen Zweck, sie wie Kuriositäten in Museen, als einige Muster einer künstlich verpflanzten Rasse zu zeigen, dann würde der Zionismus unter solchen Umständen weder das Recht, noch die Möglichkeit haben, die Glut des Judentums für seine Unternehmung zu entzünden. Was er anstrebt, ist etwas ganz anderes. Er wünscht ein lebendes, regeneriertes und freudiges Judentum, welches nicht allein auf seine Vergangenheit stolz wäre, sondern auch mit dem Stolz seines wiedergewonnenen nationalen Bewußtseins in die Zukunft schauen und für sich eine ebenso erhabene Zukunft, wie jene der anderen Nationen, welche heute mit Verachtung auf uds herabsehen, in Anspruch nimmt. Wenn wir dann keinen Erfolg haben, dann kann man uns sagen: „Ihr seid unzulänglich und könnt nichts tun". Aber dann werden andere die Sache aufnehmen, die wir so erfolglos verfochten haben. Vor Eröffnung des Kongresses hörten wir, daß einige Vorschläge gemacht werden sollten, um dem Zionismus einen unmittelbaren praktischen Charakter zu geben. Diese Vorschläge waren: unmittelbare praktische Verwendung des Kapitals der Jewish Colonial- Trust und des Nationalfonds; Schaffung einer Agrarbank; Begründung von Gymnasien und anderen Bildungsanstalten. Es war unsere Absicht, gegen diese Vorschläge mit unserer ganzen Kraft anzukämpfen. Wir hätten mit unserer ganzen Macht den beinahe verbrecherischen Versuch bekämpft, das Geld, das wir so mühevoll gesammelt haben, die Früchte der Sparsamkeit so vieler armer Leute, welche Kreuzer für Kreuzer zusammengelegt haben, wegzuwerfen. Glücklicherweise wurden die fraglichen Vorschläge nicht zugelassen. Man nahm nun folgende Fassung an. Es wurde vorgeschlagen, daß die Anglo-Palestine-Bank Darlehen auf Hypotheken gewähren solle. Das ist meiner Meinung nach ein Fehler in einem Lande, wo Eigentumsrechte nicht existieren, aber der Beschluß wurde angenommen, und das ist die einzige Entscheidung des Kongresses, welche nicht einwandfrei ist. Ich habe die Ueberzeugung, daß sie rein platonisch bleiben wird. Die anderen Beschlüsse des Kongresse?, welche die Ernennung der palästinischen Kommission und die praktische Arbeit betreffen, finden unseren ganzen Beifall und wir setzen das größte Vertrauen in die Männer, welche diese Mission auf sich genommen haben. Ich weise den Gedanken eines Antagonismus zwischen den Begriffen von praktischem und politischem Zionismus zurück. Wir haben immer jede praktische Arbeit, die innerhalb des Zionismus verwirklicht werden kann, verstanden und ermutigt. Die Konzessionen. Dann ist es notwendig, mit den türkischen Autoritäten in Beziehungen zu treten, um von ihnen nach und nach Konzessionen, so klein sie auch sein mögen, zu erlangen. Andere Nationen bauen Eisenbahnen, oder errichten andere große Unternehmungen. Warum sollten wir nicht das Recht verlangen, Straßen und Kanäle zu bauen? Wenn wir nur eine Wasserversorgung für Jerusalem erlangen könnten, hätten wir schon einen großen Teil erreicht. Der Vorteil von Konzessionen dieser Art wäre doppelt: sie würden Vorteile für das Land und für das Judentum schaffen. Sie würden uns in fortwährenden Kontakt mit der türkischen Regierung bringen, welche uns kennen lernen und sehen würde, daß wir nicht Träumeroder Utopisten, sondern Männer sind,welche unternehmender, nützlicher Arbeit fähig sind. Dieses sind die Vorschläge, welche wir gern vor den Kongreß gebracht hätten. Die angenommenen haben einen anderen Wortlaut, aber wir haben trotzdem für sie gestimmt. Solange wir nicht der Türkei etwas positives, etwas vollkommenes zeigen können, dürfen wir nicht von einem Charter träumen. Und da für den Augenblick weder ein moralischer noch ein materieller Erfolg erzielt werden kann, müssen wir uns mit Warten zufrieden geben. Wir dürfen aber nicht unterlassen, das jüdische Volk zu erinnern, daß es verlangen müsse, zu leben. Der VIII. Kongreß hat die politische Seite und die Tendenzen des Zionismus nicht hervorgehoben; er hat vielmehr einen mehr oder weniger aujgedehnten Plan praktischer Arbeit für die nächsten zwei Jahre ausgearbeitet. Ich erwarte kein bemerkenswertes Resultat von dieser Arbeit, aber zwei Jahre sind nichts im Leben eines Volkes und wenn wir einen frischen Schlag bekommen sollten, so ist der Zionismus stark genug, ihn zu ertragen und sich nicht entmutigen zu lassen. Auf jeden Fall können wir den Männern der Erfahrung und der Vorsicht, welche für die palästinische Kommission bestimmt wurden, vertrauen, daß sie nicht zu weit gehen und keine schweren Irrtümer begehen werden und wir wissen vor allem, daß sie unser Geld nicht verschleudern werden. Lassen Sie uns daher mit Sympathie verfolgen, was diese Männer auszuführen versuchen, laßt uns ihnen helfen, wenn sie Erfolg haben und laßt uns beruhigt sein, daß, wenn es ihnen nicht gelingt, der Tadel nicht ihnen gebührt, sondern den Verhältnissen. Und dann, beim IX. Kongreß werden wir sie fragen, was sie getan haben. Indessen bleibt es unsere Pflicht, was sie immer gewesen sein mag, das Bewußtsein des jüdischen Volkes wieder zu erwecke n! Daß ist unser letztes Wort, das wir an das jüdische Volk richten." (Lauter Beifall und Hochrufe.) DAS PARLAMENT. Der Unisturz im Polenklub. Die sensationellen Ereignisse, die sich in den letzten Tagen im Parlamente abspielten, wie die Ernennung der Christlichsozialen Geßmann und Ebenhoch, sowie des ehemaligen Kompagniehornisten Prasek zu Ministern werden weit übertroffen durch die epochemachende Bedeutung, die der Umsturz im Polenklub für die österreichische Politik hat. Die Schlachta, die seit ungefähr 30 Jahren unbeschränkte Herrin Galiziens war und im Parlamente stets eine entscheidende Rolle gespielt hat, ist nun im Polenklub vollständig depossediert. Sie hat, infolge des allgemeinen Wahlrechtes zu einer Minorität herabgesunken, ihre ganze Macht an die Allpolen abgeben müssen. Die Dankbarkeit der Allpolen, auf die die Schlachta gerechnet hat, weil sie ihr während der Wahlkampagne alle Pressionsmittel an die Hand gab, ist ausgeblieben. Glombinski nnd Genossen wollen jetzt die reichdotierten und einflußreichen Stellen selbst unter sich verteilen. Dieser Umschwung, der jetzt im Polenklub vor sich geht und der durch die Wahl Glorabinskis zum Obmann des Polenklubs seine äußere Signatur enthält, ist vom jüdischen Gesichtspunkte aus tief zu beklagen.