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Neue Nationalzeitung · 1907-11-15 · Heft 49 (15.11.1907) · p. Seite 4

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 49 (15.11.1907)
Date
1907-11-15
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. *Neue National-Zeitune« Nr. 49. DIREKTOR Dr. SONNENFELD: Die jüdische Agrikultur und Kolonisation. Dr. Sigmund Sonnenfeld, der Direktor der Baron Hisch'schen »Jewish Colonisation Association« in Paris, befindet sich gegenwärtig, nach einer großen Studienreise durch West- Kanada und den Vereinigten Staaten, in New-York. Seine Reise nach Amerika hatte nicht bloß den Zweck, die Zustände der dortigen J. C. A.-Unternehmungen zu prüfen, sondern sollte auch dem Studium der Juden und des Judentums in Amerika gewidmet sein. Dr. Sonnenfeld reiste zuerst nach Kanada, dann westwärts in die J. C. A.-Kolonien in Winnipeg, Saskatchewan und Alberta, wendete sich von hier in die Dakotas und langte endlich nach einer großen Studienreise in New-York an. Hier gedenkt er ungefähr einen Monat zu verbleiben. Ein Redakteur des »Amerikan Hebrew« hatte mit Doktor Sonnenfeld eine längere Unterredung, über die er nachstehendes schreibt: Dr. Sonnenfeld ist ein hochgewachsener, kräftiger Mann über Fünfzig, dessen Haar und Bart mehr weiß als grau sind. Er ist ein typischer Franzose in seinen Bewegungen, in der Schnelligkeit, mit welcher er Fragen auffaßt, in der scharfgeschnittenen Art, in der er die Stellung der Juden hier und anderwärts sieht und erklärt. In seiner Erscheinung liegt ein freundlicher, sympatischer, hochsinniger Ausdruck, einer der besten Repräsentanten jüdischer Philantropie, einer jener Männer, welche arbeiten. »Wenn sich jemand überhaupt für jüdische Angelegenheiten interessiert,« sagte er, »dann interessiert er sich vom Scheitel bis zur Zehe.« Und Dr. Sonnenfeld sieht so aus, wie einer, der mit Herz und Seele an seinem Werke ist. »Sie wissen,« sagte er, als er über den Grund seines Besuches befragt wurde, »unsere Gesellschaft hat in allen Teilen der Welt viel Interessen, sowohl in Nordamerika, als anderwärts. Ich war an den meisten Orten, wo die J. C. A. arbeitet, aber ich bin zum erstenmal in Amerika. Ich wollte hier selbst den Stand der Dinge sehen. Ich kam nach Kanada und sah die alte Hirsch-Kolonie sowie die Capelle-Kolonie, dann ging ich über Winnipeg nach Dakota, wo sich verschiedene J. C. A.¬ Kolonien befinden und schließlich kam ich nach dem Osten.« »Wie steht es denn mit den Kolonisten?« »Ja, die alte Hirsch-Kolonie in Kanada hat ein schlechtes Jahr gehabt; ihre Ernte ist teilweise erfroren. Aber das wird nichts ändern. Sie sehen, daß sie jetzt so festgesiedelt sind, daß es ihnen unmöglich ist, in Städten zu leben. Sie sind jetzt insoweit Bauern, als es in Amerika Bauern gibt. Das schlechte Jahr wird sie nicht berühren. Ich hatte mit den kanadischen Regierungsbeamten eine Unterredung wegen der Errichtung einer Meierei und man versicherte mir, daß, wenn die Kolonie genug Milch liefern könne und Milchwirtschaft ausreichend betreibe, die Regierung bei der Errichtung einer Meierei behilflich sein wolle.« »War etwas in den Zuständen der Kolonisten unbefriedigend?« »Ja, es war da eine Sache. Die religiösen Zustände da draußen sind nicht so, wie sie sein sollten. Sie haben einen Rabbiner und einen Schocher., aber es fehlt an religiöser Unterweisung.« Dr. Sonnenfeld wurde befragt, ob er der Meinung sei, daß die Juden in den Vereinigten Staaten in ansgedehntem Maße Landwirte werden würden. Doktor Sigmund Sonnenfeld Direktor der J. C. A. »Natürlich, gewiß!« sagt er nachdrücklich. »Wir müssen einen Teil der jüdischen Bevölkerung dieses Landes an die Scholle fesseln, um hier ein produktiver Teil der jüdischen Rasse zu werden. Und es wird so sein. Wenn der Fortschritt auch langsam ist, dürfen wir doch nicht ungeduldig werden. Es ist kein leichtes Ding, etwas zu vollenden, aber früher oder später werden wir den Erfolg erreichen. Wir haben es so in Argentinien gemacht. Ich war ein ganzes Jahr unten, sechs Monate im Winter und sechs Monate im Sommer. Es sind 12.000 jüdische Landwirte dort und noch andere kommen frisch hinzu. Die I. C. A. schickt nicht eine Seele, »sagte er, seinen kleinen Finger in die Höhe haltend. »Sie kommen aus eigenem Antriebe, sie haben Geld verdient. Die Juden sind die Landwirte und dieChristen die Kaufleu t e.« »Glauben Sie, daß Sie in Amerika I wo selbst unter den Grundbesitzern die Tendenz obwaltet, sich von der Scholle zu entfernen, mit der Bildung von Kolonien einen Erfolg erzielen werden?« »Es mag wohl eine Tendenz, von der Scholle fortzugehen, bestehen. Die Vereinigten Staaten haben aber noch nicht so prosperiert, wie es noch der Fall sein wird. Das Land ist noch nicht ganz ausgebaut, hauptsächlich imWesten. Agrikultur und Industrie haben bereits einen großen Aufschwung genommen, aber früher oder später, wenn die Bevölkerung dichter wird, werden die Leute in die Felder hinausgestoßen werden. Wenn die Bevölkerung fortschreiten, wachsen und sich die Ellenbogen mehr aneinander reiben werden, dann werden die Leute zur Landwirtschaft gezwungen sein.« »Fragen Sie den Mann auf der Gasse: »Kann ein Jude ein Landwirt werden?« »Natürlich nicht, natürlich nicht!« wird er antworten. Es ist dies ein Vorurteil, das ist alles. Warum kann ein Jude kein Bauer werden, er ist alles andere geworden. In Argentinien ist er ein Bauer. Sie sagen, er habe nicht die Kraft, er habe nicht die Erfahrung. Aber er braucht keine Kraft. Heutzutage ist Landwirtschaft nicht eine Sache der Kraft. Sie ist nicht so einfach, wie man denkt. Die Maschine tut den größten Teil der Arbeit, welche bisher Hände zu besorgen gewohnt waren. Und warum kann ein Jude nicht auf seiner Maschine sitzen und wie ein Prinz fahren, während sie seine Arbeit besorgt? Und, wie Sie wissen, ist in der Landwirtschaft kaufmännischer Geist notwendig. Wenn aber der Jude diesen Instinkt nicht hat, wer hat ihn denn?« »Wir sind nicht im Begriffe, mehr Kolonien in Kanada zu errichten. Es ist nicht notwendig und außerdem wäre es nicht natürlich. Die Kolonien dieser Art müssen ihre natürliche Entwicklung haben.« Dr. Sonnenfeld wollte noch nicht über seine Eindrücke in New-York sprechen. Er sei erst seit Freitag hier, sagte er, und er war erst einmal auf der East Side. »Ich komme mir vor, wie ein kleiner Knabe, der sich in einer ungeheuren Stadt verloren hat. Und dann: Ich habe die offiziellen Besichtigungen und Nachforschungen nicht gern. Ich werde nach New-York zurückkehren und mich selbst umsehen, kommen und gehen, wann es mir beliebt und wohin es mir beliebt, und so viel sehen als ich kann. Aber bis nun habe ich hur'vage Eindrücke.«

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