Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 49 (15.11.1907)
- Date
- 1907-11-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2425679-2425680-2425716--0470-2426756- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 49. »Neue National-Zeitung« Seite 3. Ärzte, 400 Advokaten, 1000 Droguisten und 200 Zahnärzte ihre Praxis ausüben. In Kunst und Literatur ist der jüdische Name noch spärlich vertreten, doch wird man die Namen Ezekiel und Keyser unter den Bildhauern finden;Loeb, Rosenthal und A u s t r i a n unter den Malern; Meyer und Oschid unter den Karikaturisten; A d 1 e r und Br u n n e r unter den Architekten; Bloomfield-Zeisler unter den Musikern; Grau und Conried unter den Operndirektoren; schließlich Belasco und Klein unter den Bühnenschriftstellern. Amerika hat wenigstens eine jüdische Dichterin von bemerkenswerter Bedeutung — Emma Lazarus — hervorgebracht und wenigstens eine wirklich große Prosaschriftstellerin Martha Wolfenstein. Die Zahl der jüdischen Studenten, welche höhere Unterrichts-Institute besucht, übertrifft im Verhältnis weit jene der Studenten, die aus irgend einem anderen Teil der Bevölkerung kommen. Jüdische Eltern nehmen sich das Letzte vom Munde weg, damit sie imstande sind, ihre Söhne ins College zu schicken. Im Jahre 1903 waren von 2100 Studenten des College der Stadt New-York 1900 Juden, zumeist Söhne ehemaliger Einwanderer. Im Normal-College von New-York sind 75 % der Studierenden jüdischen Mädchen : das bedeutet so viel, als daß in einigen Jahren die Mehrzahl der Lehrerinnen in den New-Yorker öffentlichen Schulen von der jüdischen Rasse sein werden. Wie groß der Bildungsdrang dieser armen Leute ist, illustriert ein Fall, welcher kürzlich, den United Hebrew Charities (Verband jüdischer Wohltätigkeitsvereine) von New-York mitgeteilt wurde. Eine arme Witwe bezog seit Jahren von den Charities eine Pension. Es wurde nun entdeckt, daß ihr ältester Junge, trotz ihrer bedauernswerten Lage, das College besucht. Dieses leidenschaftliche Streben nach Wissen ist ein gutes Omen für die Zukunft der Juden und rechtfertigt die Annahme, daß der Jude bald ein ebenso wichtiger Faktor in Bildungsdingen sein wird, als er heutzutage in der kommerziellen Welt ist. Max N o r d a u sprach kürzlich die Meinung aus, daß „Amerika den Menschen rette, aber den Juden töte". Eine kurze Revue der jüdischen Einrichtungen für Religion, Wohltätigkeit und Bildung überzeugt uns vom Gegenteil. Obwohl der amerikanische Jude nicht als besonders fromm bezeichnet werden kann, beweisen doch die prächtigen Tempel, welche wichtige Hauptverkehrsstraßen der Stadt schmücken, sowie die intensive soziale Bildungs- und philantropische Betätigung, daß die Liebe zum allmächtigen Dollar das jüdische Wesen, den Idealismus und die geistige Regsamkeit der Juden nicht getötet hat. Nicht weniger als fünfzig neue Synagogen werden jährlich in den Vereinigten Staaten errichtet — ein Rekord, der in der Geschichte Israels keine Parallele in irgend einem anderen Lande hat. In der Stadt New-York ist ein Vermögen von mehr als sechs Millionen Dollar, weil es jüdischen Wohltätigkeitszwecken gewidmet ist, von der Steuer befreit. Das Vermögen, welches jüdischreligiösen Zwecken in New-York gewidmet ist, beträgt mehr als zehn Millionen Dollar und dasjenige für jüdischreligiöse Erziehung überschreitet drei Millionen. Die Ausdehnung, welche die jüdische Wohltätigkeit in den Vereinigten Staaten durch ihre verbündeten Organisationen erlangt hat, ist aus den folgenden statistischen Daten, die nur zehn Städte umfassen, ersichtlich: Jährliche Auszahlungen der Federation of Jewish Charities : Boston $ 43.293; Chicago $ 143.350; Cincinnati ff 48.526; Cleveland $ 38.000; Detroit $ 9.633; Milwaukee $ 11.086; Omaha $ 1.360; Philadelphia $ 135.550; St. Louis $ 44.686; New-York (die zwölf größten Institute) $ 1,143,545. Die Juden haben die Bedingung erfüllt, unter welcher die holländische Gesellschaft ihnen erlaubte, „anzulegen und in New-Netherland Handel zu treiben*', nämlich, „vorausgesetzt, daß die Armen unter ihnen der Gesellschaft oder der Gemeinde nicht zur Last fallen sollen,sondern von ihrer eigenen Nation unterstützt werden." So kurz diese Skizze ist, wäre sie unvollständig ohne einige Bezugnahme auf das Verhalten der amerikanischen Juden als Bürger. Daß die Juden sich immer durch Patriotismus und Ergebenheit für diese Republik ausgezeichnet haben, ist all jenen wohlbekannt, die ihre Geschichte in diesem Lande verfolgten. Ein beredtes Zeugnis ihrer bürgerlichen Tugenden hat ihnen Präsident Roosevelt ausgestellt: „Sogar in unserer Kolonial-Periode nahmen die Juden am Autbau dieses Landes teil, sie erlangten das Bürgerrecht und nahmen einen tätigen Anteil an der Entwicklung des ausländischen und heimischen Handels. Während der Revolutions-Periode halfen sie der Freiheitssache, indem sie in der Landarmee dienten nnd den leeren Staatssäckel der Republik materiell unterstützten. Während des Bürgerkrieges dienten Tausende in den Armeen und vermengten ihr Blut mit dem Boden, für den sie fochten. Obwohl die Juden in den Vereinigten Staaten ihrem Glauben und den Traditionen ihrer Rasse treu geblieben sind, wurden sie der großen Armee der amerikanischen Bürgerschaft unauflöslich einverleibt, bereit, dem Lande ob in Krieg oder Frieden, jedes Opfer zu bringen und für die Fortdauer einer guten Regierungsform und die Erhaltung der Prinzipien, welche in unserer Konstitution verkörpert sind, zu kämpfen. Das trifft nicht nur auf die Nachkommen der früheren Ansiedler und auf die hierzulande Geborenen zu, sondern auf einem großen und konstant wachsenden Teil jener, welche während der letzten 25 Jahre als Flüchtlinge in gräßlichstem Elend und drückendster Notlage an unsere Gestade kamen. Alle Amerikaner können auf diese außerordentliche Illustrierung der Weisheit und der Stärke unseres Regierungs-Systems, welches dies zuwege gebracht hat, stolz sein". In der Tat, in „unserem Regierungssystem" liegt die Ursache der wunderbaren Fortschritte des amerikanischen Israel. Freiheit in jeder Hinsicht und uneingeschränkte Möglichkeit sich auszuleben, wie sie den Juden auf keinem anderen Fleck des Erdenrunds oder in einer anderen geschichtlichen Periode zugestanden wurden — sie sind das Geheimnis seiner Kraft und seines Wachstums. Seine Errungenschaften in Amerika betonen nachdrücklich die Wahrheit des Satzes: „Wenn Ihr verfolgt, macht Ihr Sklaven; nur durch Verkündigung gleicher Rechte für alle, werdet Ihr gute Bürger schaffen." Was der Jude in Amerika vollbracht hat, mag den Nationen, wo dieses Märtyrervolk noch unter Vorurteil, Fanatismus und Unduldsamkeit leidet, zum Tadel gereichen. Amerika hat ein gutes Recht, den tyrannischen Regierungen und antisemitischen Völkern der alten Welt zuzurufen: „Fort mit eurem Anachronismus und euren veralteten Torheiten! Foit mit den boshaften Anschuldigungen und Verleumdungen, die ihr auf den Juden häuft! Jahrhundertelang behandeltet ihr ihn als einen Ausgestoßenen, als Paria; seht, wie er unter dem Banner der Freiheit ein souveräner Bürger geworden ist. Eure Verfolgungen verwandelten ihn in einen physischen Zwerg, der zu kriegerischer Tapferkeit ungeeignet ist; die amerikanische Freiheit hat ihn wieder seiner heroischen Ahnen würdig gemacht, ihr nennt ihn einen Shylock, einen Wucherer, einen Geizhals; schaut auf die amerikanische, jüdische Philantropie! Folgt dem amerikanischen Beispiel, gebt dem Juden Freiheit und er wird sich ihrer würdig erweisen."