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Neue Nationalzeitung · 1907-11-08 · Heft 48 (8.11.1907) · p. Seite 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 48 (8.11.1907)
Date
1907-11-08
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 48 „Neue National-Zeitung ■ Seite 11 EUiLLEüOM moderne Ulobltäter. Schauplatz des Gespräches: Ein mit allem Komfort ausgestattetes, sehr elegantes Speisezimmer. Personen des Gespräches: Der Hausherr; die Hausfrau; ein Dr. Med., Freund des Hauses; dessen Frau; ein älterer Herr. Zeit: Nach dem opulenten Nachtessen. Die elektrischen Lichter verbreiten ein sehr angenehmes, anheimelndes Licht. Man fühlt die Behaglichkeit. Der Hausherr (Mann in den Vierzigern, Anflug von Glatze, solide Behäbigkeit, sieht sehr satt -aus, modern, wenn auch nicht auffallend, gekleidet): Man ist jetzt geplagt. Von allen möglichen Vereinen, deren Namen i c h mir sehr schwer merken kann, bekommt man den Dolch an die nichts ahnende Brust gesetzt, ich meine die fatalen Postsparkassencheks, die förmlich ins Ohr schreien: Senden Sie nur recht viel. Bald wird man für kranke Wöchnerinnen angepumpt, bald für auswandernde Russen, für hungernde Waisenkinder und gebrochene, arbeitsunfähige Greise. Ich sollte einen Buchhalter und einen Kassier für diese aus der Erde, wie die Pilze, emporschnellenden Wohltätigkeitsvereine anstellen . . . Man ist ein geplagter Mensch. Der Doktor der Medizin (Mann in den Dreissigern, sehr rotes Gesicht mit etwas zynischem Ausdruck, saloppe Bewegungen, zwinkert unter einem goldenen Augenglase): Sie armer, vielgequälter Geschäftsmann, der Sie zu allen Ihren Lasten, so das Geldverdienen Ihnen bereitet, auch die Last der Wohltätigkeit tragen müssen. Ich begreife, dass sich die diversen Wohltätigkeitsvereine, an denen wir so reich sind, nicht an die armen Teufel wenden können. Aber in einem gebe ich Ihnen recht: es wird viel Sport mit der Wohltätigkeit getrieben, die wahre Liebe ist dies nicht. (Steckt sich eine sehr feine Zigarre an.) Der ältere Herr (Sechziger, wohlwollendes Gesicht mit sehr klugem Ausdruck, heiter, etwas satyrisch): Wohltätigkeitssport — ein freches, aber wahres Wort, lieber Doktor. Man will sich ins beste Licht setzen, auf das »goldene Herz« hinweisen, man liest den werten Namen in der Zeitung gedruckt und wieviel man »gespendet« hat. Ich bin kein alter Zopf und lobe nicht das Alte, weil es alt ist, aber euer Neues ist nicht gut. Warum gäbe es auch soviel Elend unter uns trotz eurer vielgerühmten Wohltätigkeit? Da kommen sie zusammen die Leute mit den goldenen Herzen, flunkern viel von der Humanität, dann wieder von der Judenfrage, alles mögliche wird an das helle Tageslicht gezogen, und wenn es gilt, wirklichen Jammer zu lindern, wird der Arme vom Pontius zum Pilatus geschickt, bis er die Hilfe nicht mehr braucht, weil, nun — weil er es vorgezogen hat, inzwischen von allem Erdenjammer erlöst zu werden und dorthin gegangen ist, wo es keinen Jammer mehr gibt. Wer gar zuviel vom goldenen Herzen spricht, der hat, so will es mir scheinen, oft gar kein Herz. Der Doktor der Medizin: Sie spielen wahrscheinlich auf den Fall an, der sich soeben hier zugetragen, den Fall der kranken russischen Frau. Grässlich allerdings. Ich schäme mich meines Jahrhunderts. Der ältere Herr: Da tun Sie und andere sehr gut daran. Die Frau des Hauses (jugendliche Dame, höchst modern gekleidet, prächtige Bontons, glänzende Zähne, wohlgepflegte Hände): Wir haben den Fall in unserem Vereine für arme gebrechliche Frauen und kranke Wöchnerinnen, dessen Vizepräsidentin ich bin, besprochen. Was kann man aber da t u n? An Vereinen fehlt es uns nicht. Ich selbst bin im Ausschusse des Vereines zur Erziehung verwahrloster Mädchen, gehöre den Vereinen für Bekleidung notleidender Kinder, für Bespeisung hungernder Knaben und Jungfrauen, einem Fürsorge- und Krankenvereine und einem Waisenhilfsvereine an. Der Tag müsste oft doppelt so lang sein, wenn ich an allen diesen Vereinsversammlungen teilnehmen wollte . . . Der Herr des Hauses (auflachend): Ich merke es, sehr zum Schaden meines armen Magens und meiner noch ärmeren Tasche. Alle lachen, bis auf den älteren Herrn. Der ältere Herr: Und alle Ihre Vereine haben die arme russische Frau fast sterben lassen. Man hat sie ins Spital nicht aufnehmen wollen, weil sie vor einer Operation sich fürchtete. Welch furchtbare Satyre auf unsere vielgepriesene Humanität. Die Doktorsfrau (blasse Dame, mit nichtssagenden Gesichtszügen, sehr blasiert, auffallende, grelle Toilette, die Finger mit Diamanten übersät): Man darf den Fall auch nicht zu tragisch nehmen. Leugnen wir nicht, es geschieht sehr viel in unseren Tagen. Aber die Armen wachsen uns über den Kopf. Diese Anzahl von Russen, Polen und Rumänen. Da haben wir vorige Woche wieder einen Waisenverein gegründet. Unser Beirat, der Doktor N. — er spricht grossartig — hat das Richtige gesagt: wir dürfen nicht konfessionell, wir müssen human sein. Die Judenfrage, hat er gesagt, ist die Menschheitsfrage, diese Fragen müssen gelöst werden. Ich habe dies alles nicht recht verstanden, aber der Doktor N., unser Beirat, hat sehr schön gesprochen. Und der Rabbi hat seinen Segen dazu gegeben. Der ältere Herr: Liebes Kind, gestatten Sie schon, dass ich Sie so benenne, Ihr Doktor N., der Allgegenwärtige, der m u s s überall und immer reden. Er hört sich gerne sprechen, das ist der Unterschied zwischen i h m und den an deren. Die hören i h n nicht so gerne. Man lacht und auch der ältere Herr kann sich eines Lächelns nicht erwehren. Er fährt fort: Das isfs, was ich immer behaupte: alle eure Vereine scheinen dazu da zu sein, um für gewisse Leute Reklame zu machen. Wer würde sonst an diese Allgegenwärtigen, wie ich sie benenne, denken? Das sonnt sich im Lichte einer scheinbaren "Wohltätigkeit, ergiesst sich in Redensarten, mit denen niemand geholfen wird, höchstens den Wortführern selbst, die ihren Zweck erreicht haben : man spricht von ihnen, liest ihre Namen in den Zeitungen, die auf die wohltätigen Herzen Jubelhymnen anstimmen — aber vom Herzen besitzen diese Edlen herzlich wenig. Vielleicht betreiben sie auch bei diesem ihrem wohltätigen Wirken ihr Geschäft. Da muss ich schon die geehrte Gesellschaft bitten, mich bei meiner alten verzopften Anschauung zu belassen: ich halte nichts von jener Wohltätigkeit, die in Vereinsmeierei und Schönrednertum ausartet. Er nimmt einen Schluck Wein. Die Frau des Hauses (etwas erregt): Und ich muss schön bitten: der Doktor N. ist auch unser Beirat im Vereine für das Heim kurbedürftiger Kinder,

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