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Neue Nationalzeitung · 1907-11-08 · Heft 48 (8.11.1907) · p. Seite 10

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 48 (8.11.1907)
Date
1907-11-08
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite" 10 „Neue National-Zeitung" Nr. 48 Text des Gesetzes, der die Tötung jeder Viehgattung — das Geflügel heisst ja auch Federvieh — ohne vorherige Betäubung verbietet; günstig hingegen der französische Text, der nur von betail, d. i. Schlachtvieh, und animaux de boucherie spricht. Vor kurzem wurde das Geflügel-Schächten im Kanton Aargau, von dem die Auti-Schächt-Bewegung ausgegangen, beanständet. Die erste Instanz sprach die Schächter frei, das Obergericht in Aargau jedoch kam zu einem verurteilenden Spruch. Die Gemeinde Baden ergriff dann im Juli dieses Jahres als letztes Mittel, das aber für alle Schweizer Gemeinden hätte verhängnisvoll werden können — den staatsrechtlichen Rekurs :tn das Bundesgericht in Lausanne, den Herr Ständerat Dr. Hoffmann in St. Gallen ausarbeitete. Diesem Rekurse wurde Folge gegeben. Zur Reform der Chalukah. Vorige Woche fand in Sadowa Wiänia auf Einladung des Brzezaner Rabbiners S. M. Schwadron eine zweite Rabbinerversammlung statt, welche im Gegensatze zur ersten ganz zuhig verlief. Es wurde über Reform der Chalukah Verteilung und andere interne Angelegenheiten beraten. Der in der ersten Versammlung gewählte Herr J. Friedmann „wurde vorläufig auf ein Jahr pensioniert" und au seine Stelle Rabbiner Moses Halberstamm, ein Schwiegersohn von Rabbi Moses Meiseis, gewählt. Es wurden mehrere Kommissionen gewählt, wobei man das Priuzip befolgte, dass jede Kommission aus 6 Mitgliedern, und zwar aus 3 Rabbinern und 3 Laien zu bestehen habe. Eine Kommission, bestehend aus den Herren Rabbinern von Dombrow und Zurawno, ferner die Herren Mendl Kanner-Sanok, Jakob Schorr- Stryj, Rappaport-Bielilz und Eliezer Gutwist-Lemberg, werden demnächst nach Palästina reisen, um an Ort und Stelle die Chalukah-Angelegenheit zu studieren und in die Geld Verteilung ein System zu bringen. An den Ackerhauschulen in Doylestown und Woodbine (Nordamerika) haben die jüdischen Schüler zionistische Vereine gegründet. Die jungen Leute haben beschlossen, sich nach Absolvierung ihrer Studien in Palästina als Landwirte niederzulassen. Die Beisetzung der Asckenurnen auf jüdischen Friedhöfen war Gegenstand der Beratung der letzten Repräsentanten-Sitzung von Breslau. Im Prinzipe wurde die Beisetzung gestattet. Der Text eines hiebei zu sprechenden Gebetes war im Einverständnis mit den Kultus-Kommissionen der beiden Gemeinde-Synagogen festgestellt worden. Entsprechend deren Wunsch, wurde vom Vorstande bei den Repräsentanien beantragt, dass auf keinen der bei der Beerdiguug beteiligten Beamten ein Zwang ausgeübt werden könne, das Gebet wider seinen Willen zu sprechen. Der Vorsitzende des liberalen Vereines nahm Anstoss an dieser Bestimmung und versuchte dieselbe mit zweien seiner Gesinnungsgenossen zu beseitigen, doch war die Mehrheit des Kollegiums für diesen „liberalen" Gewissenszwang nicht zu habeu. Eine böhmische Steuer für Esrogim im 18. Jahrhundert Im Jahre 1736 machte ein Prager Kaufmann, David Heinrich Lehmann, der böhmischen Hofkanzlei den Vorschlag, auf die Einfuhr der Esrogim eine „besondere Maut" zu legen. Diese besondere Maut werde „dem höchsten Aerario" ein „sicheres Quantum abwerfen" und es in die Lage setzen, dem Antragsteller eine Gratifikation von 2000 Dukaten auszuzahlen. Der Vorschlag kam erst acht Jahre später zur Behandlung. In einem Hofdekret an die böhmische Hofkanzlei und an das königliche Amt in Brünn wurde mitgeteilt, dass der Antrag „wohl zu akzeptieren wäre, dass man es den Juden aber auch weiterhin freistellen wolle, die Esrogim zu kaufen, wo und wie es ihnen beliebt. Für diese gnädigst gewährte Freiheit sollte aber die Judenschaft von Böhmen, Mähren und Schlesien jährlich den Betrag von 40.000 11. an die Aerarialkasse In Wien abführen. Für das Jahr 1744 sei der Betrag sogleich zu erlegen, widrigenfalls die Juden vom 1. Jänner 1745 an gezwungen sein werden, ihre Esrogim um festgesetzte Preise und in einem bestimmten Ausmasse nach Weisung der Regierung zu beziehen. Die verlangten 40.000 fl. waren so aufzuteilen, dass die Juden in Böhmen sieben Zwölftel, die mährischen vier Zwölftel und die schlesischen Juden ein Zwölftel der Summe erlegen sollten. Für die Juden war die neue Steuer unerschwinglich. Doch darum bekümmerte sich die Behörde nicht und die Juden mussten zahlen. Citcratur. Vambery- Anekdoten. Professor Vambery, dessen Memoiren in weiten Kreisen Aufmerksamkeit erregten, und denen wir bereits den Artikel über den Sultan Abdul Hamid entnommen haben, erzählt in denselben manch unterhaltendes Geschichtchen und viele interessante Begebenheiten. Von seiner Mutter, die er als den Typhus einer mittelalterlichen Jüdin bezeichnet, in welcher „blinder Aberglaube und seltener, gesunder Menschenverstand abwechselten", schreibt er, dass sie ihn streng zu seinen hebräischen Lektionen anhielt. „Wenn ich schlafen ging," sagt er, „musste ich meine Bücher, oft dicke Follianten, unter meinen Polster legen, denn," sagte meine Mutter, „das Wissen wird über Nacht gerade durch den Polster in Deinen Kopf kommen!" „Dies," sagte Vambery, „glaubte ich buchstäblich. Wenn nachts ein Gewitter war, zündete sie rasch Licht an, schlug in der Bibel die Schöpfungsgeschichte auf und rief aus: ,Sieh, o Gott, Du hast die Welt geschaffen, zerstöre nicht Deiner eigenen Hände Werk!'" Vambery sagt auch ein paar nette Dinge über die Barmitzwah Zeremonie. „Die Jungen," sagt er, „müssen einen öffentlichen Vortrag über ein religiöses Thema halten. Eine Gesellschaft wird gegeben, zu welcher alle gleichaltrigen Freunde eingeladen werden. In der Mitte der Tafel befindet sich ein grosser Korb aus einer Art gebackenen Teigs. Dieser ist mit Ruten aus Backwerk gefüllt, welche beim Dessert unter die Knaben verteilt und zum Zeichen von ihnen gegessen werden, dass sie sie in Zukunft nicht mehr nötig haben." „Meine Mutter," sagt Vambery, vergoss bei diesem Feste Freudentränen und während meines Vortrages bildete sie sich ein, dass sie meinen Vater sprechen höre, und schluchzte .mehr als einmal : „Er wird sicher glücklich werden, denn sein Vater betet für ihn im Paradiese!" Vambery bringt hier auch eine Geschichte über den gegenwärtigen Prinzen von Wales, „welche beweist", sagt Vambery, „dass die Frucht niemals.weit vom Stamm fällt". „Während eines Besuches in Sandringham," schreibt Vambery, wohnte ich in den Appartements des verstorbenen Herzog von Clarence, welcher zu dieser Zeit abwesend war, und wurde auf diese Weise Nachbar des Prinzen Georg, wie er damals genannt wurde. Eines Nachmittags, während ich mit meiner Korrespondenz beschäftigt war, erhielt ich eine Einladung von der Königin, ihr in den Garten zu folgen. Da ich vor dem Hinuntergehen erst meine Hände waschen wollte, klingelte ich verschiedenemale um warmes Wasser, aber niemand kam. Endlich erschien der junge Prinz an meiner Tür und fragte mich, was ich wünsche. Ich sagte es ihm und er verschwand, nach einigen Minuten mit einem grossen Krug in der Hand wiederkehrend, welchen er lächelnd auf einen Waschtisch stellte." „Gar nicht übel für einen ehemaligen jüdischen Bettelstudenten, von einem Prinzen bedient zu werden," ist Vamberys Kommentar. Seit dieser Begebenheit nannte er den zukünftigen Regenten Englands „Der königliche Krug-Träger."

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