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Neue Nationalzeitung · 1907-11-08 · Heft 48 (8.11.1907) · p. Seite 12

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 48 (8.11.1907)
Date
1907-11-08
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 „Neue National-Zeitung" Nr. 48 den wir vorgestern gegründet haben, er ist zwar kein schöner Mann, aber er redet s o schön, wie soll ich sagen, so . . . Der Doktor der Medizin (einfallend): So. . . schwefelnd, wie wir Studenten zu sagen pflegten . . . (Er lacht und schüttelt sich dabei. Das Feuer seiner Zigarre ist ausgegangen.) Der Herr des Hauses: Spass bei Seite, aber auch mir ist der Doktor N. nicht sympathisch; auf die Gefahr hin, mich mit meiner sehr teueren Ehehälfte zu verfeinden, sage ich dies. Der. tanzt auf jeder Kirchweih. Ueberall dabei und nichts daran, so möchte ich ihn bezeichnen. Muss man denn täglich von jemandem in der Zeitung lesen, der etwas für arme Teufel getan hat? Der Mensch scheint nichts zu tun zu haben, sonst könnte er nicht bei allem diesem Vereinsgetue dabei sein. Mit einem Worte, m i r sind diese Viel- und Schönredner zuwider. Die Frau des Hauses und die Doktorin der Medizin schauen sehr böse drein. Man hat nicht ungestraft »i h r e n« Beirat angegriffen. Sie fühlen sich in ihren »heiligsten« Gefühlen tief verletzt. Der ältere Herr (beschwichtigend): Unsere Debatte ist etwas in die Glühhitze geraten. Sie ist auch persönlich geworden. Aber eines möchte ich doch, da wir sozusagen Juden sind (man räuspert sich ziemlich hörbar), also, weil wir Juden sind, hervorheben. Jüdisch ist diese Tamtam-Wohltätigkeit nicht. Ich kann es Ihnen sagen: Wohltätigkeit wurde im Judentume immer geübt, aber ohne Reden, ohne Vereinsgründungen und ohne Rabbinersegen. Redensarten von Humanität haben wir nie gebraucht, denn wir wussten ganz gut, was von der vielgepriesenen Humanität zu halten ist. Unsere Gegner werden wir mit solchen Tiraden nicht überzeugen. Was ist Humanität anderes, als wahres Judentum? Wird sich der Christ auch zu solchen Phrasen versteigen? Wird er nicht immer auf die christliche Barmherzigkeit hinweisen? Und dies mit Recht. Soweit sollten wir doch endlich heute gelangt sein, in der Religion nur Menschlichkeit zu erblicken. Und unsere Herren Rabbiner, die mögen dies immer und immer wieder betonen und sie mögen sich dagegen sträuben, Konfession und Humanität in einen bewussten Gegensatz bringen zu lassen. Tun sie dies nicht oder sind sie sich dessen nicht bewusst, was für Schaden durch eine solche Gegenüberstellung angerichtet wird, dann sollten sie wenigstens sich enthalten, zu solchen Worten Ja und Amen zu sagen und ihren Segen dazu zu geben. Der Doktor der Medizin (mit leisem Hohn): Unsere Rabbiner, das ist ein anderes Thema. Ich glaube, die schwimmen mit dem Strome. Die Frau Doktorin: Lassen wir das. Aber den Doktor N., den muss ich doch in Schutz nehmen. Wir Frauen müssen Männer haben . . . DerDoktor: Das glauben wir dir, mein Kind, aufs Wort. (Allgemeine Heiterkeit.) Die Frau Doktor: Man hat mich schon wieder einmal (mit einem wütenden Blicke auf den sehr heiteren Gatten), man hat mich wieder einmal missverstanden. Ja, wir brauchen Männer, als Beiräte. Ihr, mit euren ewigen Geschäften, taugt nicht für unsere Vereine. Ihr wollt nur gut essen, zankt, wenn der Braten angebrannt ist, und dann ist euch die Zigarre, die Zeitung und, nicht zu vergessen, euer Tarockspiel alles. Wo findet i h r Zeit für unser edles Wirken? Der alte Herr lächelt sehr malitiös. Der Doktor blickt schuldbewusst zu Boden. Der Herr des Hauses aber platzt los: Wir müssen eben das Geld verdienen für euer edles Wirken, meine Damen, und, geht es nicht im Geschäfte, nun dann geht es vielleicht im Spiele. Wer kein Glück in der Liebe hatr meine Gnädige, der hat es zuweilen im Spiele. — Die Herren lachen unbändig, die Frauen ärgern sich. DieFraudesHauses: Hätte ich dich, lieber Gatte, nicht schon früher gekannt, jetzt wärst du in deiner ganzen Grösse mir vor die Seele getreten. Ihr seid eben alle Materialisten, so nennt euch der Doktor N. mit Recht, w i r aber haben noch ein Herz für die Leidenden. (Sie blickt sehr selbstzufrieden im Kreise umher und freut sich der schönen Worte, die sie dem Doktor N. abgelauscht.) DerDoktorderMedizin: Vergessen Sie, gnädige Frau, den Doktor N. nicht, der hat auch noch ein Herz, es steht also nicht gar zu schlecht um die heutige, in ihrer Mehrheit allerdings sündige Männerwelt. Der Herr desHauses: Nun darf ich nicht vergessen, morgen die Postsparkasse zu molestieren. DerältereHerr: Tun Sie dies, mein Freund; man muss, wie man zu meiner Zeit zu sagen pflegte, vieles tun wegen des »Scholaum ha-bajis«. — (Fragende Blicke werden ihm zugeworfen. Diese Sprache hat man in diesem Kreise lange verlernt. Die Doktorin rümpft das etwas länglich geratene Näschen. Der ältere Herr lacht schadenfroh.) Fragen Sie einen gelehrten Orientalisten um die Bedeutung der geheimnisvollen Worte, die ich soeben ausgesprochen. Es wird noch Daniele auch in Ihrer Bekanntschaft geben, die diese rätselhaften Worte zu deuten verstehen .. , Und nun, Gott befohlen, es ist spät geworden und in meinem Alter soll man nicht allzuspät schlafen gehen. Ruhen Sie sanft. Ihnen, meine Damen, wird ihr frommes Gewissen ein sanftes Kissen gewähren ... Die Damen werfen ihm nicht gerade wohlwollende Blicke nach. Die zurückbleibenden Herren setzen sich noch zu einem bürgerlichen »Strohmann« nieder. Der Erlös ist, nach des Doktors Versprechen, dem Vereine für gebrechliche, zugereiste Frauen aus den östlichen Gegenden gewidmet. . . Die Frauen besprechen eine Komiteesitzung. Man plant einen Wohltätigkeitsball für den neubegründeten Verein für kurbedürftige Kinder, aber ohne Unterschied der Konfession. Die Frau des Hauses ist für die Veranstaltung eines Pick-nick . .. »Wir wollen den Beirat fragen.« — Mit diesen Worten gehen die Freundinnen auseinander. * ZcitkbrincnruncUcbatL In Petersburg ist die erste Nummer der vom „InformatiQns- Bureau" herausgegebenen Halbmonatsschrift „Der jüdische Emigrant" erschienen, Vier hervorragende jüdische Aerzte in Odessa beschlossen, zu Beginn des nächsten Jahres eine medizinische Wochenschrift in russischer Sprache herauszugeben. Die Wochenschrift, die den Titel „Jewreiskij medicinskij Golos" („Jüdische medizinische Stimme") führen wird, hat den Zweck, die jüdischen Massen über die Ursachen und Formen der hauptsächlich unter den Juden verbreiteten Krankheiten aufzuklären und sie mit der modernen Hygiene bekannt zu machen. Wir bitten unsere Abonnenten, die mit der Pränumerationsgebühr noch im Rückstände sind, um gefl. Begleichung mittelst der ihnen zugekommenen Erlagscheine- Die Administration.

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