Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 48 (8.11.1907)
- Date
- 1907-11-08
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 48 „Neu« National-Zeitung" Seite 7 mistisohen Sohwärmer für die Wiederauflebung der ält-hebräisohen Sprache waren augenehm überrasohfc durch diesen lebendigen Beweis der Popularität und Beliebtheit eines Vertreters des modernen hebräischen Sohrifttums. Als B rainin auf der Estrade erschien, gab es einen Jubel der Jugend, wie man ihn noch nie gesehen. Nicht einmal Perez und Scholem-Alejchem wurde ein so freudiger Empfang zuteil. Das Volk zeigte, dass ihm doch seine, uralte Propheten-Sprache am teuersten ist und in Brainin begrüsste es den besten und würdigsten Meister dieser Sprache in der Neuzeit. Der Vortrag des Ehrengastes in hebräischer Sprache hat sich durch den bekannten Brainin'schen Geistesreichtum und durch seine innere Wärme ausgezeichnet. Das Publikum hat ehrfürchtig auf die Worte gelauscht, die von seinen Lippen so angenehm und klangvoll geflossen sind. Dem Abend folgte ein Kommers, an dem viele Redner aus den Kreisen der Jugend und der älteren Verehrer des beliebten Schriftstellers, darunter auch Mädchen, in rein hebräischem Dialekte die Verdienste des Gastes um die hebräische Literatur und um die nationale Idee priesen. Brainin antwortete dann in einem schönen, geistreichen und inhaltsvollen Toast, in dem er bescheiden alle die Lobeshymnen von sich weist und die grosse Begeisterung auf Konto unserer ewig-jungen alt-nationalen Sprache setzt. Die hebräischen Schriftsteller •— meint er — haben noch viel zu wenig gelitten im Vergleich zu dem, was Juden für fremde Ideale an Märtyrertum auszustehen vermochten und im Vergleiche zu dem erhabenen Ideale, welches in der Wiederbelebung unserer alten Sprache enthalten ist. Das hebräische Ideal ist es wert.- dass seine Anhänger und Priester sich noch viel grössere Opfer auferlegen und in dieser Ueberzeuguug, wie auch in dem Bewusstseiu, dass das Herz, die Begeisterung unserer Jugend mit ihm ist, werde er auch weiter das schwere Kreuz eines hebräischen Schriftstellers ruhig und geduldig ertragen. Zu verzeichnen sind noch die Reden von Doktor Rappoport und Dr. B r a u d e, die am offiziellen Abend in beredter Weise den Aufschwung des Hebraismus, seine Bedeutung für die jüdische Renaissance und die Verdienste Braiuins geschildert haben. Mit frohem Herzen und in der klaren Ueberzeugung, dass die mühsame Tätigkeit der Hebraisten im Laufe der letzten Jahre doch auf fruchtbaren Boden gefallen sind, verliessen wir unter dem Klange der nationalen Hymne diesen einzigen und ersten, in seiner Art wirklich jüdischen Abend. M. Kn. Wohltätigkeit in der Provinz. Göding, Ende Oktober. (Orig. Korr.) Am vorigen Freitag nachmittags musste hier von der Bahnstation eine arme Frau auswaggoniert und wegen ihrer bevorstehenden Entbindung bei einer Hebamme untergebracht werdeu. Dieselbe fuhr mit ihrem Manne aus Przemysl nach Wien, um einen Arzt zu konsultieren — was ihr selbstredend erst nach einiger Zeit möglich sein dürfte. Inzwischen wird die arme Frau von den hiesigen jüdischen Damen mit. allem Nötigen, ja sogar mit ritueller Kost versorgt, so dass es ihr an nuhts mangelt. Bei uns in der Provinz wird so eine polnische Jüdin doch anders behandelt als im „goldenen" Wien. — In gleich humaner Weise benahm sich vor Kurzem der Vorstand der hiesigen Ghewra-Kadisoha, als ein polnischer Jude unterwegs starb und hier bestattet werden musste. Dieser Wohltätigkeits-Verein traf die erforderlichen Anordnungen bezüglich der Beerdigung des armen Mannes, dessen Witwe dann, reichlich beschenkt, die traurige Heimfahrt antrat, mit dem erhebenden Bewusstsein, in dieser schweren Stuude des unsäglichen Schmerzes unter Glaubensgenossen nicht verlassen geblieben zu sein. Rabbiner Dr. Lazarus hat dem Verstorbenen das letzte Geleite gegeben und eine ergreifende Grabrede gehalten. England. Der Sultan und Palästina. London. Wie der „Jewish Chronicle" berichtet, habe sich der Sultan nunmehr bereit erklärt, den Juden unter gewissen Bedingungen Konzessionen für Palästina zu erteilen. Damit hängt auch die Berufung des Grossrabbiners in das kaiserliche Palais, wo er eine sehr eingehende Unterredung mit dem Privatsekretär des Sultans hatte, zusammen. Dieser Beamte eröffnete dem Grossrabbiner, dass der Sultan bereit sei, Konzessionen für Palästina zu gewähren. Gleichzeitig erging an den Grossrabbiner die Aufforderung sich mit denjenigen jüdischen Körperschaften in Verbindung zu setzen, welche sich für Palästina inter- O / m , essieren. Der Grossrabbiner erklärte jedoch, mit diesen Organisationen keine Beziehungen zu unterhalten, weshalb er die Mission nicht annehmen könne. Es wurde daher eine andere hervorragende jüdische Persönlichkeit ins Palais berufen und mit dieser Aufgabe betraut. Rumänien. Der Ministerpräsident gegen die Folterungen jüdischer Soldaten. Bukarest, 1. November. (Orig. - Korr.) Die durch Ihr Blatt zuerst im Auslande bekannt gewordene Militär-Skaudalaffaire nimmt nunmehr durch das Eingreifen des Königs seinen regelrechten Lauf. Der Henker in der Uniform wird seinem Schicksal nicht entgehen. Alle Versuche, ihn zu retten und die Affaire niederzuschlagen, sind an dem Entschlüsse des Königs gescheitert. Der Skandal ist zu gross und der König weiss, dass Rumänien in Europa nicht mehr viel zu verlieren hat. In dieser Sache hat der M inisterpräsident D. Stourdza vor einigen Tagen nachstehenden Brief an den Kriegsministe r gerichtet: „Sehr geehrter Herr Kollega! Bitte, wollen Sie mit Schnelligkeit und Energie in der aufsehenerregenden Affäre ,Colonel Marasesou und die Soldatenmisshandlungen' einschreiten. Als ich gestern Abends mit Ihnen zusammen war, hatte ich ganz vergessen, Ihnen davon zu erzählen, welch deprimierenden Eindruck diese unliebsame Affäre auf Seine Majestät gemacht hat. Der König sprach sichtlich entrüstet, dass seine ausdrücklichen Befehle so sehr missaohtet werden. Ich bin der Ansicht, dass Colonel Marasesou a 1 s .ein Unwürdiger, als ein Taugenichts (nevrednic) aus der Armee ausgestossen werden muss. Im In- und Auslande wird dies eine grosse Wirkung erzielen. Es geht nicht mehr mit dieser Protektions Wirtschaft, mit der kontinuierlichen Straflosigkeit aller derjenigen, die die Gesetze mit Füssen treten. Den Herren Offizieren — auch den Protektionskindern — muss einfür allemal eingeschärft werden, dass der Oberste Befehlshaber das Prügeln in seiner Armee abgeschafft wissen will.