Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 48 (8.11.1907)
- Date
- 1907-11-08
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 „Neue National-Zeitung" Nr. .48 betätigen sich als Redner nicht; wenn sie wenigstens einmal als Zwischenrufer etwas Von sich hören lassen möchten. Es wäre auch viel nützlicher, wenn Abg. Stand durch Zwischenrufe beschäftigt wäre, als dass er sich in den Couloirs fortwährend mit Doktor Kolischer unterhalte. *) Unklarheit in den allgemeinen Prinzipien, Zweideutigkeit in der Taktik, Unfähigkeit in der parlamentarischen Betätigung, das sind die Haupteigenschaften der jüdischnationalen Partei! Es ist traurig, wenn die einzige jüdisch-oppositionelle Partei durch die Unfähigkeit und den Opportunismus ihrer Führer auf jenen sumpfigen "Weg gerät, wo alle bürgerlichen Parteien zu finden sind. Jener Genosse hatte wohl recht, welcher meinte : „Wir werden wohl nicht mehr in die Lage kommen, mit der jüdischnationalen Partei Hand in Hand zu gehen." Wir werden selbstverständlich auch die Antwort, die das Parteiorgan „Wschod" auf diese Kritik finden wird, unseren Lesern mitteilen. Der Rechenschaftsbericht des Jüdischen Klubs. Wien, den 6. November. Einem allgemeinem Wunsche der jüdischnationalen Partei folgend, haben sich die jüdisch nationalen Abgeordneten entschlossen, in einer öffentlichen Volksversammlung ihr Programm zu entwickeln und einen Rechenschaftsbericht über ihre bisherige Tätigkeit zu erstatten. Diese Versammlung fand heute im „Hotel Post" statt, und war von Personen verschiedener Klassen und Berufstände sehr zahlreich besucht. Die offizielle Judenschaft und ihr deutschliberalfreiheitlicbdemokratischer Anhang hatte sich natürlich absentiert, ohne dass sie jedoch vermisst worden wäre. Die Versammlung wurde von Herrn Dr. Margnlies eröffnet, der den Vorsitz übernahm. Zum Worte gelangten jedoch bloss die Abgeordneten Dr. Gabel, Stand und Dr. Mah 1 e r. Abg. Dr. Straucher war am Erscheinen verhindert. Die Versammlung war jedenfalls ein markantes Ereignis innerhalb der Wiener Judenschaft. Zum ersten-, mal hatte sie Gelegenheit, in ihrer Mitte jüdischnationale Abgeordnete zu sehen. Und sie konnte sich überzeugen, dass diese Abgeordnete aus Galizien gebildete und moderne Männer sind. Leider Hess die Leitung der Versammlung sehr viel zu wünschen übrig. Es war ein Armutszeugnis sondergleichen, das der Versammlungsleiter Dr. Margulies sich und den Abgeordneten ausstellte, als er sofortnach den Referaten und der Rede des Dr. Schalit die Versammlung schloss., ohne den vorgemerkten Rednern das Wort zu erteilen. Der Versammlungsleiter hat aber auch eine komplette politische Ignoranz an den Tag gelegt, indem er die Versammlung auseinandergehen liess, ohne derselben *) Wir halten im allgemeinen den formellen Verkehr eines Parlamentariers mit einem politischen Gegner, sofern sich dieser nicht persönlicher Gehässigkeiten oder Gemeinheiten in seinen Reden bedient, für zulässig. Wir glauben daher, dass ein rein formeller Verkehr zwischen den Mitgliedern des jüdischen Klubs und den Hausjuden nichts Anstössiges an sich hat. Anders aber ist es, wenn ein jüdischnationaler Abgeordneter intim in der Familie eines Polenklub-Juden verkehrt, was seitens eines Herrn — nicht aber des Herrn Stand — In Bezug auf Familie Dr. Kolischer geschieht. Das ist keine goldene Brücke, das ist keine Taktik, das ist schon eiue Taktlosigkeit gegenüber der Partei, gegenüber dem Gesinnungsgenossen, der durch die Lumpereien der Kolischer-Partei um seine Wahlchancen betrogen wurde. (Anm. d. Red.) eine Resolution zu unterbreiten. Die Abgeordneten können sich beim Versammlungsleiter dafür bedanken, dass sie von der Versammlung, die ihnen ja mit grossem Interesse zuhörte, ein Vertrauensvotum nicht erhalten haben. Was die Reden der Abgeordneten selbst betrifft, können wir uns mit all dem, was die Herren zum Ausdrucke brachten, nicht einverstanden erklären; insbesondere nicht mit der von den Herren Dr. Gabel und Stand verteidigten Taktik des Jüdischen Klubs. Es ist ja geradezu merkwürdig, wie rasoh sich Herr Dr. Gabel zu einem „Staatsmann" entwickelt hat. Er bemerkte in seiner Rede, dass der Jüdische Klub nicht provokatorisch vorgehen und keinen Radau machen wollte, wenn dies auch bei den jüngeren Elementen der Partei populär ist. In ähnlicher Weise führte Herr Stand aus, dass der Jüdische. Klub energisch, aber „taktvoll" vorgehe. Mit einem Worte, die beiden Herren, die, wenn man sie nach ihren Jahren beurteilen wollte, selbst noch zu den jüngeren Elementen gehören, setzten sich auf das hohe politische Ross. Wir finden diese Taktik sehr bedenklich. Wir glauben nicht, dass das jüdische Massenproletariat die jüdischnätionalen Abgeordneten dazu ins Parlament geschickt hat, damit sie in „Takt" machen oder sich in staatsmännischen Gesten üben. Die Vertreter einer verfolgten und gedemütigten Minorität müssen im Parlamente aufschreien, sie müssen der Regierung rücksichtslos an den Leib rücken, und wenn auch dabei der ganze Takt in Fransen geht. Sonst wird man sie ignorieren. Es genügt aber auch nicht, wenn die jüdischnationalen Abgeordneten, wie Herr Stand meinte, stets mit den Oppositionellen stimmen. Denn dann sind sie bloss ein Anhängsel der Sozialdemor kraten, aber nicht eine selbständige Partei. Der Jüdische Klub muss auch manchmal für etwas stimmen, aber er muss wissen, wann und warum! Er muss sich mit einem Worte, eine bestimmte Taktik zurechtlegen, von der seine ganze parlamentarische Tätigkeit abhängen muss. Von dieser Taktik haben wir in den Reden der drei Abgeordneten nichts gehört. Mit Worten wie „taktvoll" und „meritorisch" ist eine so hochwichtige Frage, wie die der Taktik des jüdischen Klubs noch nioht gelöst. Es scheint, dass der unerwartete Schluss der Versammlung darauf zurückzuführen ist, weil man gerade in puncto „Taktik" eine Kritik der Jüdischnationalen befürchtete. Wir geben nachstehend die Reden auszugsweise wieder: Abg. Dr. Gabel schildert die grossen Opfer, die gebracht werden mussten, bis es gelang, die vier Vertreter des jüdischen Volkes ins Parlament zu bringen. „Wenn Sie Beziehungen zum Lande haben, v/erden Sie hören, dass nicht ein Jude in Galizien ist, den nicht der Terrorismus selbst des kleinsten Beamten getroffen hätte. Dieser Kampf für eine grosse Idee wird die galizischen Juden in dem Ansehen des Westens heben. Es unterliegt keinem Zweifel, dass sich der Jüdische Klub* im Parlamente Ansehen und Achtung erworben hat. Wir haben eine Position im Reichsrate, denn man weiss, dass hinter dieser kleinen Gruppe eine Nation steht. Der Jüdische Kiub ist nicht provokatorisch vorgegangen. Diese Politik haben wir verworfen, weil wir glauben, dass wir dadurch dem Judentum nur schaden könnten. Wir haben uns deshalb nur das meritorische Sprechen, nicht das Radaumachen zur Aufgabe gemacht." Abg. Adolf Stand, beifällig begrüsst, führt aus: „Der Jüdische Klub ist eine neue Institution der letzten fünf Monate. Man muss sich fragen: Warum geschah es nicht vor vierzig Jahren? Gab es damals nicht auch dasselbe Kräfteverhältnis der Juden? Aber damals versteckten sich die Vertreter des Judentums hinter der Macht der Schlachta, verschanzten sich hinter anderen Parteien, ihr Judentum spürte man nicht weiter heraus. Redner skizziert das bekannte Programm des