Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 48 (8.11.1907)
- Date
- 1907-11-08
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2425679-2425680-2425715--0457-2426742- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 48 „Neue National-Zeitung" Seite 3 - Nun, ziehen wir den Vorhang über diese wenig versprechenden Anfänge des amerikanischen Judentums. Lassen wir die mühevollen Jahre mit ihren Kämpfen und Schwierigkeiten vorüberrollen, lassen wir die Jahrhunderte mit ihren grossen Veränderungen im politischen und wirtschaftlichen Leben des Landes in den Schoss der Zeit sinken. Zweihundertfünfzig Jahre sind seit dem Landen der »St. Catrina« vergangen und wir besuchen die kleine Insel Manhattan wieder. Ist es möglich, dass hier das Dorf New Amsterdam gestanden hat? »Was hat der Herr getan?« An Stelle der kleinen Giebeldachhütten stehen mächtige Gebäude, wie wirkliche Türme von Babel in den Himmel ragend; ein Wald von Schiffen füllt den grossartigen Hafen, wo Freiheit den Verbannten aller Nationen den Willkommengruss bietet. Es ist die Heimat von vier Millionen Leuten, welche alle Sprachen der Menschheit sprechen; es ist das Rendezvous aller Rassen, die Stadt der Städte, das reiche, kosmopolitische, freie und glorreiche Newyork! Wo sind Peter Stüyvesant und die derben aber bigoten Bürger? Die mächtige Hand der Zeit bewirkte erstaunliche Veränderungen und entwand die Macht ihren Händen. Und was wurde aus dem kleinen Häuflein Juden, welchen man im Jahre 1654 so widerstrebend zu landen erlaubte? Ihre Abkömmlinge und jene von nachfolgenden Ansiedlern ihrer Rasse, machen ein Fünftel der enormen Bevölkerung New-Yorks aus. Es sind nun über 700.000 Juden in der amerikanischen Metropole, welche somit die grösste jüdische Stadt in der Geschichte dieser alten Rasse ist. Man erzählt uns, dass die Kinder Isreals zur Zeit ihrer Einwanderung in Aegypten siebenzig Seelen zählten und dass sie nach wenig mehr als zwei Jahrhunderten 600.000 Mann waren. Ihr Wachstum in New-York übertrifft den alten Rekord. Was von New-York wahr ist, ist auch von vielen anderen Städten wahr. Im folgenden geben wir eine Liste von zehn Städten, in welchen die jüdische Bevölkerung das 10.000 Zeichen überschreitet: Chicago.................. 80.000 Philadelphia................ 75.000 Boston..................... 45.000 St. Louis................... 40.000 Baltimore.................. 25.000 Cleveland.................. 25.000 Newark.................... 20.000 Cincinnati.................. 17.000 San Francisco....... ...... 17.000 Pittsburg... ............... 15.000 Diese Zahlen sind der »Jewish Encyclopedia«, welche im Jahre 1905 veröffentlicht wurde, entnommen, wo die Totalsumme der jüdischen Bevölkerung auf 1,700.000 geschätzt wird. Dass dieses ausserordentliche Wachstum hauptsächlich auf die enorme Einwanderung, verursacht durch die Verfolgung der Juden in Russland und anderen halbbarbarischen Ländern, zurückzuführen ist, beweist die Tatsache, dass im Jahre 1880, gerade bevor der grosse Auswanderungsstrom im Lande des Czaren begann, die jüdische Bevölkerung der Vereinigten Staaten nur 230.257 betrug. Es ist eine konservative Schätzung, dass während der fünfundzwanzig Jahre, 1881—1905, zirka 1,000.000 jüdischer Einwanderer die Vereinigten Staaten erreichten. (Schluss folgt.) Die „Poale=Zion" gegen den Jüdischen Klub. In einem Artikel „Schläfrigkeit oder Kulissenpolitik?", der zwar pseudonym, aber wie man uns mitteilt von Raplan-Kaplansky verfasst ist, wendet sioh „D e r j ü d i s c h e Arbeiter" in Krakau, das Organ der zionistischen Arbeitervereine „Poale-Zion" in Oesterreich, gegen den jüdischen Klub. Dieser Aufsatz ist ein wichtiges Symptom für die Unzufriedenheit, welche in den breitesten Schiohten der jüdischen Bevölkerung Galiziens mit der bisherigen Tätigkeit des jüdischen Klubs herrscht. Ohue uns in allem damit zu identifizieren, halten wir es dennoch für unsere publizistische Pflicht, diese Zeitungsstimme in unserem Blatte zu registrieren. Nach einer allgemeinen Einleitung über die grossen ideellen Opfer, welche die zionistischen Arbeitervereine dadurch gebracht haben, dass sie während der letzten Reichsratswahlen gegen die Sozialdemokraten und für die Jüdischnationalen stimmten, wird gegen die jüdischnationale Partei überhaupt der Vorwurf erhoben, dass sie weder ein klares Parteiprogramm besitze, noch sich von einer taktischen Klugheit leiten lasse. Es heisst dann: „Die Partei kämpft für das allgemeine "Wahlrecht in die Kultusgemeinde. Gut! Nun gibt es eine Gemeinde, wo die jüdischnationale Partei die Majorität hat, wo der Obmann des jüdischen Klubs unbeschränkter Herr ist: in C z e r n o w i t z. Hat denn dort die jüdischnationale Partei ihr Programm verwirklicht? Hat sie dort das allgemeine Wahlrecht eingeführt, oder wenigstens einzuführen versucht? Hat doch bisher Dr. Straucher nicht einmal auf die Beschuldigungen des „Jüdischen Arbeiters" geantwortet, dass er schuldtragend an der Ausweisung der russischen Juden sei? Oder ist etwa die majestätische Verachtung einer öffentlichen Kritik, einer Arbeiterpresse, das Kriterium der Demokratie? Wir wissen auch noch nicht, ob der jüdische Klub gegenüber der Regierung oppositionell ist oder nicht! Abg. Stand hat in seiner Rede über die galizisohen Wahlen auf die Rede des Abg. Dr. Löwenstein sehr schwach erwidert, jenes Mannes, der den Versuch unternommen hat, den Namen „Hausjude" zu einem „Ehrennamen" zu machen. Seit dieser Zeit schweigen die Mitglieder des jüdischen Klubs gerade wie die anderen Juden. Der Clown Graf Sternb e.rg ist imstande, zu allen Punkten der Tagesordnung zu reden; der jüdische Klub vermag nur zu schweigen. Er hat geschwiegen bei der ersten Lesung des Budgets und bei der zweiten Lesung; er hat geschwiegen in der Debatte über die Misshandlung der Soldaten, er wird auch, wie wir hören, bei d~r ersten Lesung der Ausgleichsvorlagen schweigen.*) Im besten Falle ist das — Zwang, und das ist keine gute Empfehlung für den jüdischen Klub. Oder ist das etwa eine Taktik? Ist es richtig, was behauptet wird, dass Abg. Stand bereits zur zweiten Lesung des Budgets zum Worte gemeldet war, dass er aber sofort auf , das Wort verzichtete, als der Ministerpräsident den Dr. Strauoher zu sich kommen liess? .... Nein, es ist schwer zu glauben, dass Abg. Stand und seine Freuude so feige und ängstlich sind! . . Die jüdisclmationalen Abgeordneten *) Inzwischen hat bereits Dr. Straucher eine längere Rede bei der ersten Lesung der Ausgleichsvoriagen gehalten und darin auch der Zurücksetzungen, unter denen die Juden zu leiden haben, gedacht. Anm. d. Red.