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Neue Nationalzeitung · 1907-11-08 · Heft 48 (8.11.1907) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 48 (8.11.1907)
Date
1907-11-08
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „Neue National-Zöitutig" Nr. 48 Religiosität und der Gläubigkeit bilden, wollen gerade bei den »Israeliten« von der Befriedigung der religiösen Bedürfnisse nichts wissen. Ungefähr 25 Millionen Kronen beträgt das Kultusbudget unserer Monarchie und die Juden Oesterreichs, die 5% der Gesamtbevölkerung bilden, tragen daher mit ihren Steuergeldern mindestens den gleichen Perzentsatz bei. Die Juden allein müssen ihre religiösen Auslagen überdies aus eigenem decken. Wo bleibt die Gerechtigkeit, wo bleibt das Prinzip der gleichen Rechte und Pflichten im modernen konstitutionellen Staate, als welcher doch Oesterreich gelten will? . . . Aber das Beschämendste ist es, dass, sich noch nie ein jüdischer Abgeordneter oder eine jüdische Korporation gegen diese Zurücksetzung aufgelehnt hat. Da zeigt sich der ganze Fluch des Assimilantentums! Welch flammende Reden haben die Kurandas und Jaques' für den Liberalismus, die Byks und Blochs gegen den Antisemitismus im Reichsrate gehalten, keiner von ihnen hatte aber das Verständnis oder .den Mut, die Pariasstellung der Juden an der Hand des Budgets zu beleuchten. Unsere Oberrabbiner, Landesrabbiner und sonstigen »Leuchten« mit grossen Gehältern und noch grösseren Sportein, sitzen bei ihren Fleischtöpfen unbekümmert darum, dass der letzte Kapuziner in Arco, der eine Dotationsergänzung von K 4.— erhält, von staatswegen höher bewertet wird, als sie. Kein Wunder, wenn das Ministerium jetzt sagen würde, dass es für jüdische Zwecke nichts gibt, weil man von ihm noch nie was verlangt hat. Aber etwas gibt ja die Regierung doch. Es sind dies zwei Subventionen im Etat des Unterrichtes. Neben der Subvention für das Landesmuseum in Wien per K 10.000 und für die volkstümlichen Universitätskurse in Wien per K 18.000 findet sich die Subvention für die israelitisch-theologische Lehranstalt per K 10.000, Die zweite Subvention erhält die »Privatlehranstalt zur Heranbildung der Lehrer für den mosaischen Religionsunterricht in Lemberg«; sie beträgt — K 2000. Das ist alles, was das Milliardenbudget für die Juden übrig hat: K 12.000! Hunderttausende zahlt der Staat an Unterstützungen für Kirchenbau und Kirchenrestaurierungen, an nationale wissenschaftliche Vereine, Mädchenlyceen, usw. — jüdische Bauten oder jüdische Institute sind ganz ausgeschlossen. Und das ist der Lohn für die Blutsteuer, für alle Lasten und die patriotischen Dienste der jüdischen Bevölkerung. Ja, die galizischen christlichen Handelsgenossenschaften, die den Zweck haben, den jüdischen Handelsstand zugrunde zu richten bekommen allein vom Ministerium des Innern eine Subvention im Betrage von K 20.000. — Für die wirtschaftliche Hebung der jüdischen Volksmassen von der Regierung Geld zu verlangen, hat sich noch niemand getraut, und es wäre bisher auch vergeblich gewesen. Nun muss es aber anders werden! Die Behandlung der Juden im Staatsbudget ist eine Zurücksetzung sondergleichen und symptomatisch für die negative Ausnahmstellung der Juden in Oesterreich. Sie zu beseitigen und den Juden bei der Unterstützung ihrer nationalen und kulturellen Bestrebungen den gebührenden Platz zu erobern, muss nunmehr eine der Hauptaufgaben des Jüdischen Klubs und aller jüdisch-nationalen Parteien bilden. L. M. M. EICHLER (BOSTON). Die Juden in Hmcrika, „How came they here? What burst of Christian hate, What persecution, merciless and blind, Drove o'er the sea — that desert desolate — These Ishmaels and Hagars of mankind?" Longfellow. „Wie kamen Sie hierher? Welch' ein Ausbruch christlichen Hasses, welch' blinde, erbarmungslose Verfolgung fuhr über das Meer — so verlassen und betrübt — diese Ismaels und Hagars der Menschheit!" Ich muss Sie bitten, Ihre Einbildungskraft spielen zu lassen, das Rad der Zeit nach rückwärt's zu drehen und mit mir in die kleine holländische Kolonie New Amsterdam zu kommen. Es ist im Frühherbste des Jahres 1654. Kein Anzeichen auf der kleinen Manhattan- Insel verrät, dass sie dazu bestimmt ist, die grösste Stadt der westlichen Hemisphäre zu werden. Ein paar schmale Strassen mit netten Hütten am südlichen Ende der Insel — das ist das ganze Dorf. An diesem Herbsttage konnte der Beobachter Anzeichen einer gewissen Geschäftigkeit in der ruhigen Ansiedlung bemerken. Ein Schiff wird aus Brasilien erwartet — ein Ereignis, welches immer die phlegmatischen Bürger zum Hafen zieht. Das Fahrzeug nähert sich rasch, so dass der Name »St. Catrina« nun erkennbar wird. Die Landung hat stattgefunden. Grüsse und Willkomm werden eifrig ausgetauscht. Da ist aber eine Gruppe von Passagieren, die noch an Bord bleiben. Was für Leute sind das, die so freundlos und verlassen scheinen? Ein Gerücht geht von Mund zu Mund, dass es Juden seien, die durch »christlichen Hass« aus Brasilien vertrieben, nun in der holländischen Kolonie Zuflucht suchen. Aber warum erlaubt man ihnen nicht zu landen? Die Flüchtlinge vor der drohenden Hand der Inquisition, welche ihre ehemaligen Wohnstätten in grosser Eile verlassen haben, sind zu arm, um ihre Ueberfahrt zu bezahlen. Der Herr des Schiffes verlangt sein Geld und so werden ihnen ihre Sachen weggenommen und in öffentlicher Auktion verkauft. Aber leider, das Ergebnis des Verkaufes ist unzureichend, um den ganzen Betrag zu decken. Die zwei Führer der Gesellschaft werden daher »in Haft behalten bis die Rechnung bezahlt ist«. und erst dann wird den Fremden erlaubt, zu landen. Es war die Ankunft der ersten jüdischen Ansiedler in den Grenzen des Landes, welches nun die Vereinigten Staaten sind. Welche Hoffung auf Erfolg konnte dies kleine Häuflein verbannter Menschen hegen? Arm an weltlichen Gütern, gering an Zahl, von ihren übrigen Brüdern durch den weiten Ocean getrennt und von ihren unmittelbaren Nachbarn durch die noch höheren Schranken des Hasses und des Vorurteils, hatten diese jüdischen Pioniere nur magere Aussichen, vorwärts zu kommen. Ihre blosse Existenz in der Kolonie wurde fortwährend von dem kleinlich gesinnten holländischen Gouverneur, Peter Stüyvesant, bedroht, welcher den Direktoren der Gesellschaft nach Amsterdam schrieb und das Verlangen stellte, dass es »niemandem von der jüdischen Nation erlaubt werden sollte, New Netherland unsicher zu machen«. Obwohl dieses Verlangen, zur Ehre Hollands sei es gesagt, als »mit Vernunft und Gerechtigkeit unvereinbar« abgewiesen wurde, war die Stellung der jüdischen Ansiedler in ihrem neuen Zufluchtsort nicht beneidenswert.

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