Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1907-11-01 · Heft 47 (1.11.1907) · p. Seite 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 47 (1.11.1907)
Date
1907-11-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2425679-2425680-2425714--0448-2426732
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 47 .Neue National-Zeitung" Seite 7 ihn mit noch grösseren Vertrauen erfülle, sei, dass der Abhängigkeitsgeist sich rasch verlor. Die Kolonisten haben gelernt, sich auf sich selbst zu verlassen; ihre Liebe zu dem Boden wuchs und diese Liehe für das Land ihrer Väter rief bessere Gefühle, edleres Empfiuden und grössere Selbstaufopferung hervor. Für Juden, welche ausserhalb dieses Landes leben, sei es unmöglich, die Gefühle dieser jüdischen Pioniere, welche den Grundstein des kommenden jüdischen Staates legten, vollkommen zu erfassen. Einmal reiste er z. B. in Gesellschaft eines Kolonisten und der letztere deutete auf ein Stück Land, an welchem sie vorüberkameu und sagte : „Dieser Landstrich gehört noch nicht uns." ÄVelche Tiefe des Gefühles legte dieser Ausruf an den Tag, welch' zukünftige Möglichkeiten beschwor er herauf. Dennoch gäbe es eine Sache, welche ernstlich die Wohlfahrt der Kolonie berühre und das sei die arabische Arbeiterfrage. Die arabischen Arbeiter. In den meisten der Kolonien seien 60—80% der Landarbeiter Araber. In „Petach Tikwah" seien von 1000 angestellten Arbeitern 800 Araber. In „Zichron Jacob" lebten 400 Araber in der Kolonie. Seiner Meinung nach wäre dies eine sehr peinliche Situation. Sie enthält zweierlei Möglichkeiten : erstens, dass der Araber auf Kosten der jüdischen Nachbarn zivilisiert und zweitens, dass das Gedeihen der jüdischen Kolonien zu sehr in die Hände der arabischen Bevölkerung gelegt werde. Es dürfe nicht vergessen werden, dass der Araber viel von seiner primitiven Anhänglichkeit an das Land zurückbehalte. Sein Bodeninstinkt sei stark und die Gefahr bestehe darin, dass es ihm, wenn immer auf der Scholle beschäftigt, aufdämmern könne, er sei unentbehrlich und besässe ein moralisches Recht an sie. Die jüdischen Kolonien könnten so lange nicht als wirklich jüdisch angesehen werden, als die' Araber einen so mächtigen Arbeitsfaktor in ihnen bilden. Es soll nicht gesagt werden, dass überhaupt keine jüdischen Arbeiter da wären, sondern dass man nicht erwarten könne, dieselben in Wettbewerb mit den Arabern zu sehen, deren Ansprüche so gering sind und deren Lebensweise so uuzivilisiert ist. Ein Weg stände dem jüdischen Arbeiter offen. Er müsste in die Landfrage den Einfluss jener höheren Intelligenz und Zivilisation bringen, welche ihn dem Arbeitgeber trotz seiner grösseren Bedürfnisse wertvoller machen würde. Er könne zu seiner Freude sagen, dass dies bereits geschehen sei. Arbeitvereinigungen erheben sich allerorts und von diesen verdienten die „Poale Zion" und die „Poale Hatzair" besondere Erwähnung. Die letztere habe besonders demonstriert, dass der Jude mit dem Araber konkurrieren könne, nicht so sehr durch Einschränkung der Lebensbedürfnisse als durch die Produktion besserer und tauglicherer Arbeit. Die Ica tat wenig. Aber was sie tat, tat sie gut und sie hatte Erfolg, indem sie Juden zu guten Söhnen des Landes machte. Mit Bezug auf den Ankauf von Land in Palästina gab er zu, dass noch grosse Schwierigkeiten im Wege lägen, aber es käme nur darauf an, wie man die Sache anfasse, denn der Kontrakt des einmal gekauften Landes sei unverletzlich; jetzt wurde auch jeder rechtsmässige Kontrakt von den Türken in der Weise anerkannt, dass er auch jene religiöse Sanktion besässe, welche ihn in den Augen jedes Anhängers von Mohammed heilig erscheinen lasse. Die zionistische Diplomatie sollte sich eigentlich in der Richtung bewegen, die Landkäufe zu erleichtern. Der Nationalfond sei viel zu klein, um irgend etwas wertvolles im Landkauf zu erreichen, aber was die Zionisten tun könnten, wäre, Schritte zu unternehmen, um ein Zentral-Bureau in K o n s t a n t i n o p e 1 zu errichten, welches die Landkäufe zu einer viel leichteren Operation gestalten würde, als sie derzeit seien. Auf diese Weise würden private Initiative und Unternehmungsgeist angeregt und ermutigt werden, von welchen schliesslich doch sehr viel abhängt. Auf zionistische Institutionen übergehend, behandelte er eine Zeitlang die Einrichtungen des ,. Bezalel". Zwei glänzende Berichte seien über diese Organisation erstattet worden. Sie besässe einen gesunden Kern und tue wesentliche und notwendige Arbeit durch Heranbildung der jüdischen Jugend des Landes; aber mau solle nicht zu grosse Erwartungen •hegen, damit nicht eine zu grosse Enttäuschung folge. Lasst sie ihre Unterstützung fortsetzen, sendet Beiträge, arbeitet für sie, aber lasst sie nicht vergessen, dass ihr Material beschränkt sei und die endlichen Resultate von den eigenen Bemühungen abhängen, mit welchen sie sie unterstützen. Zum Schluss deutete Dr. Weitzmann in Umrissen au, nach welcher Richtung die zionistische Politik gelenkt werden solle. Der Nationalfond sei, wie er uchon bemerkt habe, zu klein für grosse Landankäufe, aber was er tun und vorteilhaft tun könnte, wäre, soweit seine Mittel reichten, die ungekauften Landstriche, welche eine Kolonie mit der anderen verbinden, zu erwerben und auf diese Art aus einer zerstreuten Serie jüdischer Kolonien ein vereinigtes Zentrum, welches ganz den Juden gehört, zu bilden. Sicher sei der Ankauf solcher strategischer Punkte, welcher mit den beschränkten Mitteln die Hauptbasis praktischer Arbeit in Palästina schaffen solle. Er hätte gerne noch über die anderen zionistischen Institutionen gesprochen, die Bank, die Anglu-Palästinis die Gesellschaft etc., aber die Zeit erlaubte es nicht. Er hoffe jedoch, diese Frage in naher Zukunft zu behandeln. (Applaus.) König Carol 1. gegen die Soldaten» mi&bandlungen. Vor längerer Zeit veröffentlichten wir einen Bericht unseres Bukarester Korrespondenten, worin bestialische Misshandlungen jüdischer Soldaten durch den Colonel Marasescu geschildert wurden. In einer der nachfolgenden Nummern unseres Blattes brachten wir auch die Mitteilung, dass auf die Beschwerde der Väter dieser im Regimeute VIII Dragos in Dorohoiu gemarterten Soldaten gegen das genannte Individuum, Colonel Marasescu, eine Untersuchung eingeleitet wurde, die jedoch wider alles Erwarten dessen „völlige Schuldlosigkeit" ergab .... Wir haben damals diesen Vorgang als „rumänische Schandjustiz" festgenagelt. Nun sind wir in der Lage, über einen interessanten Umschwung in dieser Affäre zu berichten, der auf das direkte Eingreifen des Königs Carol I. zurückzuführen ist. Wir erhalten darüber von unserem Berichterstatter — knapp vor Schluss des Blattes — folgendes Telegramm:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.