Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 46 (25.10.1907)
- Date
- 1907-10-25
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 46 „Neue National-Zeitung" Seite 11 EUiLLEEON BRUNO LESSING: Darf icb Eeab beiraten- *) Eine Humoreske aus dem New-Yorker Ghetto. (2. Fortsetzung.) »Wo ist der Chasen?« fragte er. »Ist er gekommen? Hast Du ihn nach Hause gebracht? Ist alles in Ordnung? Was gibfs denn?« Abraham trat ein paar Schritte zurück. »Hören Sie, Herr Linkovitz«, sagte er. »Regen Sie sich nicht auf. Kann ich Leah haben?« Linkovitz hob wütend seinen Arm, aber Abraham trat flink noch ein paar Schritte weiter zurück. »Es ist nutzlos, Herr Linkovitz,« sagte er. »Ich kann schneller laufen als Sie. Kann ich Leah haben? Sie willigt ein, das wissen Sie, aber wir beide lieben Sie und wollen nicht heiraten, bevor Sie zustimmen.« »Nein!« brüllte Linkovitz, »und tausendmal nein. Wo ist der Chasen?« Abraham erblasste leicht, war aber durchaus gefasst. »Gut, Herr Linkovitz,« sagte er ruhig. »Keine Leah — kein Chasen.« »Wo ist er?« bat Linkovitz, beinahe ausser sich vor Zorn und Angst. Abraham schüttelte den Kopf. »Niemand weiss, .ausser mir. Nicht einmal er selbst weiss, wo er ist, und er rührt sich nicht vom Fleck, bevor ich zurückkomme.« Herr Linkovitz sah ihn einen Moment starren Blickes an, dann hellten sich seine Züge auf. »Ha! Du denkst wohl, Du bist schlau! Ja? Aber warte! In fünf Minuten kann ich ihn durch die Polizei suchen lassen und dann wirst Du sehen, wie schlau Du bist. Ha! Ein Menschenfänger! Den Chasen willst Du stehlen? In zwei Stunden sitzt Du als Menschenfänger im Loch.« Linkovitz war zur Tür seines Ladens gerannt, als er sich sehr sanft beim Namen rufen hörte. Er wandte sich um. Abraham grinste. »Lach' nur, Du Lump!« schrie er bitter. »Wenn Du im Gefängnis bist, wirst Du gut lachen haben!« »Kann sein, dass Herr Schulemann mich aus dem •Gefängnis holen wird,« sagte Abraham sanft. »Er ist auch reich. Und wenn er den Chasen bekommt. —« Der Schrei, welcher sich Linkovitz Lippen entrang, brachte das ganze Komitee vor den Laden. »Was gibt's?« riefen sie. »Um was handelt sich's denn, Herr Linkovitz? Setzen Sie sich. Hier ist ein Stuhl. Himmel! Wie schlecht Sie aussehen! Was ist Ihnen denn geschehen?« Linkovitz war zu aufgeregt, um zusammenhängend reden zu können. Er war nur imstande, auf Abraham deutend, zu keuchen: »Der Verräter! Lump! Stahl den Chasen! Ihn zu Schulemann bringen! Unseren Chasen! Meinen Chasen! Dieb! Menschenfänger!« Sie wendeten sich zu Abraham. »Was ist an der ganzen Geschichte? Was haben Sie getan?« fragten sie. »Nichts«, erklärte Abraham ruhig : »Ich sagte ihm nur, dass ich seine Tochter heiraten möchte. Sie und ich lieben einander. Er sagte nein, darauf sagte ich, dann kriegt er auch den Chasen nicht. Ich hab' ihn eingeschlossen. Er will mich einsperren lassen und da mein' ich, ich werd' Herrn Schulemann sagen, wo der *) Aus dem Englischen von Ida Pollak. Chasen ist und der wird darüber so froh sein, dass er mich aus dem Gefängnis herausholen wird.« Jetzt brach ein solches Wehklagen und Jammergeschrei, ein so aufgeregtes Armeschwenken und wahnsinniges Zupfen an den Bärten los, wie es East Sipe kaum jemals erblickt hat. Ein Polizeimann, von dem Tumult angezogen, näherte sich der Szene, woraufhin die Verwirrung wuchs. »Nicht der Polizei erzählen!« schrien sie, Linkovitz an den Schultern fassend. »Sagen Sie nichts! Er wird zu Schulemann gehen. Kommen Sie hinein! Schnell!» Und ohne viel Federlesens fassten sie Linkovitz an und zerrten ihn in den Fleischerladen hinein, wohin ihnen Abraham, nach einem Moment des Zögerns und einem langen Blick auf den Polizisten, folgte. Einmal drinnen schlüpfte er hinter den Ladentisch und spielte achtlos mit dem Griff eines Hackmessers. »Kommt,« sagte Rosenstein, der am wenigsten erregte der Gruppe, »lasst uns ruhig darüber reden. Was ist eigentlich daran Herr Linkovitz?« Lange Zeit konnte Linkovitz nur schnappen und unzusammenhängendes Zeug heraussprudeln, aber endlich enthüllte er Abrahams Treulosigkeit in vollem Umfange. Da gab es manchen Ausruf des Abscheus über die Verderbtheit in Abrahams Vorgehen, aber Abraham sah mit der Fixigkeit der Jugend, dass Rosensteins Augen blinzelten und, einen Verbündeten witternd, wendete er sich an ihn. »Sie sind ein gescheiter Mann, Herr Rosenstein,« sagte er. »Ich überlasse es Ihnen, zu entscheiden. Konnte ich etwas anderes tun? Hundertmal hab' ich ihn gebeten, er soll mich Leah heiraten lassen. Oh, wenn Sie nur wüssten, wie wir einander lieben! Und jedesmal sagt er nein. Er sagt, ich hätte kein Geld. Gewiss hab' ich kein's, aber hat er nicht genug für zwei? Er kann mich Teilhaber werden lassen, nicht wahr? Und wenn Leah zufrieden ist, sollte er da nicht auch zufrieden sein?« Rosenstein strich seinen Bart und starrte Abraham lange und gedankenvoll an. Dann sagte er, zu Lmkovitz gewendet: »Komm', Bruder. Ich sehe keine andere Wahl für Dich. Jedermann wird uns auslachen, wenn der Chasen in Schulemanns Synagoge singt« — Linkovitz wand sich — »und Du hast schon so viel Geld für die Vorbereitungen ausgegeben, dass wir alle närrisch scheinen werden, und mag sein — wer kann sagen? — einige von unseren Leuten werden zu Schulemann gehen, um ihn zu hören. Und ausserdem, Abraham ist kein übler junger Mensch.« Jedes Auge war auf Abraham gerichtet und er errötete. »Und er ist auch tüchtig. Er wär' ein ganz guter Kompagnon, denk' ich. Mein lieber Linkovitz, warum eigensinnig sein? Denk' an alles, was Du für die Synagoge getan hast. Soll jetzt das ganze Ghetto über Dich lachen?« Linkovitz, der sich während dieser Rede gekrümmt und gewunden hatte, hob nun sein bleiches Antlitz. »Ich bin geschlagen,« sagte er. »Er kann sie haben. Sag' ihm, ich bin gezwungen, nachzugeben. Ich will nie mehr mit ihm reden. Mach', dass er den Chasen bringt.« Abraham stiess einen wilden Freudenschrei aus und stürzte gegen die Tür. »He! Wohin gehen Sie?« rief Rosenstein.