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Neue Nationalzeitung · 1907-10-25 · Heft 46 (25.10.1907) · p. Seite 10

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 46 (25.10.1907)
Date
1907-10-25
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 „Neue National Zeitung" Nr. 46 nisse und sonstigen Beziehungen jener Völker dar. Babylonisch spielte damals die B-olle des heutigen Französisch. In Kanaan trafen die Hebräer das alte Kanaanitische, das mit ihrem Idiom die nächste Verwandtschaft hatte. Citeratur und Cbcatcr. Moses. ^Eine Tragödie in fünf Akten und einem Vorspiel von Viktor Hahn, Stuttgart und Berlin 1907. J. G. Ootta'sche Buchhandlung Nachfolger.) Für die Schaffenskraft eines Dichters gibt es wohl , nirgends gewaltigere Motive als in der biblischen Geschichte. In der Religion überhaupt häufen sich wunderbare, sagenhafte Ereignisse und di« Gestalten, halb Menschen, halb Götter, überragen die Helden der nachmaligen Geschichte weit an Kraft und Grösse. Religiöse Themen haben daher stets in allen Zeiten und Phasen der Literatur die grösste Anziehungskraft auf Dichter ausgeübt, ihre epische und dramatische Gestaltung reizte von jeher, wenn auch wenige nur sich rühmen können, auf diesem Gebiete etwas Bleibendes geschaffen zu haben. Um sich mit diesem gigantischen Stoff zu messen, muss man gewaltige Kräfte einsetzen und im grossen Strome der Literatur zerschellte mancher stolze Segler an diesem Magnetberg. Die ihr kühnes Beginnen mit unsterblichem Lorbeer krönen durften, sind leicht zu zählen. Es kommen in erster Linie wohl hauptsächlich nur zwei Dichtungen in Betracht: Dante Alighieris „Commedia" und Torquato Tassos „Befreites Jerusalem". In beiden ist jedoch mehr religiöser Sinn als Handlung. Von den späteren Schöpfungen ist der mächtige Bekehrungssang, die Klopstocksche „Messiade" von höchster Bedeutung, wenn auch der Inhalt in allzufreier Wiedergabe gegen die biblische Ueberlieferuug arg verstösst. Von diesem Fehler frei ist Racines grosse Tragödie „Athalia" und die weniger bedeutende „Esther". Garniers schwacher Versuch und die Versuche seiner Zeitgenossen, religiöse, biblische Dichtungen zu schaffen, kommen wohl nicht in Betracht. Vielleicht ist noch Otto Ludwig mit seinen „Makkabäern" und Moser mit dem äusserst gemachten Drama „D e bo rah" zu erwähnen. Welche geringe Lebensfähigkeit selbst die wirkungsvollsten moderneu Dramen auf diesem Gebiete besitzet«, das zeigt deutlich Heyses „Maria Magdala", wo die Zensur für kurze Zeit Wunder wirkte. Unsere Grossen waren zu sehr Hellenen, um an der feierlichen Gewalt biblischer Kultur Gefallen zu finden. Aber dass gerade hier so viel begonnen wurde und so wenig vollendet ist, das liegt wohl daran, dass diese Dichtungen an den Schaffenden die grössten Anforderungen stellen. Antike Schönheit der Form muss sich der Handlung passend anschmiegen und tiefe Gedanken sind in religiöse Feierlichkeit gekleidet. Die kleinen Stimmungen und flüchtigen Dialogei die sonst den Gang der Handlungen angenehm unterbrechen, fehlen gänzlich. Jede Stimmung ist kolossal, die Sprache ernst, feierlich, ohne dabei in jenes Pathos zu verfallen, an das ihre Eigenart hart grenzt. AU das erfordert den grossen genialen Zug des Schöpfers. Nicht kleine Ereignisse sind es, die die Hand spielend formt, hier atmet schon die grosse Ewigkeit, vor deren Hauch die Seele jedes Sterblichen erzittert. Es waren auch nur Unsterbliche, die ihr Atem erweckend berührte und sie dichteten dann wie Seher. Wenn daher einer die Hand ausstreckt nach dieser Sonnenkrone, so ist er entweder ein Naivling oder er fühlt in sich den göttlichen Funken, dem nichts Grosses fremd ist. Oft ist das schwer zu unterrcheiden, denn, die genial sind, haben auch die Naivetät und Unbesonnenheit des Genies. Nun liegt da vor mir ein Werk, dessen Titelblatt den Namen desjenigen trägt, der die monumentalsten Eigenschaften aller Zeiten in seinem Innern barg. Wer sich an eine solche Leistung wagt, muss Herkuleskräfte in sich fühlen. Der kühne Mut, mit dem Herr Viktor Hahn, Autor des „Moses", sich an ein Motiv von so erhabener Grösse wagte, ist imponierend. Schön ist es, dass er billigen Ruhm verschmäht und dass seine Krone den ehrwürdigen Staub des Altertums tragen soll. In der Tat, seine Absicht ist schöner und lobenswerter als ihre Ausführung. Herr Viktor Hahn hat Begabung — aber auch nicht mehr. Um jedoch einen Stoff, wie ihn Moses bringt, zu meistern, muss man mehr haben. Er hat dramatische Routine und doch wäre es vielleicht besser gewesen, wie seine etwas eintönige und breite Art zeigt, wenn er den Stoff zu einem Epos verarbeitet hätte. Er hat eine glückliche Hand in der Zeichnung der Charaktere und kann doch die Handlung einiger Szenen nicht so spannen, dass er sie gebührend zur Geltung bringt. Er ist ein sauberer und korrekter Dichter, dem leider nie der Verstand mit dem Feuer seines Temperamentes durchgeht. Er ist allzu korrekt. Man liebt aber das Geinässigt-radikale in der Dichtung nicht. Ausserdem hat er so eine irritierende Manie, sich an einzelnen Worten zu. ergötzen. In Jeu bewegtesten Szenen, die nur der elementarste Ausbruch prägt, hat er eine Art von Weisheit zu triefen, so dass man sich des Eindruckes des Gewollten, Beabsichtigten nicht entziehen kann. Er berechnet da zu viel und dichtet zu wenig. In solchen Momenten hat er wenig Eigenes, es sind Weisheiten nach bewährten Mustern, die vor ihm schon Grössere besser gesagt haben und die er als müheloses Strandgut erbeutet und frisch aufputzt. Aber Viktor Hahn zeigt auch ein Können, das keineswegs unterschätzt werden darf. Vor allem hat seine Sprache eine rythmische Schönheit, die das Werk zum Poesiewerk erhebt und durch manche Dialoge geht ein bezeichnender scholastischer Zug, der den Gestalten unauffällig den Stempel ihrer Rasse aufdrückt. Die Anlage des „Moses" ist breit und bedeutend. Am wenigsten befriedigt der Sehluss. Ich glaube, dass die schmerzlichste und ergreifendste Tragik im Schicksal des Moses wohl darin liegt, dass er das ersehnte Land, das er mit seinem Glücke und Frieden erkaufte, eigentlich durch Verschulden seines undankbaren Volkes nicht betreten darf. Dass es nur seinen Augen gegönnt wird und er die grosse Liebe seines Lebens nur mit einem Blicke umfangen darf. Hier schliesst die Tragödie mit der empörten Verzweiflung des heimkehrenden Moses, der, vom Berge Horeb kommend, seinem Volke die ewigen Gesetze bringt und sich von ihm betrogen und verraten sieht. Mit ein paar schwachen Trostworten des Josua schliesst das Stück. Sonst ist die Situation trostlos. Also in doppeltem Sinne ein Drama der Enttäuschung. Wenn auch Viktor Hahn Kräfte hat und sie zu gebrauchen weiss, den Adlerflug kann er nicht machen, weil ihm die Schwingen fehlen. Weniger waghalsig in seinem Wollen, wird er mehr gewinnen. Er muss sich nur die grosse Geste abgewöhnen. Thekla Blech.

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