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Neue Nationalzeitung · 1907-10-25 · Heft 46 (25.10.1907) · p. Seite 9

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 46 (25.10.1907)
Date
1907-10-25
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 46 „Neue National-Zeiiung" Seite 9 die Juden das politische Gleichheitsideal anstrebten, das während des ganzen zwanzigsten Jahrhunderts vorherrschend war. Man glaubte, dass politische Freiheit und Privilegien eine Verbesserung in der jüdischen Lage nach sich ziehen würden. Das Problem wurde irgendwie mit dem wandernden Charakter des jüdischen Volkes in Zusammenhang gebracht. Was war aber die Ursache dieses immerwährenden Wanderns? Der Grund lag in der Tatsache, dass die wirtschaftlichen Bedürfnisse des jüdischen Volkes nicht befriedigt werden konnten. Als eine zerstreute Rasse konnten sie weder eine eigene Agrikultur entwickeln noch eine ausgesprochene nationale Produktion. Der Ursprung der Auswanderungsbewegung kann bis auf Alexander den Grossen zurückgeführt werden, welcher zahlreiche Juden in die verschiedenen Plätze, die er erobert hatte, veiteilte. Er ahnte ohne Zweifel ihren unternehmenden Geist und ihre zivilisierenden Funktionen. Das Bedürfnis nach Entwicklung von Handel und Industrie im Mittelalter verlieh dem jüdischen Auswanderungsinstinkt weitere Nahrung. Regierungen luden sie frei zur Einwanderung in ihre Länder ein und bewirkten ihre Verfolgung, wenn ihre Dienste nicht länger gebraucht wurden. Denn es war die Tendenz der herrschenden Klassen, ein neues Element eher zu unterdrücken als gelten zu lassen. Als Beweis diene, wie in England die jüdischen Arbeiter auf einen oder zwei unbedeutende Geschäftszweige beschränkt wurden, hingegen von den ausgedehnteren ausgeschlossen wurden. Dadurch wurde die Proletarisierung der jüdischen Massen verhindert; es wurde aber die Ursache und die Wirkung der immerwährenden Wanderung. Diese alte Auffassung der jüdischen Frage ist nun von allen den besten modernen Geistern verlassen worden. Die S. S. Partei war aber die einzige jüdische Partei, welche Prinzipien vertreten hat, die in Uebereinstimmung mit modernen Gedanken und Bestrebungen standen. Sie repräsentiert das aufsteigende jüdische Proletariat, welches sogar bei dem Internationalen Sozialistenkongress als eine eigene Nationalität anerkannt wurde und dort trotz der Proteste der Bundesdelegierten repräsentiert werden durfte. Sie fand viele Gönner unter den grössten Geistern der modernen Nichtjuden aller Parteien und Meinungsschattierungen in allen europäischen Ländern. Die Idee eines jüdischen Territoriums wird nicht länger für unmöglich gehalten; ihre Verwirklichung ist allein fähig, dem Auswanderungsinslinkt Halt zu gebieten und die besten Qualitäten des jüdischen Volkes herauszubringen. Dem Vortrage, welcher zwei Stunden in Anspruch nahm, folgte eine sehr interessante Diskussion. Bimiäiiien; Ein österreichischer Protest. Jassy. Das hiesige Blatt „Opinia" bringt in ihrer letzten Nummer nachstehende Notiz: Wie wir aus absolut sicherer Quelle erfahren, hat der österr.-ungar. Gesandte in Bukarest der rumänischen Regierung eine Note überreicht, in der gegen die zahlreichen Ausweisungen rumänischer Juden auf österreichisches oder ungarisches Gebiet energisch protestiert wird. Diese Protestnote hatte — wie die „Opinia" hinzufügt — zur Folge, dass der Minister des Innern, Herr Jonel B r;i t i a u u, sämtliche Präfekten des Landes angewiesen hat, Juden, die Ausweisungsdekrete erhalten, nicht auf österreichischungarisches, sondern nunmehr auf — russisches Gebiet abzuschieben! Neue Ausgrabungen im Orient. Ueber dieses Thema hielt Universitäts-Protessor Dr. Bezold aus Heidelberg in der Wiener „Urania" unter grossem Andrang des Publikum seinen nicht nur sehr lehrreichen, o _ " sondern speziell vom jüdischen Gesichtspunkte ungemein interessanten Vortrag, der ganz neue Gesichtskreise eröffnete. Nachdem der Vortragende das Land Mesopotamien in kurzen plastischen Zügen geschildert hatte, gab er einen Üeberblick über die Reihe grosser Entzifferer der Keilinschrift, Grotetend, Rawlinson, Oppert, des Dreigestirns der Assyrologie, und die Unsumme von Genie und Fleiss, die dazu erforderlich war, um dann auf das angekündigte Thema überzugehen, das er in fesselnder Weise zu behandeln wusste. Delitzsch habe mit Babel und Bibel nicht den ganzen Umfang dieser Bedeutung zu erschöpfen gesucht. Das Gebiet der Keilinschriften erstreckt sich weit über Mesopotamien hinaus bis nach Vorderasien, Palästina und Egypten und enthülle den geistigen Zusammenhang der alten Kulturen dieser Länder, ohne dessen Kenntnis eine richtige Betrachtung der altorientalischen Geschichte unmöglich ist. Die Ausgrabungen haben die Berichte der Bibel über Babylon ien und Assyrien aufs glänzendste bestätigt und gewähren Licht bis hinauf ins fünfte Jahrtausend vor Christus, also weit über die ältesten Pyramidenerbauer hinaus. Mit Assur beginnend, wurden nun die Ergebnisse der Keilinschriften über die Reihe jener Herrscher vorgeführt: Der Stierkoloss, Belagerungsscenen, Schlachtenreliefs und Löwenjagden versetzten in jene Tage des alten Ninive, das, wie später Babylon, so oft in der Bibel erwähnt wird. Seine Könige Assurbanipal (650 v. Chr.), dessen Bruder Scharaaschamukin den Tod in den Flammen fand, Asarhaddon, dessen Siegesdenkmal erst vor 16 Jahren entdeckt ward (Tyrrhaka 670), Sancherib mit seinem Zuge gegen Hiskias (701) wurden nahe gerückt, bei letzterem Herrscher Assurs ein interessanter Vergleich mit dem biblischen Berichte angestellt, der gerechtfertigt erscheint. Dann o-inges noch weiter zurück auf Saigon IL, Salmaö ö © ) nassar II. also ins IX. Jahrhundert, wo Israel zuerst mit Assur in Berührung kam. Ein Obelisk ist besonders merkwürdig durch das oberste Reliefband, das uns die Tributleistung des Königs Je hu darstellt, wieder im Einklang mit der Heiligen Schrift, In den Achtziger-Jahren fand mau das D -ukmal, das uns durch die Fülle seiner szenischen Reliefs in alle Gebiete jener Kultur einführt (Salmanassar), und wenn auch die Perspektive nicht unseren Anforderungen entspricht, doch einen ausserordentlichen Kunstsinn bekundet. Weiter zurück ging es in das altbabylonische Reich, also in die zweite Häifte des zweiten Jahrtausends vor Christus, mit einer Kultur, die sich auf Hethiter, Kanaan, Egypten u. s. f. erstreckt. In Egypten fand 1888 eine arabische Bauersfrau zufällig einen Keiliuschriftsatz aus der Zeit AmenophisIV.(Kuenaten). Die Funde von Tellamarna wurden detailliert behandelt. In babylonischer Schrift und Sprache liegt da in 200 Tafeln und Zylindern aus ungebranntem Tone die Korrespondenz der Pharaonen mit asiatischen Fürsten vor uns, aus einer Zeit, sagt der Vortragende, ,,wo wir uns den Auszug der Kinder Israels aus Egypten vorstellen". Gekneteter Nilschwamm diente als Material für die Täfelchen. Redner legte die Wichtigkeit der Funde für die sprachlichen Verhält-

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