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Neue Nationalzeitung · 1907-10-25 · Heft 46 (25.10.1907) · p. Seite 8

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 46 (25.10.1907)
Date
1907-10-25
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 „Neue National-Zeitung" Nr. 46 1876 die Direktion der Sternwarte von Montfourts übertragen. Der grosse Astronom hingam Judentum mit kindlicher Pietät, welches in ihm nicht bloss einen hoch emporragenden, sondern auch einen teuren Sohn verliert. * * * Nachtrag der Redaktion: Im Sonntagsblatt des „Neues Wiener Journal" widmet einer der ältesten Wiener Journalisten, Sigmund Schlesinger, seinem verstorbenen Freunde einen geistreichen Nachruf, betitelt „Ein Wiener Sterngucker". Besonders erwähnenswert erscheint das, was Schlesinger dem Juden Loewy nachrühmt: „Ich weiss es, wie gerne er daheim geblieben wäre, wie schwer ihm der Entschluss wurde, Wien verlassen zu müssen, und mit welcher Bitterkeit in der Seele er schied. Er hätte freilich bleiben können, und die .massgebenden Stellenhätten eine sehr angenehme Genugtuung darin gefunden, ihn hier behalten zu können, denn es wäre damit nicht nur ein zukunftsreicher Geist, dessen Wert sie gar nicht unterschätzten, der Wiener Lehrstätte gewonnen gewesen, sondern auch .eine Seele' für die herrschende Kirche. Die Bekehrungssucht und der streitbare Eifer für die Reinhaltung aller offiziellen Sphären des Staatsgetriebes von ,n i c h t getauften' Elementen' ging damals, beim Anbruch der Konkordatsära, so weit, dass selbst der doch gewiss unverdächtige Ultramontanismus des Kultns- und Unterrichtsministers Grafen Leo Thun, des .schwarzen Grafen', sich manchmal davon überflügelt sah und erfahren konnte, dass hyperzelotische Einflüsse da walteten, denen gegenüber er noch als .gemässigt' und sogar ,lau' erscheinen musste. So geschah es, dass die Professoren Littrow und Ettinghausen, in deren Gunst der vielversprechende Astronomie-Lehrling sehr hoch stand, vergeblich alle Anstivngung' ii machten, für ihn die Gewährung eines Stiftplat/.es an der Sternwarte durchzusetzen. Es wurde von der obersten Untenichtsbehörde. oder von denen, die noch ,oberster' waren, die unwiderrufliche Bedingung daran geknüpft, dass der Kandidat zuvor seinen Glaubensübertritt vollziehen müsse. Dessen aber weigerte sich Loewy entschieden — nicht aus konfessioneller Frömmigkeit, denn er klammerte sich nicht an bestimmte Glauliensdogmen und Glaubensformehi, sondern weil es seinem ethischen Empfinden widerstrebte, sich zu einem Schocher mit jedenfalls höher zielenden Dingen treiben zu lassen und irgend ein feierliches Glaubensbekenntnis abzulegen, bloss um etwas damit zu ,erreichen". In Oesfeireich konnte es also Loewy zu nichts bringen. In Frankreich aber erreichte er eine hervorragende Position. „Tn der französischen Gelehrtenwelt genoss er die Verehrung, die den .Thronenden4 im Reiche der Wissenschaft gezollt wird. Kr ,residierte' wirklich im Observatoire wie ein Hen-seher. und ich glaube nicht, dass der Präsident der Republik von seiner Umgebung mit mehr Ehrerbietung behandelt wird. Ich selbst bekam ein PrÖbchen davon, als ich während meines kurztägigen Pariser Aufenthaltes ihn aufsuchte. Er war nicht zugegen, und ich vermass mich der nnehnrhietigen Frage an den Portier, um welche Stunden .Monsieur Loewyin seinem Bureau zu treffen sei. Da kam ich aber schön an. Mit der ganzen Majestät der beleidigten Wissenschaft richtete sich der Gefragte in die Höhe und erteilte mir die gebührende Lektion: ,0 Monsieur Loewy n'est pas l'homme ä l'heure, il vient, qua ca lui plaif. (0, Herr Loewy hält sich nicht an die Stunde, er kommt, wann es ihm passt) — dass ich einem Manne von der Bedeutung Loewys zugemutet hatte, bestimmte Bureaustunden halten zu müssen und nicht nach eigenem Ermessen kommen und gehen zu können, das war dem wackeren Hüter der Schwelle als eine gelinde Majestätsbeleidigung vorgekommen." Traurige Botschaft aus Marokko. Paris. Herr El mal eh, Direktor der Allianee- Schulc in Mazagan, hat an die Leitung der Alliance Israelite Universelle nachstehenden Brief geschickt: „Mazagan, 7. Oktober 1907. Von allen jüdischen Familien, die anfangs August die Stadt verlassen haben, ist noch nicht eine zurückgekehrt. Der Umkreis von Mazagan scheint ganz ruhig. Mulay Hafid übt eine wahre Schreckensherrschart über die Stämme aus, die ihm anhangen, und für den Augenblick wenigstens darf man an eine Wiederkehr der Ruhe glauben. — Seit einigen Tagen haben wir einen neuen Kaid. Der frühere, El Hamdounia, ist in Ketten nach Marrakesch gebracht worden, um sich wegen seiner franzosenfreundlicheu Haltung zu rechtfertigen. Auch alle anderen Beamten in Mazagan sind durch Kreaturen Mulay Hafids ersetzt worden. Im Schoosse der israelitischen Gemeinde hat sich seit August nichts geändert, nur das Elend ist noch grösser, die Verlassenheit eine vollständige geworden. Die Zahl unserer Armen hat sich beträchtlich vermehrt, nämlich um alle Flüchtlinge in Casablanca, die wir von den Arabern freigekauft und in unseren Schulen untergebracht haben. Bis jetzt sind etwa 250 nach Casablanca zurückgebracht worden, gegen 150 sind noch hier und täglich treffen neue ein. Bisher haben die an Ort und Stelle aufgebrachten Mittel für den Freikauf der Gefangenen von Casablanca ausgereicht. Jetzt aber ist es unmöglich, neue Spenden zu erhalten, da die Vermöglichen in rühmlicher Hilfsbereitschaft bereits alles entbehrliche hergegeben haben. Wir mussten deshalb bei einein hiesigen Geschäftsinhaber eine Anleihe von 750 Pesetas aufnehmen. Diese Last ist für uns umso schwerer, als für den Freikauf unserer Glaubensgenossen noch weitere Mittel erforderlich sind und wir überdies für Nahrung, Kleidung und Beförderung nach Casablanca zu sorgen haben. Für die Armen von Mazagan selbst hat, abgesehen von den Spenden der Alliance und des Herrn Cohen, noch nichts geschehen können. Sie leiden buchstäblich Hunger. Seit meiner Rückkehr hin ich förmlich umlagert von den Unglücklichen, die ihr Leid mir zusohreien als der einzigen Person, die ihnen Hilfe bringeu kanu. Es ist ein klägliches Schauspiel. Zu allem Unheil hat der Winter mit Regen und Kälte eingesetzt und die Aerrnsten, die alles, sogar ihre elenden Betten verkaufen mussten, haben nichts, um sich zuzudecken. Ich bitte Sie deshalb um neue Spenden, sowohl für diu Armen von Mazagan wie für die Flüchtlinge von Casablanca, und um die Beträge, die erforderlich sind, diese Flüchtlinge in ihre Heimat zurückzubringen. El male h." Die Leitung der Alliance Israelite Universelle, die bisher 40.000 Frcs. nach Casablanca, Mazagan und Marrakesch geschickt hatte, hat Herrn ElmaU h auf den obigen Bericht hin alsbald mit den gewünschten Mitteln ausgestattet. England. Die sozialistischen Zionisten. Londou, im Oktober. (Orig.-Korr.) Der Führer der S. S. in Russland Dr. N. S y r k i n hat am letzten Montag in einer Volksversammlung die Grundsätze seiner Partei entwickelt. Dr. Syrkin begann, indem er auf die jüdische Frage als eine der kompliziertesten verwies. Es gebe zwei Auffassungen der Frage, die alte und die neue. Die alte Auffassung war eine politische; die nein; aber ist die soziale und kulturelle. Die politische Auffassung begann mit der französischen Revolution, als

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