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Neue Nationalzeitung · 1907-10-25 · Heft 46 (25.10.1907) · p. Seite 5

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 46 (25.10.1907)
Date
1907-10-25
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 46 „Neue National-Zeitung" Seite 5 los, aufs neue unser altes trauriges Symbol verkörpernd : Ahasver ... Und nun hat Theodor Ritter von Taussig für das schöne Schauspiel, das ein gequältes und gepeinigtes Volk der Welt täglich aufs neue" beten darf, den Judas-Lohn erhalten. Die amtliche »Wiener- Zeitung« vom 17. d. M. publizierte, dass der Zar von Russland dem Gouverneur-Stellvertreter der Boden- Kreditanstalt den Stanislausorden I. Klasse verliehen habe und dass es ihm nun gestattet werde, diesen Orden zu tragen. »Praemiando incitat« (»Durch Belohnung spornt er an«) lautet die Devise auf dem Stanislaus-Orden. Er spornt ihn an!.. . Und wir hören den Schmerzensschrei von Bialystok, Siedice und Schytomir .... Er belohnt ihn und wir sehen geschändete Frauen und Mädchen, stückweise zerfleischte Kinder, hingemordete wehrlose Greise, Blut, Ströme von Blut .... es ist kein Phantasiegebilde. Wer hat die Gewehre, die Kugeln, das Pulver und den Lohn der mörderischen Soldateska bezahlt? Wer hat nach Russland das Gold geschickt, mit dem man die Massenmörder, die Hooligans organisierte, mit dem das Schussgeld auf jüdische Köpfe unter die Massen geworfen wurde? . . . . Ein Jude! Er ist noch immer Vize-Präsident des Kuratoriums der israelitisch-theologischen Lehranstalt. Seitdem 17. d. M. ist er auch Ritter des russischen Stanislaus-Ordens, ein Ritter I. Klasse. * Ein Taussig gegen die galizischen Juden. Rabbi A k i b a dürfte endlich Unrecht haben. Er hat seinen berühmten Satz: »Alles ist schon dagewesen,« ausgesprochen, ohne an Herrn Donatin recte Nathan Taussig zu denken. Dieser Herr, seines Zeichens Rentier und ehemaliger Börsenbesucher, ist dieser Tage unter Hinterlassung eines Vermögens von nahezu zwei Millionen Kronen gestorben. Er hat den grösseren Teil seines Vermögens laut testamentarischer Bestimmung einigen Wohltätigkeitsinstituten vermacht. Zum Universalerben seines Vermögens hat der Verblichene den Konvent der Barmherzigen Brüder in Wien eingesetzt. Eine der Stiftungen ist für Junggesellen bestimmt, die das sechzigste Lebensjahr überschritten haben. Für diese Stiftung und für das Konvent der Barmherzigsn Brüder enthält das Testament eine Bestimmung, die in ihrer Art einzig dasteht. Es schliesst nämlich ausdrücklich galizische Juden von dem Genüsse der genannten Stiftungen aus. Der Erblasser scheint von einem unglaublichen Hasse gegen die galizischen Juden besessen gewesen zu sein. Denn er geht so weit, dass er die Barmherzigen Brüder bittet, »auch arme jüdische Kranke aus den im Reichsrate vertretenen Königreichen und Ländern, mit Ausnahme von G a I i z i e n, nach Massgabe der Raumverhältnisse des Spitales und der jeweiligen Spitalsbedürftigkeit aufzunehmen und, »wie bekannt, auch liebevoll zu pflegen.« Es wäre psychologisch höchst wichtig, jene Gründe zu kennen, welche in diesem Manne nicht bloss das jüdische Solidaritätsgefühl gegenüber den Juden aus Galizien zu ersticken, sondern auch jedes Menschlichkeitsgefühl mit den Kranken aus diesem Lande zu ertöten vermochten. War es bloss Vorurteil, oder waren es vielleicht persönliche Kränkungen? In keinem Falle ist dieses Testament gerechtfertigt. Diese Stiftungen sind keine Akte der Humanität, sie atmen Hass, Verfolgungssucht, Ranküne, sie offenbaren die Gesinnung eines Mannes, der in Bezug auf Seelenadel unter Null stand. Diese Stiftungen sind nicht ein Ausfluss des Wohltätigkeitssinnes, sondern eine giftgeschwollene Demonstration. Das Testament hat auch seine heitere Seite. Der Verstorbene war bemüht, für sein Seelenheil ausgiebig zu sorgen. An seinem Sterbetage wird aus Platzmangel Juden der Emtritt in den Tempel der Seitenstettengasse verboten werden müssen, weil auch die vom ihm bedachten Christen laut Testamentswunsch im Tempel zu erscheinen haben. Von tiefer Wirkung wird es gewiss sein, wenn neben dem Seelenlicht für den heiligen Eusebius auch für Donatin Taussig im Konvent der Barmherzigen Brüder ein Seelenlicht brennen wird. Fürwahr, ich begreife Juvenai: es ist manchmal sehr schwer, — keine Satyre zu schreiben! m. sch. Donatin Taussig und die Wiener Börse. Wir erhalten von einem hervorragenden Mitgliede der AViener Börsen kam ine r nachstehende Zuschrift : Donatin Taussig, ein entfernter Verwandter des Theodor Ritter von Taussig. kam seinerzeit, in den Siebzigerjahren, als armer Maua nach Wi< n und fand hier infolge seiner Verwandtschaft mit einem Börsedisponenten des Hauses M. Thorsch Söhne als Agent dieser Firma Beschäftigung. Donatin Taussig, welcher viel zu tun hatte, konnte bei seiner Sparsamkeit im Laufe der Jahre ein bedeutendes, nach Hunderttausenden zählendes Vermögen erwerben, beziehungsweise ersparen. In den Achtzigerjahren weilte er zur Sommerszeit in Vehlen, wo er in einem Restaurant durch eine merkwürdige Aeusserung öffentliches Aergernis erregte. In diesem Restaurant war nämlich der inzwischen verstorbene Wilhelm Ritter von Frankfurter anwesend und die Aeusserung lautete, dass er neben einem Juden nicht sitzen will, obwohl er bekanntlich selbst Jude war und als solcher starb. Herr W. R. v. Frankfurter zurückgekehrt, erzählte au der Börse allen Freunden und Bekannten von diesen peinlichen Vorfällen, Es führte dies eine grosse Erregung herbei und als Donatin Taussig im Börsesaal erschien, wurde er fast von der Gesamtheit der Anwesenden hinausgedrängt, respektive hinausgeworfen. Als die Gemüter sich in der Folge wieder beruhigten, wagte er es, den Börsesaal zu betreten. Nach einiger Zeit hatte er bei seiner Unverträglichkeit (er galt überhaupt an der Börse als unverträglicher Mensch) einen heftigen Streit mil einem Herrn, der aus Galizien stammt (Herr Ignaz N.), wobei er vou letzterem einen Schlag ins Gesicht erhielt. Donatin Taussie; revanchierte sich. Das Ordnuno-skomilee der o o Börsekammer verurteilte daher beide Streitenden zum Ausschlüsse aus der Börse, den Taussig sogar für ein J a hr Das sind wohl die Gründe, warum der Verstorbene seinem Zorn gegen die Börse und gegen die galizischen Juden bei seinem boshaften Charakter im Testamente einen so merkwürdigen Ausdruck gab.

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