Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1907-10-25 · Heft 46 (25.10.1907) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 46 (25.10.1907)
Date
1907-10-25
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2425679-2425680-2425713--0432-2426715
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4 ..Neue National-Zeitung Hr. 46 Korreferent Dr. M. Loel). Als Korreferent sprach Rechtsanwalt Dr. L o e b (Mainz) sehr heftig gegen die Taufe der Streber. Als vor kurzem die hessische Landesuniversität ihre Jubelfeier beging, habe General v. Eichhorn im Namen des Kaisers darauf hingewiesen, wie bitter nötig es im Interesse der Zukunft unseres Vaterlandes sei. soziale und religiöse Gegensätze auszugleichen. Die staatliche Judenpolitik zeigt, warum dies nicht gelingt. Der Staat selbst erweitert nicht nur bestehende Gegensätze, er schafft dieselben vielfach erst. In der Hochflut nationaler Begeisterung bei der Begründung des Deutschen Reiches gab es keinen Gegensatz zwischen Juden und Deutschen. Die Jugend der Generation, die diese grosse Zeit wirkend miterlebt hat, sei gefüllt mit patriotischen Erinnerungen. Baniberger und Lasker hätten bewiesen, dass die Zugehörigkeit zum Judentum mindestens kein Hinderiingsgrund zu fruchtbarer politischer Mitarbeit ist. Gerade die Juden hätten in ihrer tausendjährigen Leidensgeschichte gelernt, auch in politischer Betätigung tolerant zu seil» und ausgleichend zu wirken, wenn religiöse oder soziale Gegensätze aufeinanderstossen. Als die Judenhetzen populär wurden, habe eine rückständige Bureaukratie mitgewirkt, die Juden aus politischer Betätigung und öffentlichem Wirken hinauszudrängen. Bismarck habe den Antisemitismus gegen den Sozialismus ausgespielt. Das Judentum selbst habe vielleiclit gerade hierdurch sich innerlich gestärkt und neue Kräfte gewonnen; so im Zionismus, der Tausende wieder mit Stolz ihr Judentum bekennen lasse; aber auf das öffentliche Leben habe der Antisemitismus und seine staatliche Förderung korrumpierend gewirkt. Die allgemeine Yerekelung au politischer Arbeit, das Emporstauen extremer Störungen zei»t. wie schwer der Staat die Summe von Intelligenz, Vaterlandsliebe und Opferwilligkeit missen kann, die im deutschen Judentum vorhanden ist. Der Glaubeinvechsel als Handelsartikel. Das Staatsinteresse fordere die Respektierung der Ideale des Glaubens und der Glaubensfreiheit. Die Judenpolitik der deutschen Staaten aber belohne den Glaubenswechsel und degradiere den Glauben zum Handelsartikel. Das Staatsinteresse fordert, dass jeder nach seinem Charakter und seinen Fähigkeiten die Möglichkeit habe, dem Vaterland zu nützen; die deutsche Judenpolik stösst den Fälligen, Charaktervollen zugunsten des Unfähigen und Charakterlosen zurück. In dieser einen Beziehung gebe es keine Mainlinie mehr! Mit Recht habe der Zentrumsabgeordnete Schmidt unlängst in der hessischen Kammer gefragt: „Glaubt die K-gierung. dass diejenigen, die so schwach sind, sich durch die Taufe ein Entreebillet in die christliche Gesellschaft zu lösen, dadurch geeigneter werden für den Staatsdienst? Wenn sie vorher nicht geeignet waren für den Staatsdienst, so sind sie es nachher noch viel weniger." Auch der eigentlichen Bekenntnisgemeinschaft gegenüber versage die Gerechtigkeit des Staates. Das Judentum braucht keine staatliche Alimentation. Es könne aber verlangen, dass. solange das Geld jüdischer Steuerzahler für andere Kultuszwecke Verwendung findet, auch ihm gleiche und gleichmässige Berücksichtigung zuteil werde. Dadurch werde auch verhindert, dass man Religion mit Christentum identifiziere und einseitige Bekenner einer bestimmten Konfession bevorzuge. Der Kampf für die Gleichberechtigung der Juden bedeute den Kampf für die Gleichberechtigung aller, für die Ausgleichung der inneren Gegensätze, für das Glück des Vaterlandes. (Grosser Beifall.) * Es wurden dann die folgenden Resolutionen nach kurzer Empfehlung durch den anhaltisciien Landtags-^»geordneten Cohn-Dessau unter lautem Beifall durch Akklamation angenommen : Die Hauptversammlung des Verbandes der Deutsch.")! Juden erklärt: 1. Die durch Reichsgesetz und Verfassung gewährleistete Gleichberechtigung der deutschen Staatsangehörigen jüdischen Glaubens wird sowohl im Heere wie bei der Besetzung öffentlicher Aemter fortdauernd verletzt. Der Verband wiederholt seine Forderung endlicher Durchführung der Gleichberechtigung im Reich und in den Einzelstaaten. Er fordert dies auch im Interesse des Staates selbst, dessen Daseinsberechtigung und wesentlichste Aufgabe in dem Schutz und der Aufrechterhaltung von Recht und Gesetz besteht. Der Verband erhebt Widerspruch dagegen, dass durch Gewährung staatlicher Vorteile eine B e I o Ii n u 11 g des G 1 a. u b e n s w e c h s e 1 s erfolgt. 2. Der Verband erblickt eine Kränkung auch der deutschen Juden in der Aus w e i s u n g von A u s- 1 ä n d e r n nur wegen ihres Bekenntnisses zum Judentum und in der fast ausnahmslosen £4ichtgewalmmg der inländischen Staatsangehörigkeit an Ausländer jüdischen Glaubens. 3. Der Verband fordert, dass, entsprechend den Grundsätzen des modernen Staatsrechts, der Staat, soweit er den Religionsgemeinschaften Berücksichtigung und Förderung gewährt, diese der jüdischen Religionsgemeinschaft in gleichem Masse wie den christlichen zuteil werden lasse. Die beiden Cau$$ig$. »Praemiando i n c i t a t! . . .« Unvergessen wie die blutigen Tage der russischen Juden, unvergessen wie jeder einzelne Pogrom, werden auch die Namen derer bleiben, die geholfen haben, sie zu fördern. Und nennt man die Namen Plehwe, Neidhart, Kaulbars, Stolypin, dann wird man auch desjenigen gedenken, der zu einer Zeit dem bankerotten, hilflosen Zarenreich aus argen, finanziellen Nöten half, und damit indirekt die neuen Pogroms schuf: Theodor Ritter von Taussig . . . Auch die Empörung, die sich damals jedem, der noch den geringsten Anspruch auf Menschlichkeit erhob, mitteilte, ist.noch in frischer Erinnerung, und wenn inzwischen neue Pogroms die alten ablössten, so hebt sich Taussigs Tat in frischer Grelle noch heute von dem blutigen Hintergrund russischer Ereignisse ab. Als ihn der allgemeine Sturm der Entrüstung von seiuem Ehrenamte in der Gemeinde hinwegfegte, als die zahmen Entschuldigungsgründe seiner Freunde in dem Wutschrei einer tausendköpfigen Protestversammlung untergingen, da Hess sich Herr von Taussig bald darauf vernehmen, welches Motiv ihn leitete, als er dem wegen seiner barbarischen Judenmetzeleien für die ganze gesittete Welt bankerottem Russland die überall vergebens gesuchte Anleihe bot. Er habe geglaubt, es werde gerade der Umstand, dass ein Jude geholfen, für die russischen Juden von günstiger Rückwirkung sein. Ehe man dieser Motivierung Glauben schenken durfte, musste man sich notgedrungen entschliessen, an den Idealismus und die Naivetät dieses rücksichtslosen Finanzgenies zu glauben. Und das brachte niemand fertig. Man psychologisierte den Fall, und kam zu keinem anderen Resultate als zu dem : Die Pogromaktien haben Theodor R. v. Taussig in der Geschichte der russischen Judenhinschlachtungen einen bleibenden Platz gesichert ... Jeder neue Tag erinnerte uns schrecklich daran. Im Zarenreiche kamen Tausende von Juden ums Leben. Um dieselbe Stunde vielleicht, da Herr von Taussig die Bilanz der Pogromaktien prüfte, zogen viele Tausende gequälter und gepeinigter Menschen, flohen Mütter und Kinder, vor Schmerz und Leid halbwahnsinnige Greise über die Grenzen Russlands, um dann zur Schande Europas von Stadt zu Stadt, von Land zu Land gejagt zu werden, heimatlos, ruhe-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.