Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 46 (25.10.1907)
- Date
- 1907-10-25
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2425679-2425680-2425713--0430-2426713- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 „Neue National-Zeitung" Nr. 46 Von beachtenswürdiger Seite erging nun vor kurzem au die "Wiener Kultusgemeinde die Anregung, dass sie hiegegen geeignete Massnahmen treffen möge. Dem Vorstande der Xultusgemeinde jedoch erschien unser Wirkungskreis geeigneter hiefür und er trat die Angelegenheit an uns zur weiteren Behandlung ab. "Wir richten demnach gleichwie an die übrigen galizischen Kultusgemeinden auch an Sie, geehrte Herren, die inständige Mahnung (!) mit Eifer das Allermöglichste anzuwenden, um unsere jüdischen Kinder unserer Glaubensbrüderschaft zu erhalten. Insbesondere Ihren Religionslehrern sowie Ihren Rabbinern liegt, kraft ihres Amtes die heilige Pflicht ob, in solchem Sinne nach Kräften zu wirken. :~ Wir sehen Ihrer geschätzten alsbaldigen Mitteilung über das, was Sie zu veranlassen fanden, entgegen und zeichnen mit glaubensbrüderlichem Grusse Hochachtungsvoll Der Präsident: Dr. Alfred Stern mp." Dieses Schreiben ist nicht etwa der Kultusgemeinde Wien, deren Taufliste allmonatlich immer mehr anschwillt, zugegangen, sondern lediglich den galizischen Gemeinden. Mehrere Gemeinden schicken mir diesen Schreibebrief zu und fragen, was er zu bedeuten habe. Nicht etwa, weil Dr. Alfred Stern überhaupt gar kein Recht hat. den Kultusgemeinden »Mahnungen« zukommen zu lassen, sondern weil dieser Herr, der sich an die Spitze des Gemeindebundes gestellt hat, damit eine krasse Unkenntnis der Verhältnisse an den Tag legt, die für einen jüdischen Kultuspräsidenten — ich will nicht sagen, für einen jüdischen Politiker, denn als solchen betrachte ich Herrn Dr. Stern nicht — geradezu beschämend ist. Es kann vorerst davon nicht gesprochen werden, dass jüdische Eltern in Galizien — ähnlich wie es in Wien sehr häufig der Fall ist — ihre Kinder der Taufe »zuführen«. Jede Taufe in Galizien — sofern es sich nicht auch um die sehr seltene gleichzeitige Taufe der Eltern handelt — ist in der Regel auf List oder Gewalt zurückzuführen. Dabei kommen ausschliesslich Mädchen in Betracht; ein jüdischer Knabe ist in Galizien seit Dezennien ohne Taufe der Eltern noch nie zum Christentum übertreten. Und diese Mädchen, die dem Kindesalter kaum entwachsen sind, werden systematisch in die Klöster gelockt, wo schändlicher Seelenfang getrieben wird. Was können da die unglücklichen Eltern, was sollen die Lehrer oder Rabbiner anfangen? In wiederholten Fällen, und erst jüngst in Lemoerg, hat sich gezeigt, dass in Galizien keine jüdische Familie dagegen sicher ist, dass man ihr nicht die Tochter entlockt und in ein Kloster sperrt. Den Schutz geniesst dann das — Kloster. Denn »an der Klosterpforte hört die Macht unseres Staates auf«, erklärte der k. k. österreichische Minister Dr. P i e n t a k dem Israel A r a t e n, dem Vater des entführten, nunmehr ganz verschollenen Mädchens. Herr Dr. Stern soll also seine Mahnung an eine andere Adresse richten. Es ist sehr schön, dass er so fromm ist und »die jüdischen Kinder unserer Glaubensbrüderschaft erhalten« möchte. Aber hier handelt es sich nicht um eine konfessionelle, sondern um eine politische Frage. Es geht nicht an, dass Herr Dr. Stern, weil er den Mut nicht aufbringt, bei den obersten Verwaltungsbehörden fort und fort ein scharfes Wort zu sprechen, den galizischen Gemeinden »Mahnungen« ins Haus schickt, ut aliquid fecisse videatur. Entweder oder. Wenn Herr Doktor Stern zu ohnmächtig ist, um in dieser hochernsten Frage etwas zu erreichen, dann soll er vo n Gemeindebund, der unter seiner Leitung zu einer Karrikatur geworden ist, zurücktreten. Aber es darf nicht geduldet werden, dass er die Verantwortungen verschiebt, dass er den unglücklichen Eltern, denen man die Töchter raubt, noch ein Brandmal auf die Stirne drückt. Diese Scheinheiligkeit hat das jämmerliche Dasein des Gemeindebundes vor der Oeffentlichkeit nun ganz enthüllt. J L. Der Uerbandstag der Deutreben Juden. (Von unserem Korrespondenten.) Frankfurt a. M., den 15. Oktober. Die deutschen Juden strafen nunmehr die Theorie der Assimilation Lügen. Sie gelangen allmählich zur Ueberzeugung, dass ihnen ihre bisherige Deutschtümelei und ihr Hurrah-Patriotismus nichts genützt haben. Sie werden in sozialer Hinsicht von ihren christlichen Mitbürgern boykottiert und die Staatsbehörden schliessen sie in sehr vielen Aemtern und Behörden selbst von der kleinsten Beamtenstufe aus. Und . der jüdische Leutnant? Wieviel Mystifikationen sind in der letzten Zeit durch die Blätter gegangen? Es ist aber alles beim alten geblieben. Der jüdische Leutnant der deutschen Armee ist nicht einmal als weisser Rabe vorhanden. Die jungen Herren Cassel und Anger er haben schon so schön von ihren goldenen Portepees geträumt; es blieb aber doch nur ein Traum. Es zeigt sich nun, dass die deutschen Juden denn doch Charakter besitzen; mehr als die Juden gewisser anderer Länder. Sie organisieren sich und demonstrieren sogar vor der Oeffentlichkeit. Eine solche wahrhaft imposante Demonstration' vor der Oeffentlichkeit war die am 12. und 13. Oktober stattgehabte II. Hauptversammlung des Verbandes der Deutschen Juden. Was Deutschland an jüdischen Hamen und Kapazitäten besitzt, ist auf dieser Versammlung erschienen. Es haben sich 400 Delegierte aus allen Gegenden des Deutschen Reiches eingefunden. Vom Reichstag ist allerdings niemand erschienen, da lediglich die sozialdemokratische Partei jüdische Mitglieder zählt. Aber, die Herren Singer, Stadthagen und Konsorten gehen die jüdischen Angelegenheiten natürlich nichts an. Dafür sah man die jüdischen Landtagsabgeordneten Justizrat Cassel (Berlin), Aronsohn (Bromberg), Dr. C o h n (Dessau), Justizrat W o 1 f f (Lissa) und Landesgerichtsrat P e 11 as o h n (Berlin); weiters Geh. Regierungsrat Prof. Dr. Aron (Berlin), Senator Fischer (Hannover), Justizrat Dr. Eugen Fuchs (Berlin), Prof. Dr. Ludwig Geiger (Berlin), Charles Hallgarten (Frankfurt), Prof. Dr. K a 1 i s c h e r (Berlin), Geh. Hofrat G u n d e 1f i n g e r (Darmstadt), Geh. Baurat Prof. Landsberg (Darmstadt), Geh. Med.-Rat Prof Dr. Landau (Berlin), Justizrat Of ner (München), Geh. Regierungsrat Prof. Dr. P i n n e r (Berlin), Geh. Hofrat Prof. Dr. R o s i n (Freiburg) und Justizrat Dr. Hermann Veit Simon (Berlin). Diese Versammlung war aber nicht blos eine Demonstration nach aussen, sondern auch ein Memento an die gesamte deutsche Judenschaft, nunmehr einig und geschlossen für ihre politischen Rechte einzutreten. Bemerkenswert war der scharfe Protest der Versammlung, dass die Regierung die Anstellung der Juden in