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Neue Nationalzeitung · 1907-10-25 · Heft 46 (25.10.1907) · page 1

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 46 (25.10.1907)
Date
1907-10-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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NSU5 flCiOm-ZBDUNG JÜDlSCfiPOUCISCRg WOCR5NSCRRIFC DfS.R.LflNDrSÜÜ IX. JAHRGANG. WIEN. 25. OKTOBER 1907. No. 46. Der fromme Präiideni. Die Gründung eines jüdischen Gemeindebundes nach deutschem Muster war für Oesterreich ein Bedürfnis. Die Kultusgemeinden Oesterreichs bilden, wenn sie gehörig organisiert sind und ein klares Programm mit genau abgegrenzten Zielen besitzen, einen Machtfaktor. Der Gemeindebund wäre ein Kernpunkt für die gesamte österreichische Judenschaft; er wäre ihr Repräsentant nach aussen, ihr Berater und ihre Stütze nach innen. Es gibt unzählige Fragen im politischen Leben der österreichischen Juden, in ihrem Kultus- und Gemeindeleben, denen die einzelne Gemeinde hilflos gegenübersteht. Die einzelne Gemeinde hat keinen Einfluss, sie hat keine Mittel und oft auch nicht das nötige Verständnis, um in einem bestimmten Falle das Richtige zu treffen oder gar durchzuführen. Da hätte nun der Gemeindebund einzugreifen. Die Zurücksetzung der Juden im Staatsamte, die prekäre materielle Stellung der jüdischen Religionslehrer, der mangelhafte Lehrplan für den jüdischen Religionsunterricht, die wenn auch vereinzelten Misshandlungen jüdischer Soldaten wegen ihres Judentums, die statistische Unklarheit über die Berufstätigkeit und soziale Gliederung der österreichischen Juden, die gewaltsamen Massentaufen jüdischer Mädchen unter stillschweigender Duldung der galizischen Behörden, die Benachteiligung von hunderttausenden jüdischer Kaufleute durch die immer mehr ausgedehnte Sonntagsruhe, die Schaffung von Arbeitsvermittlungsbureaus in allen Städten mit einer zahlreichen jüdischen Bevölkerung u. s. w. — welch' reiches Gebiet der Betätigung für einen jüdischen Gemeindebund. Er war ein Bedürfnis für die österreichischen Juden. Trotzdem ist er lange nicht erstanden. Er wurde erst begründet, als er ein Bedürfnis war für Herrn Dr. Alfred Stern. Herr Dr. Stern war Vize-Präsident der Kultusgemeinde und er hatte die tiefe Sehnsucht in seiner Brust, auch Präsident zu spielen. Der Mann ist schlau. Er bemächtigte sich einer guten Idee und wollte sich von ihr hinauftragen lassen: an die Spitze der österreichischen Judenschaft. Seiner Einladung folgten viele Kultusgerneinden und so entstand der »Allgemeine Oesterreichisch-Israelitische Bund«. Dr. Stern wurde sein Präsident. Aber die Idee hat ihn nicht hinaufgetragen; Dr. Stern hat eine gute Idee mit seinem Leibe begraben. Denn kaum war er Präsident, war für ihn die Sache erledigt. Der »Bund« schläft und nur Doktor § t e r n wacht, dass ihm seine Präsidentenschaft nicht gestohlen werde. Allein wir wollen Herrn Dr. Stern nicht ganz Unrecht tun. Der Bund gibt zwar seit Beginn kein Lebenszeichen von sich, nicht einmal seine Vorstandsmitglieder wissen von einer Betätigung, er hat bisher nach keiner Richtung das Schicksal der österreichischen Judenschaft bestimmend oder entscheidend beeinflusst. Aber Herr Dr. Stern selbst, der personifizierte »Bund«, tut, was er kann. Er schreibt Briefe. Er ermahnt, er warnt. Ein jüdischer Papst. Die Seitenstettengasse ist ein neuer Vatikan. Die jüngste »Encyklika« de? Papstes Alfred I. lautet: „Wien, 10. Oktober 1907. Löblicher Vorstand! Es ist bekannt, dass in Galiz-ien seit Jahren bedauerlicherweise viele jüdische Kinder der Taufe zugeführt werden.

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