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Neue Nationalzeitung · 1907-10-18 · Heft 45 (18.10.1907) · p. Seite 11

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 45 (18.10.1907)
Date
1907-10-18
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 45 „Neue National-Zeftung" Seite 11 JfEUiLLESSN BRUNO LESSING: Darf ich fceah heiraten?*) (Eine Humoreske aus dem New-Yorker Ghetto.) (1. Fortsetzung.) Einmal entließ er Abraham, aber Abraham weigerte sich kaltblütig, seine Entlassung anzunehmen. „Sehen Sie," erklärte er, „kein anderer kann das Fleisch so zerschneiden oder die Hühner so aussuchen, wie Leah es gerne hat. Ueberdies," fügte er hastig hinzu, als er in Linkovitz' Augen einen gefährlichen Blick aufsteigen sah, „müßte ich für Cohen arbeiten, der es so wie so darauf abgesehen hat, alle Ihre Kunden zu bekommen." Linkovitz stöhnte, aber es wurde nichts mehr über Abrahams Entlassung gesprochen. Bei den spärlichen Gelegenheiten, da er Leah sah, besprachen sie zahlreiche Pläne, um die Zustimmung ihres Vaters zu gewinnen. Einmal schlug Abraham vor, Herrn Linkovitz in den Keller einzusperren und ihn hier so lange bei Wasser und Brot halten, bis er seine Einwilligung gebe. Allein Leah schüttelte den Kopf. „Er würde früher verhungern," sagte sie. „Er ist schrecklich eigensinnig." „Dann," sagte Abraham, „werde ich die Synagoge einschlagen." Leah wurde blaß. „Er würde Dich töten," sagte sie. „Nein, liebster Abraham, da kann man nichts tun als warten." Und Abraham wartete mit knirschenden Zähnen. So standen die Dinge mit dem ungeduldig wartenden Abraham, als Herr Linkovitz eines Tages in den Laden stürzte, triumphierend ein Kuvert mit einer russischen Postmarke schwenkte und glückstrahlend ausrief: „Ich hab' ihn bekommen! Ich hab ihn bekommen! Hurrah!" „Bekommen, was?" fragte Abraham. „Den Chasen! Salomon Wolkenschieber, den großen Chasen! Er kommt aus Rußland, um in der Synagoge Beth El-Kohel zu singen. Oh, das hab' ich schlau gemacht! Ich sagte zu keiner Seele ein Wort, bevor nicht alle Vorbereitungen getroffen waren, und nun kommt er herüber. Abraham," er klopfte seinem Gehilfen gutgelaunt auf die Schulter, „es wird Herrn Schulemann und die ganze Gemeinde krank machen, wenn sie es hören." Der Chasen ist derjenige Funktionär der Synagoge, welcher Dank seiner melodiösen Stimme und der Kenntnisse im Hebräischen, auserwählt ist, die Liturgie zu singen. Viele Synagogen schulden ihren Erfolg der Popularität ihres Chasen, gerade wie so manche christliche Kirche die Vortrefflichkeit ihres Chores als größte Anziehung darbietet. Und wahrlich, kaum war das bloße Wort entschlüpft, daß Wolkenschieber, der berühmte Chasen, von Odessa komme, um in Linkovitz Synagoge zu singen, als sich eine gelinde Sensation erhob, und Schulemann und seine Synagoge wurden grün vor Neid. Herr Linkovitz machte das herannahende Ereignis mit großer Energie bekannt und als der Mittwoch nahte, an welchem des neuen Chasens Ankunft in New-York erwartet wurde, bestimmte er den kommenden Samstag als Datum seines ersten Erscheinens in der Synagoge und proklamierte die Sache weitschweifig. *) Aus dem Englischen von Ida P o 11 a k. „Abraham," sagte Herr Linkovitz am Dienstag, „morgen kommt er. Das Synagogenkomitee wird eine Sitzung abhalten und da ich anwesend sein muß, habe ich die Herren gebeten, in den Laden zu kommen. Ich wünsche, daß Du Deine Jontef-(Feiertag)Kleider anziehst und zum Dampfer gehst, ihn abzuholen. Sei recht respektvoll. Er kommt sehr billig. Bring ihn direkt hierher. Leah hat ein Zimmer für ihn vorbereitet. Was immer geschieht, lass' ihn Schulemann nicht zu Gesichte kommen." „Sie sind sehr schlau," sagte Abraham. Herr Linkovitz strahlte. „Darf ich Leah heiraten?" fragte Abraham. Herr Linkovitz starrte ihn einen Augenblick an, drehte sich dann auf den Haken um und murmelte im Fortgehen: „Schwachkopf!" Abraham seufzte, 's ist eine trübselige Welt! II. Abraham stand auf einer Seite des Landungsplatzes und beobachtete, wie Salomon Wolken Schieber vom Schiff stieg und verwirrt um sich blickte. Der Chasen erwartete augenscheinlich, daß jemand kommen würde, um ihm bei den Schwierigkeiten der Zollrevision beizustehen. Abraham erkannte ihn augenblicklich. „Er sah gerade wie ein Chasen aus," erzählte er Leah später. Aber da er am Morgen wieder eine Anspielung auf Leahs Hand gemacht hatte und ihr Vater sehr sarkastisch war, befand er sich in wütender Stimmung und war durchaus nicht geneigt, dem verwirrten Chasen auch nur die kleinste freundliche Hilfeleistung angedeihen zu lassen. Er wartete daher, bis sich Herr Wolkenschieber nach langem Aufenthalt und verschiedenen Anweisungen anschickte, den Landungsplatz zu verlassen. Dann näherte sich Abraham und fragte in jiddisch: „Sind Sie Herr Wolkenschieber?" „Gewiß!" erwiderte der Chasen. „Gut. Kommen Sie." Und er trabte mit dem armen Chasen ab, der sich an seine Fersen heftete. Aber als sie die Straße erreichten, schlug er sich plötzlich mit der Hand vor die Stirn und stand unbeweglich still. „Was gibt's denn?" fragte der Chasen. „Haben Sie einen Schmerz?" Abraham grinste. „Nein; eine Idee!" antwortete er. Ha! ha! ha! Kommen Sie, Alterchen!" Sein ganzes Wesen war verändert. Sein achtloses Betragen und seine Gleichgiltigkeit waren verschwunden. Ein schweres Ränzel, das der Chasen trug, nahm er ihm ab. „Lassen Sie mich das tragen, mein Freund," sagte er jovial. Er faßte den erstaunten Chasen unterm Arm, als wenn er fürchtete, er könne ihm entkommen, nnd führte ihn rasch durch die Stadt, auf dem ganzen Wege liebenswürdig plaudernd. Etliche Male zeigte der Chasen Neigung stehen zu bleiben, um einige der Sehenswürdigkeiten zu betrachten, welche er erblickte — bei einem Fremden, der in ein neues Land kommt, ein vollkommen natürlicher Impuls — aber Abraham flüsterte ihm ins Ohr: „Es ist gegen das Gesetz, vor zehn Uhr in den Straßen stehen zu bleiben. Jedermann ist hier so geschäftig. Kommen Sie weiter!"

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