Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 45 (18.10.1907)
- Date
- 1907-10-18
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 „Neue Naiional-Zeitung" Nr. 45 Sie bestiegen eine Tramway und fuhren weit stadtaufwärts. Während der ganzen Fahrt lag ein breites Grinsen in Abrahams Mienen und so oft er in des Chasens unschuldiges Antlitz blickte, mußte er sein eigenes Gesicht abwenden, um dessen Ausdruck zu verbergen. „Was ist das für ein Gebäude?" fragte der Chasen und deutete auf den Madison Square Garden. „Das ist eine Synagoge," antwortete Abraham zungenfertig. „Ei! Wie fein!" Als sie zum großen Zentralbahnhof kamen, zeigte der Chasen hin und sah Abraham fragend an. „Wieder eine Synagoge," sagte er prompt. Der Chasen ging vor Freude auf. Hier war das Land für ihn! „Da sind wir. Kommen Sie!" sagte Abraham. Er ging in ein kleines Hotel voran und fragte um ein billiges Zimmer. Als sie allein in der Stube waren, drückte Abraham den anderen sanft in einen Stuhl und sagte in eindringlichem Ton: „Was immer vorkommt, verlassen Sie diesen Stuhl nicht, bevor ich zurückkehre. Ich muß Ihnen jetzt einen Erlaubnisschein holen, damit Sie allein auf die Straße gehen können. Sie würden sonst Anstände ohne Ende haben. Ich dürfte in einigen Stunden zurück sein; kann sein, daß es auch sehr spät wird. Aber Sie dürfen sich nicht entfernen. Ich will Ihnen ein paar illustrierte Bücher heraufschicken; die können Sie indessen ansehen." Der Chasen nickte. „Ich verstehe," sagte er. Sein ganzes Leben war er an den Amtsschimmel bureaukratischer Herrschaft gewohnt, an despotische Beaufsichtigung jeder Handlung, an offizielle Passierscheine für jeden Schritt, den er unternahm. Es schien der natürliche Lauf der Welt; er fühlte sich ganz zu Hause. Abraham, der indessen befohlen hatte, dem Chasen eine Anzahl lustig illustrierter Zeitschriften auf das Zimmer zu schicken und auch auf die Rechnung zu stellen, eilte nun zurück ins Hauptquartier der Linkovitz - Geflügel-Company. Die Aeltesten der Synagoge Beth El-Kohel, in prächtigen Zylinderhüten und Bratenröcken prangend, waren im Fleischerladen versammelt, als die Tür aufging und Abrahams Kopf sichtbar wurde. „Herr Linkovitz, ich möchte Sie gern einen Augenblick allein sprechen." Herr Linkovitz ging zur Tür und blieb dann plötzlich stehen, eine Hand auf den Ladentisch und die andere an sein Herz pressend. Eine Ahnung drohenden Unheils hatte ihn plötzlich überkommen. Mit großer Anstrengung nahm er sich dann wieder zusammen und stürzte zur Tür hinaus. (Fortsetzung folgt.) hiterafur. Hermann Blumenthal: DerWeg derJugend. J. Bard, Berlin. 1907. Also ein Roman der Kindheitstage. Der ist jetzt in Mode, um nur Hesse s „Unterm Rad," Paul Emsts „Freund Hein" und Otto Emsts „Asmus Semper" anzuführen. Die Geschichte einer Seele zu schildern, nicht mehr und nicht weniger, will Blumenthal sich vorgenommen haben. Schon dadurch, daß er sich diese Aufgabe gesteckt, bewies er, daß er nach Hohem und Höchstem strebe. Denn in der Kunst ist wohl die Wiedergabe des Seelenlebens das Hohe, das Höchste. Leider ist Blumenthal — nicht zu verwechseln mit Oskar — beim Streben geblieben. Sein Weg der Jugend ist kein Roman, sondern eine Chronik der Kindheitstage des David Segenreich aus Palechow (lies Bolechöw), eine Sammlung von vortrefflichem Material zu einer Erzählung im Genre eines Kompert. Auch das wäre schließlich noch hinzunehmen, wenn der Verfasser nicht gar so schülerhaft im Stile wäre. Man merkt dem Werk zu sehr die Erstlmgsarbcit an. Eines muß man Blumenthal freilich lassen: er hat entschieden eine Talentprobe gegeben, denn er besitzt ein scharfes Gedächtnis für die kleinen Beobachtungen und Erlebnisse seiner eigenen Kindheit und versteht anmutig und wahrheitsgetreu solche Kleinigkeiten zu beschreiben. Da kann er zuweilen sogar zu Tränen rühren oder ein Lächeln hervorzaubern: ein Zeichen, daß er eine Dichterseele ist. Aber nur das. Zum Künstler fehlt ihm vorläufig noch so manches. Vor allem sollte er lernen, die deutsche Sprache so zu meistern, daß er nicht ausschließlich, wie in diesem Buch, mit kurzen, geradlinigen, einförmigen Hauptsätzen operieren, sondern auch verschiedenartige, fesselnde, belebende Nebensätze anwenden könnte. Hoffentlich wird sein nächster Roman nicht mehr so einfach, so arm an Bildern und sonstigem poetischen Zierat sein wie dieser. Wir Juden dürfen uns beim Schreiben nicht gehen lassen. Wenn wir wollen, daß auch der Deutsche an unseren Büchern Gefallen finde und daß wir unsere Welt — zumeist so eigentümlich wie die in dem vorliegenden Werke — seinem Verständnis und Interesse näher rücken, so müssen wir ihn in unseren Bann mit großem Können zwingen. Heute vermag das von uns ganz nur Wassermann, zum Teil auch Georg H i r s c h f e 1 d. Die spinnen Seidenfäden, feine, sanfte, die von Volk zu Volk gehen . . . Wir dürfen nicht -an der Oberfläche, und wenn sie auch schimmert, haften bleiben — tiefer dringen müssen wir, um den wahren Schatz zu heben: die jüdische Seele und sei es auch nur die eines Kindes. Die ist vielleicht am tiefsten —. Daß Blumenthal nach diesem Schatz zu graben suchte, verdient Beachtung und Lob. Und keinen wird es reuen, sein anheimelndes Buch gelesen zu haben, denn wer wandelt nicht gerne den Weg zur Jugend zurück. Dr. M. Scherlag. Zeifschriften»RundschaiL Das in polnischer Sprache in Warschau erscheinende zionistische Wochenblatt „Zycie Zydowskie" kündigte am 4. d. M. an, daß es nicht mehr erscheinen werde. Dieser Umstand im Zusammenhange mit der Einstellung der Wochenschrift „Neue Zeitung" von Dr. N. Birnbaum gibt der polnischen und assimilatorischen Presse Gelegenheit, von einem „Zusammenbruch" des Zionismus zu sprechen. Im „Zeitgeist" des „Berliner Tagblatt" bespricht Professor Eduard Engel die deutsche Literatur des 19. Jahrhunderts und meint: „Die einzigen nennenswerten jüdischen Schriftsteller deutscher Sprache im 18. Jahrhundert waren Mendelssohn in Berlin, Sonnenfels in Wien. Die außerordentliche Zunahme des Anteils der Juden an Zahl und Einfluß in der deutschen Literatur liegt vor aller Augen. Er ist so groß geworden, daß in einer der neueren Literaturgeschichten neben der Scheidung in Dekadenten und Nichtdekadenten geradezu nach Juden, Halbjuden, Vierteljuden, vermutlichen Juden und Nichtjuden gegliedert wird." Ilotiz. Der Kaiser hat dem Redakteur der „Drohobyczer Zeitung" A. H. Zupnik den Dank für die im Leitartikel seines Blattes zum 18. August d. J. dargebrachte Gratulation aussprechen lassen. Bitte an edle nienschen. Ein armer russischer Jude brachte seine schwerkranke Frau in ein hiesiges Spital, ist aber gezwungen, wegen seiner Not in die Heimat zurückzukehren, wo er überdies seine kleinen Kinder nur der alten Großmutter anvertrauen konnte. In dieser prekären Lage bittet er edle Menschen um Hilfe. 30 bis 35 Kronen würden ihm vollständig zur Heimreise genügen. Eingesendet