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Neue Nationalzeitung · 1907-10-18 · Heft 45 (18.10.1907) · p. Seite 9

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 45 (18.10.1907)
Date
1907-10-18
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 45 „Neue National-Zeitung" Seite 9 England. Der blinde Dichter.*) London, 3. Oktober. (Orig.-Korr.) Zu Ehren Morris Ro'senfelds fand am letzten Samstag in den Räumlichkeiten der „University College", ein von der Vereinigung der jüdisch-literarischen Vereine „Union of Jewish Literary Societies" veranstalteter Abend statt. Derselbe hatte nicht nur einen großen materiellen, sondern auch moralischen Erfolg. Der illustren Gesellschaft präsidierte Mr. Laune Magnus, Sohn des Parlamentsmitgliedes Sir Philipp Magnus, der in schmeichelhaften Worten die Bedeutung des erblindeten Dichters charakterisierte. Einzelne Gedichte von Rosenfeld wurden von Mr. Sherbrooke unter großem Beifall rezitiert. Israel Zangwill, welcher als einer der Veranstalter des Abends fungierte, war durch seine Reise nach Deutschland an der Teilnahme verhindert. Er sandte nachstehenden Brief, welcher verlesen wurde und auch stürmischen Beifall fand: Geehrter Herr Cohen! Ich bedaure ungemein, daß mich die Interessen des Ito-Auswandeiungswerkes zwingen, heute Abend nach Bremen abzureisen. Ich werde in Berlin sein, während Sie zu Ehren unseres blinden Dichters versammelt sind. Es ist ein schwacher Trost, sich daran zu erinnern, daß ich bei seinen Vorlesungen präsidierte, als er noch vernachlässigt unter uns in London wohnte. Damals waren w i r blind — blind für die Existenz eines markanten Genies ersten Ranges unter uns, eines jüdischen Bums, der wie Bums in seinem eigenen, schlichten Dialekt schrieb, wenn er auch von der jüdischen Tragödie zu traurig gestimmt war, um sich jemals zu der gelegentlichen Heiterkeil des schottischen Sängers zu erheben. Die Union of Literary Societies tat weise daran, einen Rosenfeld-Abend zu veranstalten. Hiedurch demonstriert sie die Notwendigkeit und den Wert ihres eigenen Daseins. Ich hoffe, daß der Umfang der Sammlung zeigen wird, daß unsere Blindheit nun. geheilt ist und daß wir beabsichtigen, durch herzliche Teilnahme am Werke der Fürsorge für die Zukunft des Dichters, seiner Frau und seiner Kinder, wenigstens etwas nachzuholen. Laßt uns nicht glauben, wir seien ihm nichts schuldig! Der Jude steht noch in der ganzen Welt in so geringem Ansehen, daß ein Schriftsteller wie Rosenfeld, der in verschiedene europäische Sprachen übersetzt ist, als wichtiges Verbesserungsmittel der umlaufenden Karrikatur dienen kann. Die nackte Tatsache seiner Armut erweist uns einen größeren Dienst als der Reichtum vieler unserer Millionäre. Eilen wir daher, ihm den kleinen Trost, der uns zu Gebote steht, anzubieten, und überlassen wir es nicht unseren Nachkommen, zu wiederholen : Um den toten Homer streiten jetzt sieben Städte, durch welche er sich bei Lebzeiten um sein Brot durchbetteln mußte. Mit herzlichem Gruß an die Versammlung Ihr ergebener Israel Zangwill. Der „Jewish World" feiert diesen Abend in einem schwungvolIenArtikel „DerTriumph des Yiddisch": „Die Union of Jewish Literary Societies ist von allen jüdischen Organisationen Englands die spezifischst englische, eine Vereinigung, die ganz und gar in der englischen Seele und dem englischen Leben wurzeit. Was hat eine solche Vereinigung mit einem Dichter der jüdischen Sprache zu tun? Wie lange erst ist es her, daß der typische englische Jude, und deren gibt es jetzt noch eine genügende Anzahl, jede Gemeinschaft mit einer Körperschaft weit von sich gewiesen hätte, die es unternimmt, den Gebrauch des ,Yiddisch' zu fördern? Und heute sehen wir einen Verband jüdischer Literaturvereine, die alles, was an jüdischer *) Infolge Platzmangels mußte diese Korrespondenz in der vorigen Nummer leider wegbleiben. Die Red. Kultur und hoher Intelligenz in der jüngsten Generation der englischen Juden zu finden ist, umfaßt und die in der Rezitation von Gedichten eines Jargondichters ihre erfolgreichste Attraktion findet. Wir haben es hier mit einem wunderbaren Wechsel in dem Volksempfinden zu tun, und dieser Wechsel ist bezeichnend für eine Zeit, die die höchste Beachtung aller verdient, die die Welt um sich verstehen und die Strömungen unterscheiden wollen, die das moderne Judentum ausmachen." G5MEiNU2= V5REkN£NGU*RiUWW Wien. Vom „V e r e i n j ü d i s c h e r M ä d c h e n M i r j a m" erhalten wir nachstehenden Aufruf: „Jüdische Schwestern! Zehn Jahre sind es her, daß unser Volk wieder unter nationaler Flagge vereint ist. In den zehn Jahren zionistischer Bewegung hat der Gedanke des jüdischen Volkstums alt und jung, arm und reich, ergriffen und heute würde sich lächerlich machen, wer uns unser Volkstum absprechen wollte. An der Entwicklung des Zionismus, an der Hebung des Nationalgefühls, haben die jüdischen Mädchen nach ihren bescheidenen Kräften mitgearbeitet. In Wien haben die Vereine „Moriah" und „Hadassa" die Werbearbeit zu leisten versucht und in früheren Jahren auch Erfolge erzielt. Beide Vereine haben sich aber leider aufgelöst. Um die begonnene Arbeit energisch fortzusetzen, um die hehre zionistische Idee, die Idee des jüdischen Nationalismus unter den jüdischen Frauen und Mädchen Wie^s zu festigen und in ihre Seelen jene Ueberzeugungen zu pflanzen, die sie befähigen werden, ihre Posten in den jüdischen Kämpferreihen voll ausfüllen zu können, haben wir einen neuen Verein gegründet, der im Zeichen des VIII. Kongresses seine Arbeit beginnen soll. Unser Leitsatz sei: Rückkehr zum Judentum! Wir wollen jüdisches Wissen und Empfinden pflegen, uns an jüdischer Geselligkeit erfreuen und auch sonst durch literarische Vorträge und populärwissenschaftliche Kurse den Mitgliedern Anregung zum Selbststudium, zu geistiger Arbeit geben. Die Errichtung eines Lesezimmers und einer jüdischen Bibliothek ist in Aussicht genommen. Wir richten unseren Ruf an die nationalgesinnten Mädchen und an jene, die uns vorurteilslos gegenüberstehen: Treten Sie in unseren Verein „Mirjam" ein, wir wollen durch stille, ernste, von hohen Gesichtspunkten geleitete Arbeit — nicht durch Politisieren und leeres Debattieren — dem Ziel zustreben: gleichwertig dem Manne zu sein, in treuer Arbeit für Volk und Heimat! Gisela Kohn Sophie Th a u dzt. Schriftführerin dzt. Präsidentin. Anfragen und Beitrittserklärungen an die Adresse: Sophie Thau, Wien, IX., Wasagasse 20, Tür 29." Wien. Der Vorstand des .Verein Adass Jisroel", (Schiffsynagoge) gibt bekannt, daß der Unterricht der Schule für Knaben und Mädchen, Sonntag, den 18. Oktober, begonnen hat. Der Unterricht findet statt im Lokale der Talmud-Thora-Schule II. Malzgasse 16. Einschreibung, Sonntag von 8—12 Uhr Vormittag und Mittwoch von 2—4 Uhr Nachmittag. Wien. („Verein zur Hebung der Gewerbe.") Einladung zu der am Samstag, den u20. d. M., um 9 Uhr vormittags stattfindenden Exkursion nach dem K. K. Postsparkassengebäude ferner zur Nied.-östen. Handels- und Gewerbekammer, I. Biberstraße. Zu dieser hochinteressanten Exkursion, um halb 9 Uhr Zusammenkunft im Kaffee Edison I., Franz Josefs Kai Der Präsident: Brod, der Schriftführer: W. Binder. Die P. T. Mitglieder werden ersucht, das Vereinsabzeichen anzulegen. Wien. (Akad. Verein „Jüdische Kultur".) Samstag, den 19. d. M. hält Dr. Paul Weisengrün im Vereinslokal (II. Floßgasse 0., Tür 6.) einen Vortrag über „Nationalismus und Klassenkampf". Beginn präzise 8 Uhr abends. Gäste willkommen. Gurahumora. Bei der am 6. d. M. stattgefundenen Versammlung des jüdischnationalen Vereines „Maccabea" wurden nachstehende Herren in den Ausschuß gewählt: Apotheker Leo Harth, Obmann; Meschulem Scharfstein, Vizeobmann; Jakob Schauermann, Kassier; Jakob Abraham, Schriftführer; Hersch Blumenfeld, Zeitungsverweser; SalomonWeingarten, Bibliothekar. Als Ausschußmitglieder ohne Funktion die Herren: Chaim S c h i c h e r, Isaak M e r d 1 e r, Samuel K o 1 b e r und Isr. Feiwisch Tau. Bei der ersten Ausschußsitzung wurde der Beschluß gefaßt, eine hebräische Schule zu errichten und tritt dieselbe schon am 23. d. M. ins Leben.

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