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Neue Nationalzeitung · 1907-10-18 · Heft 45 (18.10.1907) · p. Seite 8

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 45 (18.10.1907)
Date
1907-10-18
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 „Neue National-Zeitung" Nr. 45 Die Kosten für die ersten 3 Volksschulklassen habe gesetzlich die Gemeinde zu bestreiten, nicht der Staat. Wenn in einer Gemeinde z. B. ein Kind ist, könne der Staat nicht die großen Opfer bringen. Es werde ein Erlaß betreffs des Privatunterrichtes herausgegeben werden; doch scheuen vielfach die Eltern die Kosten oder legen sie keinen Wert darauf, so daß das Kind ohne Religionsunterricht bleibt. Redner bezeichnet den Zionismus, obgleich er ein Gegner desselben sei, als in diesem Sinne äußerst fördernd: er wecke den Sinn für das Judentum, für Zeremonie und Ritus, für Sprache und jüdische Sitten. Diese Ausführungen fanden den lebhaften Beifall aller Teilnehmer. Herr Rabb. Freund berichtet noch, daß der Landsmannminister Dr. Pacak einer Deputation des Vereines zugesagt habe, sich für die Schaffung eines Fondes für die religiösen Minoritäten einsetzen zu wollen, worauf Obm. Herr Oberlehrer Springer unter Hochrufen auf den Kaiser die imposante Versammlung schließt. Der Kassabericht des Vereines gibt ein erfreuliches Bild seiner steigenden Entwicklung. Die Bilanz pro 1906 schließt mit einem Barvermögen von K 269.924.29, unter Abzug der im Jahre 1906 verausgabten K 16.525.46 für Pensionen. Es wäre hoch an der Zeit, daß man die berechtigten Befürchtungen der jüdischen Religionslehrer maßgebenden Ortes untersuche und daß der friedlich schlafende Gemeindebund pflichtgemäß die Initiative ergreife! b. Deutsches Reich. Sonntagsfeier und Sabbath-Ruhe. Frankfurt a. M., den 8. Oktober 1907. (Orig.-Korr.) Am 27. September begann hier die Tagung des Internationalen Kongresses für Sonntagsfeier, der im Jahre 1876 in Genf gegründet, nach seinen Satzungen folgende Ziele hat: „Der Verband für Sonntagsfeier arbeitet für die Verbreitung der Grundsätze der Sonntagsruhe und der christlichen Anwendung des Sonntags. Die Durchführung dieser Sache, die zugleich eine soziale, eine humanitäre und eine christliche ist, scheint ihm unerläßlich für das materielle, geistige, sittliche und religiöse Wohl der bürgerlichen Gesellschaft und der Familien. Unser Zweck ist, den Bevölkerungsklassen darzutun, daß es sich hier nicht um eine blos kirchliche oder Pfarrer- Frage handelt, sondern um eine im weitesten und edelsten Sinne christliche Frage, die zugleich eine solche der Menschenwürde, der bürgerlichen Ordnung und des öffentlichen Wohls bedeutet. Darum bemühen wir uns, anzukämpfen gegen die Oeffnung der Bureaux und Läden am Sonntag, wie auch gegen den Sonntags-Mißbrauch, die allzu vielen Feste, die Fortbildungsschulen am Sonntag, die Löhnung der Arbeiter am Samstag abends oder am Sonntag, die sonntäglichen militärischen Uebungen und Versammlungen für Geld-Interessen an diesem Tage." Internationale Kongresse fanden bisher statt: In Genf 1876, in Bern 1879, in Stuttgart 1892, in Chicago 1893, in Brüssel 1885 und 1897 und in Paris 1881, 1889 und 1900, in St. Louis (Amerika) 1904, in Mailand 1906. An der Spitze der Verhandlungen stand die Beratung über Ausdehnung der Sonntagsruhe für Hand lungsg e h i 1 f e n und technische Beamte. Berichterstatter waren die Herren Hiller—Leipzig, Ing. Lüdemann—Berlin, Roth —Hamburg. Da zu erwarten war, daß die Beziehungen von S a bbathruhe und Sonntagsfeier nicht ohne Erörterung auf den Kongressen bleiben würden, hatten die in der Sonntagsruhe-Frage cooperierenden „Freie Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" und „Verband der Sabbath-Freunde" in der Person des Herrn Moritz A. Loeb einen Vertreter zu den Verhandlungen entsandt. Während die Referate der Herren Lüdemann und Roth von unserem Standpunkt aus keinen Anlaß zu Bemerkungen bieten, war dies umsomehr bei den Ausführungen des Herrn Hiller der Fall. Dieser Herr, der als Vorsteher des Leipziger Gehilfenverbandes sprach, konnte sich nicht damit begnügen, für die Ausdehnung der Sonntagsruhe einzutreten, er leistete sich auch einen ebenso unmotivierten wie sachlich ungerechtfertigten Angriff auf die „orthodoxjüdischen" Kaufleute. Nach Ansicht des Herrn Hiller bilden die Bestrebungen der am Sabbath geschlossen haltenden Kaufleute eine schwere Gefahr für die gesamte Sonntagsruhe, weshalb er die Versammlung auffordert, sich entschieden gegen die Gewährung jeglicher Ausnahme zu wenden. Herr Hiller meint, das Arbeiten am Sonntag dürfe nicht gestattet werden, weil jenen Kaufleuten durch die Möglichkeit der früheren Erledigung der Eingänge den anderen Kaufleuten gegenüber ein Vorteil geboten werde! Als erster Diskussionsredner meldete sich Herr Rabbiner Dr. H o r o v i t z—Frankfurt a. M. als Vertreter des Verbandes deutscher Juden zum Wort, um auf eine Bemerkung des ersten Referenten zu antworten. Er bemerkte, daß gerade die gesetzestreuen Juden den großen Segen der vollständigen Sabbathruhe vollauf zu würdigen wüßten und deshalb trotz schwerer Opfer schon Jahrtausende hindurch durchgeführt hätten. Gerade die orthodoxen Juden begrüßten die Arbeit des Kongresses mit warmer Anerkennung und er habe an den letzten großen jüdischen Feiertagen während der Gottesdienste die Gelegenheit wahrgenommen, und seine Glaubensgenossen ermahnt, ihren christlichen Angestellten doch nach Möglichkeit am Sonntag frei zu geben, damit sie eine ordentliche Sonntagsruhe bekämen. Er bedauere die Angriffe von Hiller—Leipzig gegen die „gesetzestreuen jüdischen" Kaufleute außerordentlich. Es sei nur verlangt worden, daß jene jüdischen Kaufleute an Sonntagen dort, wo völlige Sonntagsruhe herrsche, in geschlossenen Räumen durch jüdische Angestellte die dringendsten Arbeiten erledigen lassen dürften. Von einer Konkurrenz der jüdischen Kaufleute am Sonntag könne unter diesen Umständen doch wahrlich keine Rede sein. Wer, wie die Teilnehmer des Kongresses, dafür eintreten, daß jedem Menschen ein voller Ruhetag gewährt werde, der könne unmöglich gegen Bestrebungen sein, die den Juden die Durchführung ihres Ruhetages ermöglichen wollen. Den gehaltvollen Ausführungen des Redners, die durch die stark begrenzte Redezeit (Höchstdauer 7 Minuten!) leider nicht ausführlicher sein konnten, folgte lebhafter Beifall. Dann ergriff namens der von ihm vertretenen Körperschaften Herr Moritz A. Loeb das Wort. Er führte aus, daß der Verband der Sabbathfreunde für Deutschland ähnliches anstrebe, wie der internationale Verband für die Allgemeinheit, allerdings für Juden. Der Verband umfasse nach zweijähriger Tätigkeit schon mehr als 80 Ortsgruppen mit über 4000 Mitgliedern. Er verfolge das einzige Ziel, die Beobachtung des jüdischen Ruhetages dort, wo sie verloren gegangen sei, wieder einzuführen und wo sie noch bestehe, zu ihrer Festigung beizutragen. Bei dieser Arbeit müsse die gesetzestreue Judenheit und insbesondere der Verband der Sabbathfreunde einer Körperschaft, die den chrislichen Mitbürgern ihren vollen Ruhetag sichern wolle, die größte Sympathie entgegenbringen. Um so bedauerlicher sei es, wenn aus diesem Kreise Angriffe erfolgten, wie es soeben seitens des Herrn Hiller geschehen sei. Herr Hiller sei dazu umsoweniger berechtigt, als er die Materie nicht einmal genügend beherrsche. Auf dem Kongresse waren nicht nur Vertreter der Staatsregierung, wie z. B. des Preußischen Handels- Ministeriums, sondern auch Vertreter der obersten kirchlichen Behörden, wie des Preußischen Oberkonsistoriums, des Bischofs von Würzburg etc. anwesend. So haben die Verhandlungen des Kongresses, wenn sie auch die Gesetzgebung nicht unmittelbar beeinflussen, doch immerhin eine gewisse Bedeutung. Um so wichtiger ist es, daß wir durch den Mund berufener Vertreter die Forderungen, die die gesetzestreuen Juden in Sachen der Sonntagsruhe mit ruhigem Gewissen erheben können, in ausreichendem Maße zu Gehör bringen konnten. Ueber kurz oder lang muß ohnedies eine Regelung der Sonntagsruhe eintreten; es steht zu hoffen, daß bis dahin diese Anregungen entsprechende Früchte zeitigen.

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