Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 45 (18.10.1907)
- Date
- 1907-10-18
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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iffiBBiig&ag&gigja^ Nr. 45 „Neue National-Zeitung' Seite 7 Kubinzky (vergl. unsere Nummer 42) vorgenommene Taufe, und fragt, was der Vorstand in dieser Angelegenheit zu tun gedenke. Von keiner Seite wird gefragt, warum der Millionär Kubinzky, trotzdem er bis zu seinem Tode dem Judentum angehörte, von der Kultussteuer verschont blieb, während sonst ein armer Teufel K 20.— jährlich zahlen muß. Auf die Anfrage des Herrn Kultusvorst. Cohn erklärte der Präsident, dieselbe dem Vertreterkoliegium zuzuweisen. Erledigt. II. Zur Frage der Koscher-Selch waren. Kultusvorst. Kauders und Genossen interpellieren betreffs Regelung der Erzeugung von Koscher- Selchwaren. Der Präsident erklärt, diese Angelegenheit der Kommission für Kultus- und rituelle Angelegenheiten zuzuweisen. Erledigt. III. Der Fall Dr. Bach. Über diese Frage hat sich, wie es im Communique heißt, eine Debatte entwickelt Es ist dabei, wie wir bereits angekündigt haben, beschlossen worden, für diese sonderbare Ehe einen ganz besonderen Trauungsschein zu konstruieren. Merkwürdig ist es aber, daß über die Sitzung vom 19. September gar kein Communique ausgegeben wurde, und daß der in dieser Sitzung gefaßte Beschluß betreffs des Trauungsscheines erst als ein Beschluß der Sitzung vom 13 Oktober publiziert wird. Es scheint, daß man im Kultusvorstand vier Wochen Zeit brauchte, um zur Ueberzetigung zu gelangen, daß dieser Fall nicht totgeschwiegen werden darf. Judenfreundliche Anwandlungen. Wien, 15. Oktober. (Orig.-Korr.) Erst kürzlich konnten wir über eine Rede des Herrn Grafen Adalbert Sternberg berichten. Die Marienbader Kurgäste hatten damals, um etwas Bewegung in ihr der Abnahme ihres Körpergewichtes geweihtes Dasein zu bringen, den Herrn Grafen eingeladen, damit er sie über die „Judenfrage" informiere. Graf Sternberg trug mit vielem Ernst recht erheiternde Dinge vor. Nun hat Graf Sternberg wieder in Prag über das Judentum gesprochen. Die czechischen Klerikalen veranstalteten ein Protestmeeting gegen den „Freidenkerkongreß" und Graf Sternberg war dazu ausersehen, die Rechte des katholischen Volkes zu verteidigen. Er kam auch auf die Juden zu sprechen und sagte, er müsse die Pauschalverurteilung einer ganzen Rasse vom christlichen Standpunkte aus entschieden zurückweisen. Die christliche Nächstenliebe müsse auch die Wunden der Judenherzen heilen, welche von 2000|ähriger Verfolgung herrühren. (Lebhafter Widerspruch.) Mit erhobener Stimme erklärte hierauf Graf Sternberg, er sei nicht hergekommen, um die Ansichten der Zuhörer, sondern um seine eigene Ueberzeugung zu vertreten. „Ich denke" — sagte der Redner— „an das Schicksal so vieler Tausender und Hunderttausender, die wirtschaftlich von Juden abhängig sind und denen durch unseren Judenhaß das Leben nur erschwert wird. Nur aus Liebe könne wieder Liebe entstehen." So eindrucksvoll diese Worte auf naive Gemüter auch wirken mögen, man wird sich eines gewissen Widerwillens nicht erwehren können. Nicht nur die Juden, sondern auch das tieftraurige Problem der Judenfrage ist nunmehr vogelfrei und jeder glaubt seine Ansicht dokumentieren zu müssen. Und noch immer gibt es Juden, die bei den Aeußerungen eines Unberufenen entzückt — „unberufen!" schreien . .. Gut macht sich auch der „lebhafte Widerspruch". Die von dem Wandel der Zeit sanftgekirrte „liberale" Presse Wiens erscheint prompt mit der fettgedruckten Affiche: „Graf Sternberg über die Judenfrage". Seit Jahren wird in der von Juden bedienten und vom jüdischen Gelde genährten Wiener Presse jeder ernste Bericht über jüdisches Leben systematisch unterdrückt; das Wort „Jude" bedeutet für die Setzer eine Sensation. Nach den zartesten Umschreibungen wird gesucht, um das Wörtchen zu vermeiden. Aber. .. Graf Sternberg öffnet den Mund. Und siehe, die Gelegenheit ist da, um die Judenfreundlichkeit zu beweisen. Wir aber können nur bedauern, daß uns zur richtigen Plazierung dieser Nachricht die Rubrik — „Heiteres" mangelt. . . sch. Der israelitische Landesiehrerverein für Böhmen. Prag, 5. Oktober. (Orig.-Korr.) Vor Kurzem fand die 34. Generalversammlung des „Isr. Landeslehrervereines für Böhmen" statt. Darf schon der Jahresbericht auf Beachtung Anspruch erheben, so bieten die Ausführungen einiger Redner reichhaltiges Material zur Beurteilung der allgemeinen Lage der jüdischen Religionslehrer — nicht nur in Böhmen. Es zeigt sich neuerlich, daß der tote „Gemeindebund", von dem manche zu behaupten wissen, daß er noch lebe, Arbeit genug hätte; denn seine Pflicht ist es, hier Wandel zu schaffen, um sich und den jüdischen Lehrerstand vor „Diskreditierung" zu schützen. Erstaunlich muß es wirken, wenn sämtliche Redner des Lehrertages voll Besorgnis betonten, ,daß es schon heute an jüdischen Lehrern mangle und daß wenn die Dinge so weiter gehen, überhaupt — niemand sich dem Berufe eines jüdischen Religionslehrers zuwenden werde. Nach Eröffnung des Lehrertages durch den Obmann Springer behandelt Rabb. Freund, (Bodenbach) die Notwendigkeit jüdischer Ferialkurse, bezweifelt aber, daß die Kultusgemeinden etwas beitragen werden. Wiewohl sich auch die anderen Redner in ähnlichem Sinne äußerten, wurde dennoch beschlossen, die Idee, mit Nachdruck zu propagieren, um endlich ein greifbares Resultat zu erzielen. In der Diskussion über den Rechenschaftsbericht vertraten alle Redner den Standpunkt, daß der Verein mit allen gesetzlichen Mitteln eine Pauschalsumme für die Erteilung des Religionsunterrichtes vom Staate erlangen müsse. Eine weitere Beschwerde des Lehrertages geht dahin, daß die jüdischen Matrikelführer, im Gegensatze zu der Matrikelführung der katholischen und evangelischen Konfession, kein Honorar erhalten. Der Lehrertag will betreffs dieser Punkte neuerlich an das Ministerium petitionieren. Herr Landesschulrat Dr. Bendiener bespricht die Lage der jüdischen Religionslehrer und sagt, indem er die tristen Verhältnisse zugibt: „Die Zukunft ist noch ungünstiger. Wo wird man überhaupt Religionslehrer hernehmen? Im ,Gemeindebund' wird diese Sache in kurzer Frist erörtert werden." Ebenso äußert sich Herr Oberlehrer Springer: „Der ganze Komplex des Religionsunterrichtes heischt nach Besserung. Es gibt viele Gemeinden, wo überhaupt kein Religionsunterricht erteilt wird; solche desolate Zustände, wie sie auf dem Lande herrschen, fordern eine gründliche Aenderung der Sachlage. Wir brauchen Lehrer! Um sie zu bekommen, gilt es als erstes, ihre soziale und materielle Stellung zu bessern und eine Altersversorgung zu schaffen. Das wäre die Aufgabe des Gemeindebundes, überhaupt aller Korporationen. Ich ersuche den Herrn Landesschulrat, der eine so maßgebende, einflußreiche Persönlichkeit ist, in dieser Richtung zu wirken." Landesschulrat Dr. Bendiener erklärt, daß diese Fragen den Landesschulrat bereits seit 1887 beschäftigen.