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Neue Nationalzeitung · 1907-10-18 · Heft 45 (18.10.1907) · p. Seite 6

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 45 (18.10.1907)
Date
1907-10-18
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 „Neue National-Zeitung" Nr. 45 So wäre sie wahrscheinlich noch eine hübsche Anzahl von Stunden liegen geblieben, wenn nicht einem Polizei-Funktionär der Gedanke gekommen wäre, daß hier die unabweisliche Pflicht der Kultusgemeinde vorliege, helfend einzugreifen. Spät abends kam dann die — „Hiife" der Kultusgemeinde. Damit sind wir bei dem traurigen Kapitel in der Geschichte der unglücklichen, armen Jüdin angelangt. Von der Kultusgemeinde wird berechtigterweise Hilfe für eine totkranke, daher nicht transportable Frau gefordert, die zum ersten Male in einer ihr ganz fremden, großen Stadt darniederliegt und die Sprache der Einwohner nicht versteht, da sie nur Jargon spricht. Und die Kultusgemeinde? Giebt sie der armen Jüdin, die überall abgelehnt wird in dem ihr unterstehendem Rothschild-Spitale ein Bett, damit die Unglückliche nicht auf dem Polizeikommissariate sterben muß? Ist es ihr Bemühen der tief Bedauernswerten ihr armseliges Leben zu erhalten? Kümmert sie sich überhaupt, was mit der armen „Polischen" geschieht?! Nutzlose Fragen! So mag nur jemand fragen, der sich den Glauben an Menschlichkeit, an jüdisches Samaritertum nicht nehmen ließ. Doch nichts von alledem geschah! Man höre und staune, lache oder weine Tränen ob der Ungeheuerlichkeit der — „Hilfe", die einer sterbenskranken Jüdin von der Wiener Judengemeinde zuteil wurde. Zwanzig Kronen gibt die Wiener Kultusgemeinde einer Totkranken, die ein Bett haben muß, zwanzig Kronen für das Fahrbillet, damit sie noch einmal der unsäglichen Qual einer zweitagelangen Reise ausgesetzt werde! Das Geld erhält die Polizei, sonst könnte die Totkranke am Ende noch hierbleiben. Man sollte die Geschichte dieser armen, russischen Jüdin, man sollte die Fortsetzung ihres Traumes mit Blut auf Pergament schreiben, damit jene Schriftzeichen nicht verwischt werden, die von dieser Herzlosigkeit einer Wiener Kultusgemeinde berichten. Hier gibt es keine Entschuldigung, kein Bemänteln.. Kein Einzelfall ist es; diese arme, russische Jüdin verkörpert das typische Schicksal aller Ostjuden, die gezwungen sind, von der Wiener Kultusgemeinde Hilfe zu verlangen. Der „Polische" oder der Russe ist der Niemand. Jedes Gefühl der Menschlichkeit hat man für sie verloren, in Pauschalverdächtigung nennt man sie „Berufsschnorrer" ... Der Fall der armen 68jährigen Gitta Wachsberg lehrt uns wieder einmal, daß es in Wien ein Halbasien in der Seitenstettengasse gibt, das bis zum Währingergürtel reicht, in welcher Gegend noch immer ein jüdisches Spital vermutet wird. Dort befindet sich aber das Rothschild-Spital. Auch in diesem Spitale hat man die schwerkranke Frau abgewiesen. Man versuche nicht, die Mär vom „Platzmangel" aufzutischen. Speziell im Rothschild-Spital besteht der in allen Wiener Spitälern angewendete Modus, einige Betten für dringende Fälle reserviert zu halten. Im Rothschild-Spitale unterliegt die Dringlichkeit dem Ermessen des Verwalters. Ueber diesen Herrn Verwalter Dr. Kohn, (jetzt auf Koranyi hörend) gehen unserer Redaktion eine Unzahl von Beschwerden zu, die uns nächstens zu eingehender Beschäftigung mit der Verwaltung des Rothschild-Spitales veranlassen werden. Besonders die galizischen Juden, die man im Rothschild-Spitale geschmackvoll mit „Maiglöckchen" bezeichnet, haben in diesem jüdischen Spitale unter Chikanen zu leiden... Und du, armes, unglückliches Weib, wenn es dir noch beschieden sein sollte, deine trostlose Heimat lebend zu erreichen, vergiß den Traum vom schönen Wien, von seinen Menschen, mit ihrem goldenen, jüdischen Herzen! Sie werden staunen im Städtchen, wenn du ihnen deine Wiener Freuden schilderst, wenn du ihnen erzählst, wie du ohne Aufsicht, ohne Nahrung die lange, lange Reise zurückgelegt, und daß du nicht vom Tode geheilt zurückkehrst, sondern vom — Leben. ... jüdisch mmimi Dieser Teil unseres Blattes steht unseren Lesern zur Verfügung. Wer der Oeffentlichkeit in jüdischen Fragen etwas zu sagen hat, wer an die jüdische Oeffentlichkeit appellieren will, dem stellen wir diesen Raum gern zur Verfügung. Die Redaktion. Die Dividenden der Kolonialbank-Aktien. Löbl. Redaktion der „Neue National-Zeitung"! Der auch von Ihnen freudig begrüßte Entschluß des Zionisten-Kongresses zu intensiverer Realpolitik in Palästina bleibt graue Theorie, wenn das neu geschaffene Palästina- Ressort der zionistischen Organisation nicht aufs tatkräftigste von allen Seiten unterstützt wird. Ich darf Sie daher vielleicht bitten, Ihre Leser, unter denen sich wahrscheinlich auch viele Aktionäre der „Jüdischen Kolonialbank" befinden, auf folgendes hinzuweisen: Die Bilanzen der „Jüdischen Kolonialbank" zeigen, daß von deren bisherigen Dividenden größere Beträge (am 31. Dezember 1906 ungefähr 170.000 Kronen) nichtabgehoben worden sind. Die Beträge dienten also bisher nur dazu, die ungenutzt liegenden oder wenig rentabel angelegten Gelder der Bank zu vermehren, während sie gute Dienste hätten leisten können, wären sie einer Institution zur Verfügung gestellt worden, die an der Arbeit gehindert ist, weil sie über zu geringe Mittel verfügt. An die Aktionäre, denen es nicht lohnt oder zu viel Mühe macht die Coupons für sich einzulösen, wird daher die Bitte gerichtet, ihre Coupons an Herrn Prof. Dr. O. W a r b u r g (Berlin, W. 15, Uhlandstraße Nr. 175) gelangen zu lassen, damit er sie für die Arbeiten seines Palästina-Ressorts verwende. Mit vorzüglicher Hochachtung Hugo Schachtel (Breslau). EORReSPONDSNZCN Oesterreich-Ungarn Die israelitische Kultusgemeinde. (Geheime Plenarsitzungen.) Wien, 16. Oktober. (Orig.-Korr.) Wie aus den uns zugesandten Communiques ersichtlich, haben am 6. und 9. d. M. geheime Plenarsitzungen stattgefunden. In beiden wurden verschiedene Angelegenheiten, die unseren Lesern bereits aus unserem Blatte bekannt sind und die die große Oeffentlichkeit im weitesten Maße interessieren, unter Ausschluß der Oeffentlichkeit abgetan. In lapidarem Stil wissen die Communiques sehr kurz die Anträge und Beschlüsse anzuführen, wobei die Diskussion ganz übergangen wird. Wahrscheinlich will man die Oeffentlichkeit nicht beunruhigen. Es waren drei Fragen, welche im Mittelpunkt der Sitzung vom 13. d. M. standen. I. Der Fall Kubinzk.y. Kultusvorstand Salo Cohn interpelliert den Vorsitzenden über die an dem in Agonie befindlichen Baron

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