Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 45 (18.10.1907)
- Date
- 1907-10-18
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 45 „Neue National-Zeitung" Seite 5 langt sind. Diese Darlehenskasse ist nicht nur für Rzeszow selbst, sondern auch für die ganze Umgebung — ungefähr 40 Städtchen — bestimmt. K 517.879-17 sind seit Begründung der Kasse zur Auszahlung und K 439.721-99 zur Rückzahlung gelangt. Sambor. (Jüd. Einwohner: 4900.) Die im Jänner 1904 begründete Kasse hat Ende 1905 457 Mitglieder mit 1096 Anteilscheinen gezählt. Zur Auszahlung gelangten im letzten Jahre an 429 Petenten K 88.250 (seit Begründung der Kasse K 220.310); ningegen gelangten zur Rückzahlung im letzten Jahre K 79.998-40 (seit Begründung der Kasse K 172.154-60). An diese Kasse sind auch gewiesen die Städte Drohobycz, Przeworsk und 26 benachbarte Städtchen. Stanislau. (Jüd. Einwohner: 14.106.) Die Entwicklung dieser Darlehenskasse, die im Juli 1899 entstand, war anfangs eine sehr schwache. Sie nahm erst im Jahre 1905 den richtigen Anlauf. Zu Ende 1905 zählte sie 820 Mitglieder mit 1419 Anteilscheinen. Im Laufe des nächsten Jahres erhöhte sich die Zahl der Mitglieder auf 1082 mit 1681 Anteilscheinen. In diesem Jahre wurden auch an 849 Darlehensnehmer K 166.110 ausbezahlt und gelangten K 142.863 zur Rückzahlung. Seit der Begründung wurden Darlehen im Gesamtbetrage von K 712.321-89 ausbezahlt und sind K 516.885-41 zurückbezahlt worden. Tarnopol. (Jüd. Einwohner: 13.493.) In überraschender Weise hat sich diese Darlehenskasse im letzten Jahre aufgeschwungen. Die Anzahl von 290 Mitgliedern ist bis Ende 1906 auf 620 gewachsen. Dieselben waren im Besitze von 1533 Anteilscheinen. Zu dieser Kasse gehört eine Reihe von Filialen: Chorostkow, Janow, Jezierna, Kozlöw, Mikulince, Podwoloczyska, Skalat und Strusow. Im letzten Jahre wurden an 524 Darlehensnehmer K 141.368-22 ausbezahlt. Die Rückzahlungen erreichten eine Höhe von K 95.410-43. (Im Jahre 1905 bloß K 17.940-20.) Alles in allem wurden seit Begründung K 200.044-22 verliehen und K 113.350-63 zurückbezahlt. Tarnow. (Jüd. Einwohner: 12.586.) Die erste Darlehenskassa, welche die ICA in Galizien errichtet hat, u. zw. im April 1899. Sie hat sich nur sehr langsam entwickelt. Im Jahre 1904 hatte die Kassa 650 Mitglieder; im Jahre 1905 ist sie auf 643 gesunken, um 1906 wieder die Zahl 649 zu erreichen. Dieselben sind im Besitze von 1288 Anteilscheinen. Im letzten Jahre erhielten 482 Petenten K 83.983-— als Darlehen ausbezahlt; im selben Jahre gelangten aber K 83.211-— zur Rückzahlung. Alles in allem wurden bisher K 569.806-— an Darlehen gegeben, während K 508.216*69 zurückbezahlt wurden. Zaleszczyki. (Jüd. Einwohner: 4786). Die Begründung dieser Kasse erfolgte im Jahre 1901. Sie verfügt gegenwärtig über 437 Mitglieder mit 1036 Anteilscheinen. Im Jahre 1906 erhielten 326 Darlehensnehmer K 63.325; K 60.201.50 wurden im selben Jahre zurückgezahlt. Seit Begründung sind K 304.320 verliehen und K 266.886.10 rückgezahlt worden. Zloczöw. (Jüd. Einwohner: 5401). Diese Kasse besteht seit Jänner 1905 und zählt gegenwärtig 338 Mitglieder mit 998 Anteilscheinen. Die Darlehen betrugen im Jahre 1906 K 75.232 (294 Darlehensnehmer); zurückbezahlt wurden K 59.492.70. Alles in allem wurden im Laufe der letzten zwei Jahre K 127.434 verliehen und K 84.576.80 zurückbezahlt. MAX SCHACHERL: ßalbasien in der Settenstetfengasse. Irgendwo in einem kleinen, russischen Städtchen lebt eine alte, kranke Frau. Sie ist nicht imstande, sich fortzubewegen, denn ein schweres, bresthaftes Fußleiden hindert sie daran. Ihre drückende Notlage, das ganze unfaßbare Elend eines russischen Proletarierdaseins erscheint ihr im Vergleiche zu ihrem Leiden gering. Freudlos und liebeleer sieht sie Tag um Tag entfliehen, und in ihrer trostlosen Verlassenheit wagt sie nicht deran zu denken, daß es noch Hilfe für ihren verkrüppelten Fuß gebe. Da kehrt eines Tages ein Bewohner desselben Städtchens wieder in die Heimat zurück. Auch er hatte ein Fußleiden und glaubte an keine Heilung mehr. Aber welch' Glück! Ein wunderbarer Doktor in Wien hatte ihn untersucht und behandelt, hatte ihn so lange gepflegt, bis er geheilt entlassen wurde. Und im Ueberschwang des zur Armut Verdammten, preist er den Doktor, sein gutes Herz, das schöne, gute Wien mit seinen braven, lieben Menschen, mit ihren goldenen Herzen .... Jedem, der es hören will, singt er sein fröhliches, glückliches Lied. Das redet sich im Städtchen herum, bis es auch die arme, alte Frau hört. Heilung! .... Wieder sich bewegen können! .... Es ist ja doch möglich .... Und nun ist die Reise zum Doktor der Traum ihrer unruhigen Nächte, die Sehnsucht ihrer freudlosen Tage. Neue Hoffnung schöpft sie und der unklare Wunsch wird zum festen Entschluß .... Sie beginnt zu sparen, zu kargen; sie entbehrt das Notwendigste, sie schwächt ihren alten, kranken Körper, um das Reisegeld zu haben und sieht verzweifelt wie langsam die Rubel zusammenkommen. Endlich hat sie soviel zusammengehungert, um sich das Fahrbillet kaufen zu können. Dann fährt sie einen Tag, eine Nacht und wieder wird es Tag, bis sie spät abends am Ziele ihrer heißen Wünsche ist. Aber so müde und schwach ist sie und muß sich auf die kalten Steinfließen der Ankunftshalle des Nordbahnhofes niederlassen. Sie kann nicht weiter. Dennoch fühlt sie sich glücklich. Ist sie doch nicht mehr ferne von dem „wunderbaren Doktor mit den gesegneten Händen", ist sie doch in Wien „mit seinen braven, lieben Menschen, mit ihren goldenen Herzen!" .... Sie weiß: nun ist sie geborgen und wird zurückkehren! Und sie sieht schon die vielen Bekannten in ihrer Stube sitzen; sie erzählt ihnen von der wunderbaren Heilung und hört ihre Ausrufe des Erstaunens .... Bis hteher klingt diese Erzählnng wie ein leidvolles, aber dennoch friedliches Märchen, wiewohl es keines ist. Rauhe, unbarmherzige Wirklichkeit ist aber die Fortsetzung dieser Geschichte, obwohl sie unglaublich klingt, ja, unfaßbar erscheint. Montag, den 14. d. M. um 51/-» Uhr früh wurde die Wiener Freiwillige Rettungsgesellschaft auf den Nordbahnhof berufen, um ein schwerkrankes Weib zu übernehmen. Sie fuhr mit ihr hintereinander in einige Spitäler, überall — auch im Roth-schild-Spital — wurde die Aufnahme verweigert. Angeblich herrschte überall „Platzmangel". So wurde das arme Weib auf die Station der Rettungsgesellschaft gebracht, wo sie tagsüber liegen blieb und aus rituellen Gründen jede Nahrung zurückwies, so daß sie vor Entkräftigung ohnmächtig ward . . . Schließlich wurde sie dem Polizeikommissariate Leopoldstadt überstellt, das aber mit der mehr sterbenden als lebenden Frau auch nichts anzufangen wußte . . .