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Neue Nationalzeitung · 1907-10-18 · Heft 45 (18.10.1907) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 45 (18.10.1907)
Date
1907-10-18
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „Neue National-Zeitung" Nr. 45 Uuden im k, k, Staatsdienste. (Von einem höheren Staatsbeamten.) I. Wenn die Frage der Berufswahl heute in einem jüdischen Hause zur Erörterung gelangt, gesellt sich zu den ohnedies außerordentlichen Schwierigkeiten der Entscheidung einer über das Lebensglück und Zukunft des Kindes bedeutenden Frage in verschärfterem Maße die bange Sorge, ob unter dem immer mißlicher werdenden Geschick der Juden in Oesterreich ein wenn auch noch so bescheiden gedachtes Ziel fernerhin dem Judensohne erreichbar sein wird. Insbesondere jenen Eltern, welche die Zukunft des Kindes durch Vermögen nicht einigermaßen sicherzustellen vermögen, schwebt eine „definitive Anstellung" insbesondere im Staatsdienst als eine ehrenvolle und erstrebenswerte Zukunft ihrer Söhne vor. Unter den bittersten Entbehrungen wird dem Kinde das Studium ermöglicht, das ihn befähigen soll, ein öffentliches Amt zu versehen. In Oesterreich eine seinen Kenntnissen und Fähigkeiten entsprechende Staatsanstellung zu erlangen, war selbst zu Zeiten der liberalen Hochflut dem Juden im allgemeinen nur sehr schwer. Nur mit größter Protektion und in den meisten Fällen nur mit Verleugnung des angestammten Glaubens war dies möglich. Einzelne Ressorts blieben und sind noch heute im österreichischen Hof- und Staatsdienste Kindern aus Judas Stamme vollständig verschlossen. Der Gleichberechtigungsparagraph findet bei diesen Ressorts schon seit jeher jene Auslegung, den die Lueger'sche Formel für Anstellungen von Lehrern und Magistratsbeamten in Wien wenigstens offenherzig zugesteht. Immerhin aber gelang es einzelnen Juden in den übrigen Zweigen des Staatsdienstes durch Talent, Wissen, Tatkraft und besondere Befähigung — allerdings mußten diese Eigenschaften besonders entwickelt sein — sich eine bescheidene Stellung zu schaffen, ja, die Fälle sind nicht selten, daß jüdische Genialität — allerdings leider nur zu oft unter Preisgebung des Glaubens und der Ueberzeugung — sich den Weg bis zum Ministerstuhle bahnte. Oesterreichs Staatsverwaltung nennt mit Stolz Namen erster Staatsmänner aus jüdischem Stamme und noch heute finden wir hie und da einen Juden in einer höheren Rangsklasse. Die Zahl der Getauften hat aber erschreckend zugenommen; der jüdische Hofrat steht dafür in Oesterreich auf dem Aussterbe-Etat. Wenn es aber nach dem Sinne der derzeitigen Machthaber in Oesterreich geht, wird in absehbarer Zeit ebenso rücksichtslos wie beim Wiener Magistrate dem jüdischen Akademiker der österreichische Staatsdienst verschlossen bleiben. Zweck dieser Zeilen ist es eben, auf die drohende Gefahr aufmerksam zu machen, welche die Umtriebe eines offenen oder doch nur durchsichtig verschleierten Antisemitismus im österreichischen Staatsdienst gezeitigt haben. Die Liberalen in Oesterreich sind an der Unwahrheit in der Betätigung der Prinzipien des Liberalismus zugrunde gegangen. Die Scheu, einen echten, wahren Liberalismus zu betätigen, mußte den frühen Verfall einer Partei beschleunigen, die es nicht wagte, dem jüdischen Staatsbürger zu seinen Rechten jederzeit und allüberall zu verhelfen, während jene Partei, die ihr Erbe in Oesterreich antrat, wenigstens den Mut hatte, dem Juden ihr wahres Gesicht zu zeigen, indem sie den wirtschaftlichen und politischen Kampf gegen das Judentum als einen Hauptpunkt in ihr Programm aufnahm. Der zu so trauriger Berühmtheit gelangte Bureaukratismus in Oesterreich ist wesentlich auf die Grundsätze zurückzuführen, die seit jeher bei Besetzung von Stellen im österreichischen Staatsdienste in Geltung stehen. Seit jeher gilt der politische Verwaltungsdienst als Domäne des Adelsproletariats; der verarmte Aristokrat versorgt seine Söhne mit der Pfründe, die das schnelle automatische Avancement in den Ministerien und bei den Verwaltungsbehörden auch demjenigen schafft, der den Mangel jedweder Befähigung durch eine ausgiebige Protektion oder wenigstens durch ein Adelsprädikat zu ersetzen weiß. So sind in einzelnen österreichischen Ministerien ganze Adelsfamilien untergebracht und alle Verwandtschaftsgrade sind oft in einem und demselben Ressort vertreten. Wenn nicht die derzeit den Beamtinnen zugedachten Posten noch so untergeordneter Natur wären, würden statt der adeligen Damenstifte gewiß schon auch die Ministerien das Versorgungsheim für unanbringliche Komtessen und Baronessen geworden sein. Eine große Reihe von besseren Stellen im Staatsdienst wird also von einem Teil des zumeist konservativen oder ganz klerikalen Adels in Anspruch genommen. Seit der parlamentarischen Aera in Oesterreich ist dafür gesorgt, daß auch der politische Einfluß bei Besetzung selbst der untersten Beamtenstellen zur Geltung kommt. Insbesondere die Polen haben es verstanden und verstehen es noch heute, ihre Leute selbstverständlich unter Ausschluß der in ihrer treuen Gefolgschaft befindlichen Juden mit einflußreichen Stellen zu versehen und der Einfluß eines B i 1 i n s k i läßt dauernd das Gepräge erkennen, das er dem Beamtentum des Finanzministeriums aufgedrückt hat. Heute ist der Handelsminister damit beschäftigt, seinen czechischen Landsleuten einen dauernden Einfluß im Handelsministerium zu sichern; dem liberalen Unterrichtsminister darf man selbstverständlich eine derartige Einflußnahme auf sein Ressort nicht zumuten. Dafür entwickeln die Landsmannminister auf diesem Gebiete eine Tätigkeit, die wohl die Haupttätigkeit in der Ausübung ihrer derzeitigen Berufspflicht ausmacht. Prade und Dersch atta haben ausreichend dafür zu sorgen, daß ihre Couleurbrüder und solche, die von diesen empfohlen werden, bei Anstellungen und Avancements die gebührende Berücksichtigung finden. In der unverschämtesten Weise aber betreiben heute die Protektionswirtschaft die Christlichsozialen und insbesondere deren Minister in spe. In den Präsidialbureaus und bei den Personalreferenten in den Ministerien vergeht kaum ein Tag, an dem nicht ein solcher christlichsozialer Abgeordneter persönlich vorspricht und bei den Kompetenzgesuchen liegen nicht selten gleich einige Visitenkarten dieser Herren bei. Machtlos unterliegt auch der gewissenhafteste Referent diesem verderblichen Einflüsse. Es ist öffentliches Geheimnis, daß bei Besetzung einer Stelle stets derjenige die Ernennug zu gewärtigen hat, für den sich Geßmann, Liechtenstein oder Weiskirchner verwendet haben. Die Fälle, in welchen Beamte, die weit zurück im Range standen, im Dienste ergrauten tüchtigen Beamten bevorzugt werden, stehen derzeit auf der Tagesordnung. Wie demoralisierend ein solches Vorgehen auf die gesamte Beamtenschaft wirken muß, braucht nicht erst hervorgehoben zu werden. Aber nicht allein bei Anstellungen und Beförderungen wird diese Hintertreppenpolitik seitens unserer Antisemiten betrieben; es kommt kein Akt von einiger Bedeutung zur Entscheidung, auf dem der Referent nicht die

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