Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 45 (18.10.1907)
- Date
- 1907-10-18
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2425679-2425680-2425712--0418-2426700- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 45 „Neue National-Zeitung" Seite 3 Randbemerkung „Ueberreicht vom Abgeordneten N.", „empfohlen beziehungsweise befürwortet durch Abgeordneten X." findet. Es sind stets diejenigen, die im Parlament und in Versammlungen am lautesten den Kampf gegen die Korruption predigen, die auf solchen Schleichwegen ihre Günstlinge oder Anhänger zu fördern trachten. Wie schwer es unter solchen Umständen dem charaktervollen Beamten wird, insbesondere wenn er jüdischer Eltern Kind ist, im österreichischen Staatsdienste sich derzeit zur Geltung zu bringen, sich ein besseres Fortkommen zu sichern, bedürfte keiner weiteren Illustration. Nur einige Beispiele mögen zeigen, wie im österreichischen Staatsdienste vorgegangen wird, um selbst jene jüdischen Beamten, die als hervorragende Fachmänner sich bewährt haben, kaltzustellen. Der aus der altliberalen Schule hervorgegangene Eisenbahnminister Dr. v. Wittek, der noch heute, obzwar er im christlichsozialen Lager steht, sich nicht zum Antisemitismus bekennen will, wählte zu seinem Präsidialisten den deutschnationalen Antisemiten Dr. Ritter v. Forst er, der seine Hauptaufgabe darin erblickte, das neukreierte Eisenbahnministerium möglichst judenrein zu halten. Wenn es Männern, wie dem heutigen Ministerialrat Sonnenschein, trotzdem gelang, sich eine Stellung zu erringen, so ist es nur auf den allgemein bekannten Umstand zurückzuführen, daß schon zu seiner Anstellung im Staatsdienst ein Einfluß geltend gemacht wurde, der noch jenen eines Forster und Wittek überragte. Wie wenigen Juden aber ist es gegönnt, sich der Frenndschaft eines der einflußreichsten Sektionschefs zu erfreuen? Und welchen Gewinn das österreichische Eisenbahnministerium durch die Anstellung des Juden Sonnenschein zu verzeichnen hat, wird die Behandlung des österreichisch-ungarischen Ausgleiches im Parlamente lehren, in dessen Eisenbahnfragen Ministerialrat Sonnenschein als Referent sein enormes Talent und Fachwissen zur Geltung brachte. Als das Eisenbahnministerium geschaffen wurde, fanden sich aus der Zeit der Generaldirektion der Staatsbahnen noch tüchtige jüdische Beamte vor: Fachmänner von ausgezeichnetem Rufe. Sie wurden aber lediglich ihrer Abstammung wegen von der Uebernahme ins Ministerium ausgeschlossen. Hof rat Ignaz K o n t a, der die Verwaltungsgeschichte des österreichischen Eisenbahnwesens wie kein zweiter kennt, und dessen Jahrbücher des österreichischen Eisenbahnwesens eine wahre Fundgrube für jeden sind, der sich für die Entwicklung des österreichischen Eisenbahnwesens interessiert, diesen Mann, der die reichsten Erfahrungen im praktischen Eisenbahndiens gesammelt, konnte man im Ministerium nicht brauchen; ebensowenig den Regierungsrat S c h 1 a g, der als ein Eisenbahnjurist allerersten Ranges, als ein Gelehrter von Ruf gilt, und der unter seinen heutigen Kollegen und Vorgesetzten eine stattliche Reihe nennen kann, denen er*erst das juridische Wissen beigebracht hatte, deren Lehrer er war. Welche Verwendung fanden diese beiden Koryphäen? K o n t a wurde mit der Beaufsichtigung des Eisenbahnmuseums betraut, nachdem man ihn durch seine Pensionierung als Generaldirektionsrat kaltzustellen wußte; bei Regierungsrat Schlag wurde dies Ziel erreicht, indem man ihm die Beaufsichtigung des — Archivs übertrug. Dafür wurden eine ganze Reihe junger, der Hochschule erst entwachsener Juristen, die keinen Dunst vom Eisenbahnwesen hatten, ins neue Ministerium berufen. Der als Fachmann gleichfalls hervorragende Ministerialrat Kuranda mußte, als seine Ernennung zum Sektionschef unvermeidlich geworden wäre, Platz machen und wurde sang- und klanglos in Pension geschickt. Der heutige Abgeordnete wüßte zu unserer Melodie manchen Text! Die Aufzählung solcher Beispiele ließe sich ohneweiters in einer traurigen Reihe fortsetzen. Für diesmal mögen unter Vorbehalt der Fortsetzung diese Illustrationsfakta genügen. Wie wird es aber werden, wenn die Männer, die heute noch um die Ministerfauteuils schleichen und in den Vorzimmern antichambrieren, in den Ministerfauteuils selbst Platz nehmen werden? Heute hindert schon die Scheu vor diesen Leuten, daß für einen verdienstvollen jüdischen Beamten etwas geschieht. Die Rekonstruktion des Kabinetts soll und wird uns christlichsoziale Minister bringen. Dr. Pattai kann es nicht erwarten, in die Elisabethstraße zu kommen; Geßmann strebt mit aller Macht dem Unterrichtsministerium zu! Welche Aussichten eröffnen sich da dem jüdischen Staatsbeamten? .. . Man denke nur an das Schicksal der zahllosen jüdischen Eisenbahnbeamten, die bisher bei den Privatbahnverwaltungen ein Unterkommen fanden und die mit der fortschreitenden Verstaatlichung in den Staatsdienst übernommen werden. Die Günstlinge der Christlichsozialen, die Konzeptspraktikanten von heute, sind unsere künftigen Ministerialräte und Sektionschefs! Mit dem Ausdruck des Bedauerns, das sich wohl jedem aufdrängt, der das künftige Schicksal der jüdischen Staatsdiener gerecht aufzufassen vermag, ist nicht geholfen. Hier ist es Pflicht der Oeffentlichkeit, Pflicht insbesonders der jüdischen Presse einzugreifen, die Korruption aufzudecken, die sich ungeschminkt Geltung zu schaffen weiß, und das allgemeine Rechtsgefühl wachzurufen. Hoffentlich finden sich auch außer den jüdischen Abgeordneten Männer im österreichischen Parlamente, die jede Gelegenheit wahrnehmen werden, um für die Rechte der benachteiligten jüdischen Beamten einzutreten und einer Wirtschaft ein Ziel zu setzen, die, weil sie bisher keine Kritik gefunden, immer dreister sich hervorwagt. Nur durch Aufdeckung solcher Winkelzüge und Machenschaften wird es möglich sein, diese Art der Korruption wenigstens einigermaßen einzuschränken. Aufgabe einiger folgender'Aufsätze soll es sein, in das Dunkel hineinzuleuchten, in dem die geschilderte Propaganda bisher die Präterierung des Juden im österreichischen Staatsdienst mit traurigem Erfolg durchzusetzen wußte. Die Darlehenskassen der ICH in Galizien. Es war ein nicht bloß humanitärer, sondern auch ein sozialpolitischer Gedanke, als sich die von Baron Moritz Hirsch begründete „Jewish Colonisation Association" in Paris entschloß, in einzelnen Städten Galiziens Darlehenskassen zu errichten. Den wundesten Punkt in der wirtschaftlichen Notlage der jüdischen Bevölkerung Galiziens bildet ja eben der Mangel an billigem Kredit. Die Existenz einer zahlreichen Familie hängt oft von dem Besitze einer Hundertkronensumme ab, die das unentbehrliche Lebensminimum an Verdienstherbeizuschaffen vermöchte. Und wieviele Familien müssen elend zugrunde gehen, weil sie sich nicht einmal diese hundert Kronen zu verschaffen vermögen? Es ist daher ein großes Verdienst der ICA, daß sie nach dieser Richtung Wandel geschaffen und mit ihren Darlehenskassen den kleinen Handels- und Gewerbetreibenden unter die Arme gegriffen hat. Die nachstehenden Daten, die wir dem soeben