Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 45 (18.10.1907)
- Date
- 1907-10-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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KiONftL-ZHGUNG ^^JÜDISCRWUCISCRB WOCRSNSCRRIFC RKRflüSögBER: DfS.R.LäNDAU: IX. JAHRGANG. WIEN, 18. OKTOBER 1907. No. 45. Der kranke Kaiser. Juden, betet! Beteilet die Armen, besuchet die Friedhöfe! Der Kaiser ist krank. Soweit man aus dem Durcheinander der Gerüchte, Communiques und Bulletins überhaupt etwas genaueres zu entnehmen vermag, ist das Leben des Kaisers der Gefahr noch nicht ganz entronnen. Dennzu dem quälenden Leiden gesellt sich noch das hohe Alter, das selbst eine Krankheit ist. Und es beschleicht uns eine große Sorge, wenn wir in die Zukunft blicken. Seit fast sechzig Jahren ist das Schicksal unseres Volkes, wie das aller österreichischen Völker, mit der Herrschaft des Kaisers eng verknüpft. Es war ein steiler und dorniger Weg, den wir emporklimmen mußten, bis uns die Gleichberechtigung als dauerndes, unverrückbares Staatsgrundgesetz zuteil wurde. In jenen großen Schlachten, die dem dauernden Konstitutionalismus in Österreich vorangingen, haben auch die jüdischen Soldaten ihr Blut für Kaiser und Vaterland vergossen, und in den wechselvollen Schicksalen, die unsere Monarchie durchzumachen hatte, bis sie ihre jetzige politische Gestaltung annahm, sind die jüdischen Staatsbürger treu zu Kaiser und Reich gestanden. Sie vertrauten auf ihren Kaiser. Sein Pflichtbewußtsein und sein konstitutioneller Sinn waren und sind ihnen die besten Garantien für die Unantastbarkeit ihrer Menschen- und Staatsbürgerrechte. Und wenn auch so manches noch anders sein könnte, so wurde ihre Loyalität trotzdem nicht abgeschwächt. Sie wußten, daß sie gegen traditionelle Verhältnisse, gegen Vorurteile und Parteischlagworte anzukämpfen haben, denen oft selbst ein Kaiser machtlos gegenüber steht. Die Ernennung des Bürgermeisters von Wien, Dr. Lueger, hat das eklatant bewiesen. Nun ist der Kaiser krank, schwer krank. Die Juden der ganzen Monarchie erfüllt diese Nachricht mit Wehmut und Schmerz. Arm und reich, hoch und niedrig erkennt plötzlich, daß ihnen nicht nur die Person des Kaisers so teuer ist, sondern auch das Prinzip der Gesetzlichkeit und der strengsten Objektivität, das in ihm repräsentiert erscheint. Wir haben uns bereits angeschickt, das sechzigjährige Regierungsjubiläum durch Stiftungen und Wohltätigkeitsakte zu feiern, um dadurch unserer Anhänglichkeit beredten Ausdruck zu geben. Es ist kein Byzantinismus, wenn wir nun den Wunsch aussprechen, daß dieses Jubiläum auch eintreffen möge, denn es ist dies der heiße Wunsch aller Juden Oesterreichs in diesen Tagen, da sie alle die Nachrichten vom Krankenbette in Schönbrunn voll Spannung erwarten. Sie sind leider sehr wenig erfreulich. L.