Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 44 (10.10.1907)
- Date
- 1907-10-10
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 „Neue National-Zeitung" Nr. 44 Wien. (Todesfall). Samstag den 5. d. M. verschied hier nach schwerem Leiden Frau Chessia Brainin, die Mutter unseres geschätzten Mitarbeiters, Herrn Rüben Brainin, und Schwiegermutter des hebräischen Publizisten Eisik Loubetzky. Die Verblichene war eine Frau von edlem und frommen Gemüt, die das Leben in der Großstadt als drückend empfand, weil es ihr und ihren Kindern nicht Gelegenheit bot, allen religiösen Verpflichtungen strenge nachzukommen Die Beerdigung fand Sonntag, den 6. d. M. unter Beteiligung zahlreicher Freunde der Familie statt. Die jüdischnationale Deputation beim Landmarschali. Lemberg, 6. Oktober. (Orig.-Korr.) Im Auftrage der jüdischnationalen Parteileitung begab sich am Donnerstag eine Deputation unter Führung der Reichsratsabgeordneten Stand und Dr. Gab e 1 zum Landmarschall Grafen Badeni, um demselben die Wünsche der galizischen Juden betreffs der Landtagswahlreform bekanntzugeben. Die Deputation bestand aus folgenden Delegierten: Dr. Zip per, D. H. Tiger, J. L. L i fschütz, S. Oransz, M. Katz und J. S. P h i 1 i p p (Lemberg); Dr. A. G1 a s b e r g und N. T a r t akower (Brody); Dr. N. Demant (Tarnopol); L. Buchbinder,. J. H a 1 p e r n nnd G. Katz (Zloczow); Fischl Passweg (Przemyslany); Jakob Almzer und Salomon Liechtenstein (Drohobycz); Prediger Dr. Markus B r a u d e (Stanislau) usw.: Personen verschiedener Stände und Berufe, Strengorthodoxe, Konservative und Fortgeschrittene. Namens der Deputation richtete Abg. Stand an den Landmarschall eine längere Ansprache, in der er die Wünsche der jüdischen Bevölkerung in dreifacher Richtung darlegte: Diese Wünsche sind: 1. Allgemeines, gleiches und direktes Wahlrecht; 2. Nationaler Kataster: 3. Eine gerechte Wahlgeometrie, im Falle der Ablehnung der zweiten Forderung. Stand wies bei dieser Gelegenheit auf die Zurücksetzungen hin, die die Juden seitens der autonomen Landesbehörden zu erdulden haben. Graf Badeni erteilte hierauf nachstehende Antwort: „Die jüdische Bevölkerung hat ein unbestrittenes Recht, ihre Postulate aufzustellen und daher anerkenne ich auch ihr Recht, eine Deputation zu entsenden, um in der Wahlreform die Anschauungen der jüdischen Bevölkerung bekannt zu geben. Soweit sich jedoch die Deputation nicht nur an den Landtag, sonder» auch an mich persönlich gewendet hat, muß ich erklären, daß nicht nur ich, sondern alle Landtagsparteien bezüglich des allgemeinen Wahlrechtes für alle Bürger ohne Rücksicht auf die Steuerleistung oder den Militärdienst einig sind. Was jedoch das zweite Postulat, d. h. den Nationalkatasier betrifft, so muß ich loyalerweise offen erklären, daß ich dieses Postulat nicht nur nicht unterstützen, sondern sogar bekämpfen werde, da ich mein ganzes Leben hindurch dafür gearbeitet habe, die Gegensätze zu mildern, während der Nationalkataster die Gegensätze verschärft. Im Übrigen aber anerkenne ich das Recht der jüdischen Bevölkerung auf eine Vertretung ihrer Interessen und zweifle auch nicht daran, daß der Landtag dieses Recht berücksichtigen wird." So wenig diese Antwort des Landmarschalls befriedigen kann, enthält sie dennoch eine Konzession an die jüdischnationalen Gefühle der Deputation. In den Kreisen des Landmarschalls hat man bisher lediglich „Polen mosaischer Konfession" gekannt. In der Rede des Landmarschalls findet sich zum erstenmale das offizielle Zugeständnis, daß die Juden auf eine politische Vertretung das Recht haben. Die Schlachzizen-Parteien werden sich schon bequemen müssen, den Juden noch weitere Zugeständnisse zu machen. Deutsches Reich. Israel Zangwill in Bremen. Bremen, 5. Oktober. (Orig.-Korr.) In Folge der wachsenden Ausdehnung der jüdischen Auswanderung in der Richtung nach Galveston kamen die Herren Israel Zangwill, Präsident der Auswanderungsregulierungs-Abteilung der Ito, und Clement Salaman, der Ehrensekretär, am letzten Freitag hieher, um gemeinsam mit Dr. Bernhard Kohn und Dr. Rosenak als Repräsentanten des „Hilfsverein der deutschen- Juden" eine Konferenz mit Herrn Wiegand, General-Direktor des „Norddeutschen Lloyd" abzuhalten. Es handelte sich dabei um Arrangements, welche in den Bremer Unterkunftshäusern und auf den Schiffen der Gesellschaft zu treffen waren, um diesem vorgeschrittenen jüdischen Verkehr gerecht zu werden., Herr Wiegand empfing die Besucher auf das Freundlichste und geleitete sie in die Unterkunftshäuser, prüfte persönlich jedes Detail und stellte hiebei die gewünschten Reformen in Aussicht. Um den Wünschen der jüdischen Auswanderer zu genügen, wurde endlich ein formelles Abkommen getroffen, in welchem sich der Norddeutsche Lloyd dem Hilfsverein der Deutschen Juden in seiner doppelten Eigenschaft ü. zw. als „Hilfsverein" und als Repräsentant des Auswanderer-Versendungskomitees der Ito verpflichtet, folgende Bedingungen zu erfüllen: Was die Zustände am Bord des Schiffes betrifft, so verpflichtet sich der Lloyd, eine autorisierte Persönlichkeit unentgeltlich mitzuführen, welche sich um die Interessen und die Bequemlichkeit der jüdischen Passagiere, die nach Galveston reisen, zu bekümmern hätte, b) Zu arrangieren, daß die jüdischen Galveston- Passagiere soweit als möglich einen separaten und reservierten Platz im oberen Teil des Zwischendecks bekommen und ihre Mahlzeiten zusammen einnehmen, c) Sobald als möglich eine jüdische Küche unter Rabbinats-Aufsicht zu errichten und für die hygienisehen Bedürfnisse der Galveston-Passagiere bessere Vorkehrungen zu treffen, d) den Kapitäns und anderen Offizieren einzuschärfen, und sie auch von Fall zu Fall zu erinnern, daß die jüdischen Passagiere ordentlich behandelt werden müssen. Was die Zustände in Bremen selbst anbelangt, übernimmt es der Lloyd, ein Emigranten-Unterkunfts- Haus („Stadt Warschau") für den ausschließlichen Gebrauch von Juden, (ausgenommen sind gewisse spezifizierte, unvorhergesehene Fälle) zu errichten, welches auch einen kleinen Betraum und ein Lesezimmer enthalten soll. Der Lloyd gibt dem Komitee das Recht, die Vorkehrungen in den Unterkunftshäusern zu beaufsichtigen und übernimmt es, alles, was in seiner Macht steht, zu tun, um die Ansprüche des Komitees bezüglich der Unterbringung und Einschiffung von Auswanderern zu befriedigen. Hauptsächlich will er die religiösen Gewohnheiten und Gefühle der jüdischen Auswanderer respektieren, um auf diese Art eine Atmosphäre zu schaffen, welche jüdischen und menschlichen Anforderungen genügen könnte. Wegen Überfülle politisch hochaktuellen Materials sehen wir uns gezwungen, -den Artikel „Die Sparkassen der Jewish Colonisation Association in Galizien" für die nächste Nummer zurückzustellen.