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Neue Nationalzeitung · 1907-10-10 · Heft 44 (10.10.1907) · p. Seite 9

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 44 (10.10.1907)
Date
1907-10-10
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 44 „Neue National-Zeitung" Seite 9 Kaufmannsgericht anerkannte, daß das Verhalten des Klägers seine Prinzipale zur sofortigen Entlassung berechtigte. * Darf ein Witwer die Schwester seiner verstorbenen Frau heiraten? Diese Frage war bis in die jüngste Zeit Gegenstand einer heftigen Debatte im englischen Oberhause. Eine diese Ehe bewilligende Gesetzesvorlage wurde konsequent durch 50 Jahre von den Lords abgelehnt. Nun haben sich die Herren eines anderen besonnen. Die fragliche Bill ist endlich auch im „The House of Lords" durchgeführt und somit zum Landesgesetz gemacht, obschon die daselbst sitzenden Bischöfe recht heftig gegen die Annahme derselben protestierten. Letztere erklären jetzt frei und offen, daß sie ihren Wahlspruch „non possumus" im praktischen Leben auch in dieser Sache aufrecht erhalten und von dem neuen Landesgesetz keine Notiz nehmen werden, da es, ihrer Meinung nach, mit dem Alten Testament nicht im Einklang stehe. Die Bill, die nunmehr Landesgesetz ist, wird von Juden und Nichtjuden in England begrüßt. JK0RReSPONJ>6NZ£N e Oesterreich-Ungarn. Eine Volks- und Jugendbibliothek. Wien, 8. Oktober. (Orig.-Korr.) Unter dem Vorsitze des verehrten Seniors der Wiener Rabbiner, Dr. Schmiedl, fand gestern in den Räumen der Gemeindebibliothek eine von demselben gemeinsam mit Ortsschulrat Antscherl und Bibliothekar Dr. Münz einberufene Konferenz statt, in welcher die Frage der Ausgabe von Jugendschriften auf der Tagesordnung stand. Anwesend waren: Die Rabbiner Dr. Bach, Dr. Feuchtwang, Dr. Grunwald, Dr. Taglicht und Dr. Rosen mann, Baurat Stiassny, die Hof- und Gerichts-Advokaten Dr. W. Knöpf el mach er, Dr. Leopold Kohn und Dr. S. R. Landau, Chefredakteur Dr. J. S.Bloch, Custos Frankfurter, Direktor Heller, Schulinspektor Dr. Kanitz, etc. etc. Nach einem Referate des Dr. Münz, in welchem darauf hingewiesen wurde, daß seit jüngster Zeit in Deutschland unter der Aegide der Großloge in Berlin jüdische Jugendschriften erscheinen und daß derselbe Verleger auch für Wien seine Dienste angeboten hat, entspann sich eine eingehende Diskussion. Sämtliche Redner, und zwar Herr Antscherl, Dr. K o h n, Dr. Kanitz und Custos Frankfurter waren darin einig, daß die jüdische Jugend in Wien dringend einer Lektüre bedürfe, die sie mit der jüdischen Geschichte, mit dem Wesen des Judentums näher bekannt machen, dabei aber durch Form und Darstellung interessieren würde. Meinungsverschiedenheiten ergaben sich lediglich bezüglich der Frage, in welcher Form das allen Anwesenden vorschwebende Ziel der Verwirklichung zugeführt werden könne. Die Ansichten gingen dahin, daß man die ganze Sache der „Bnai-Brith Loge" oder der historischen Kommission des Kultursvorstandes, oder gar einer besonderen Kommission übergeben solle. Am meisten Anklang fand jedoch die Anregung des Dr. K o h n, einen Verein zum Zwecke der Förderung der Jugendschriften ins Leben zu rufen. Für die Vereinsgründung trat auch Dr. Landau mit dem Bemerken ein, der Verein dürfe sich nicht blos auf die Schaffung einer Jugendlektüre beschränken, sondern müßte sein Hauptaugenmerk darauf richten, daß eine jüdische Volkslesehalle entstehe, in die die jüdische Jugend Zutritt hätte, und in der auch Jugendschriften unentgeltlich entlehnt werden könnten. Dr. Landau appelliert an die Versammlung, in dieser Frage selbstständig vorzugehen und sich an niemanden „anzulehnen". Die gesamte Oeffentlichkeit und insbesondere die breiten Schichten der jüdischen Bevölkerung werden gewiß das gesteckte Ziel bereitwilligst unterstützen. Nach einer Erklärung des Dr. Knöpfelmacher, daß die „Bnai-Brith Loge" der Sache sympathisch gegenüberstehe, wurde nachstehender, von Custos Frankfurter formulierter Antrag einstimmig angenommen: „Die heutige Konferenz beschließt grundsätzlich, einen Verein zur Schaffung einer jüdischen Volks- und Jugend- Bibliothek ins Leben zu rufen. Dieser Verein wird es als seine Aufgabe betrachten, einerseits auch die Schaffung guter Jugendschriften in geeig neter Weise zu fördern, andererseits die Gründung ähnlicher Bibliotheken auswärts anzuregen." In meritorischer Beziehung wurde von demselben Antragsteller die Einsetzung eines siebengliedrigen Komitees vorgeschlagen. Nach der Wahl des Komitees wurde die Versammlung geschlossen. Der „Deutsch-demokratische Verein". Wien, 8. .Oktober. (Orig'-Korr.) Die Anstrengungen des Wiener Liberalismus, noch immer Lebensfrische zu heucheln, wiewohl doch seit langem der Odem der Verwesung zum schwarzen Himmel der christlichsozialen Macht emporsteigt, haben nach der Gründung des freiheitlich-sozial-paralytischen Vereines, eine neue Vereinigung dieses Genres gebracht: Den „Deutsch-demokratischen Verein". Die Inszenierung dieses neuen Lust- und Belustigungsspieles wurde vom Regisseur (Baron Hock) so eingerichtet, daß die Juden nur als Statisten mitwirken sollten. Und wie ein sonderbares Blümlein in einem längst verwelkten Strauße mutet in der Serie der Vereinsgründer, deren Namen in allen Wiener „Judenblättern" zu lesen waren, der Name—Dr. Julius Ofner an. Wer unsere Liberalen kennt und die Taktik ihres jungen Nachwuchses in letzter Zeit zu beobachten Gelegenheit hatte, wird sich über dieses neueste Jongleurstückchen nicht wundern. Die Juden sollen Geld und Stimmen hergeben, die Mandate gehören aber den Herren Baron Hock und Genossen. Dafür revanchiert sich ja Herr Baron Hock, indem er die ziemlich schäbig gewordene, liberale St. Georgs-Uniform anlegt und mit seinen Knappen in die Leopoldstadt zieht, um die Jüdischnationalen niederzuringen. Aber es gibt Leute, die erst jetzt daraufkommen, daß für die Hock-Gesellschaft diese ganze Judenliebelei nur ein politisches Geschäftchen ist. Der vom jüngst genossenen Taufwasser noch feuchte Dr. G. (aus Bolszowce in Galizien) weint in den Spalten jenes Blattes, das erst bei Eintritt der Dunkelheit erscheint, darüber, daß im Vorstande des „Deutsch-demokratischen Vereines" die „jüdische Konfession" nicht vertreten sein soll. Wie stimmt denn dies damit überein, daß dasselbe Blättchen, an dessen Spitze zwei Glaubensgenossen aus Galizien stehen, während der Reichsratswahlen einen assimilatorisch-deutschtümelnden Standpunkt vertreten hat?! Ist denn die Logik bei diesen Herren schon ganz zum Teufel? Es scheint, daß der letzte Fußtritt in diesen „deutschen" Herren (aus Busk und Bolszowce) so etwas wie jüdisches Bewußtsein wachgerufen hat. Es fragt sich nur, wie lange die Wirkung dieses letzten Fußtrittes anhalten wird. Im Grunde genommen, macht es Herr Baron Hock nur dem Dr. Gustav Groß nach. Und dieser ist ja noch immer Führer der Liberalen. m. seh.

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