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Neue Nationalzeitung · 1907-10-10 · Heft 44 (10.10.1907) · p. Seite 11

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 44 (10.10.1907)
Date
1907-10-10
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 44 „Neue National-Zeitung" Seite 11 BRUNO LESSING: Darf ich fceah heiraten?*) (Eine Humoreske aus dem New-Yorker Ghetto.) Moische Linkovitz war Parness (Vorstand) der Synagoge Beth El-Kohel, Präsident, Kassier, Leiter und Hauptaktionär der Linkovitz-Geflügel-Company und Vater von Leah Linkovitz. Er trug seine Ehren mit Würde. Wenn wir gewissenhaft nachforschen müßten, welche dieser drei Funktionen in Linkovitz' Augen relativ am wichtigsten erschien, würde uns das Resultat in Verlegenheit bringen. Wir wollen daher lieber nicht nachforschen. Cohen, der Fleischhauer, behauptete, daß Linkovitz seine Synagoge mehr liebte als seine Tochter; daß sein Ruhm ihm näher stand als seine eigene Seele. Aber Cohen war mehr oder weniger ein Lügner, war Linkovitz' Konkurrent im Geflügelhandel und spielt außerdem in dieser Geschichte keine Rolle. Also verdient er nicht, erwähnt zu werden. Die Synagoge Beth El-Kohel war genau wie hundert andere Synagogen, weder mehr noch weniger bedeutend und es gab tausende, von Juden im Ghetto, welche überhaupt noch nichts von ihr gehört hatten. Es ist dasselbe mit kleinen Kindern. Hat man jemals gehört, daß die Unbedeutendheit irgend eines Babys imstande war, die Zuneigung oder — Blindheit seiner liebenden Eltern auch nur im geringsten Grade zu beeinträchtigen? Linkovitz war Vater und Mutter der Synagoge Beth El-Kohel. Er kaufte die Einrichtung; er bestimmte den Schames — der eine Kombination von Küster, Tempeldiener und Türsteher war — und bezahlte sein Gehalt, er beglich die Miete und die Gasrechnungen. Tatsächlich, vom Türknopf bis zur Sefer Tora, welche in der Bundeslade am anderen Ende des Raumes ruhte, konnte man kaum einen einzigen Gegenstand finden, an welchem Linkovitz nicht ein gewisses Eigentums-Interesse hatte. Schulemann, der Parness der Synagoge Beth-Oreb, weiter unten in der Straße, rümpfte die Nase über Linkovitz und nannte ihn einen Mann, der versuche, sich für ein künftiges Sein günstig vorzumerken. Man darf aber nicht vergessen, daß Schulemann genau im selben Verhältnis zu seiner Synagoge stand wie Linkovitz zu der seinigen und da sie sich gegenseitig aufs herzlichste verachteten, würde es nicht richtig sein, ernstlich zu glauben, was einer von dem anderen sagte. Die Linkovitz-Geflügel-Company war ein gewöhnlicher Fleischerladen, dessen Mission auf dieser Welt — vom Standpunkt Abraham Nassauers — darin bestand, dem besagten Abraham Nassauer eine Anstellung zu geben. Die Firma hieß früher einfach „M. Linkovitz, Fleisch und Geflügel". Der Gedanke einer Kompagnieschaft entsprang dem fruchtbaren Gehirn Abrahams. Was Linkovitz bei diesem Plan am stärksten anzog, war die Aussicht, daß er im Falle der Prosperität seinen vollen Gewinn bekam, während es im Gegenfall verschiedene Wege gab, auf welchem eine protokollierte Gesellschaft der Verantwortlichkeit entgehen konnte — verschlungene Wege allerdings, die nicht jedermann offen lagen. Er umarmte Abraham und fragte ihn, was er dafür als Belohnung wünsche. „Geben Sie mir Leah!" war Abrahams prompte Antwort. Linkovitz geruhte nicht einmal zu antworten, *) Aus dem Englischen von Ida P o 11 a k. aber er kaufte Abraham einen neuen Hut. Abraham war sehr groß und mager, hatte eine ungeheure Menge kohlschwarzen Haares, das sich um seine Stirn und Ohren kräuselte, und durchdringende blaue Augen, welche unaufhörlich blinzelten. Er war beharrlich und besaß ein großes Quantum Dreistigkeit, aber ich hoffe, man wird ihn gerne haben, denn er ist der einzige Held in dieser kleinen Geschichte. Was Leah Linkovitz anbelangt, so verhielt sie sich zu ihrem borstigen Vater wie die Perle zur Auster. Natürlich war sie ihm zugetan, aber die alles absorbierende Tat der Schöpfung war für sie, daß Abraham Nassauer sie liebte. Nichts anderes hatte Bedeutung. Niemand, der diese geschmeidige, schlanke Gestalt und ihr süßes, lebhaftes Gesichtchen mit den tanzenden, braunen Augen und anbetungswürdigen Lippen erblickte, konnte Abraham auch nur im mindesten tadeln; es wäre ein Wunder gewesen, wenn er sie nicht geliebt hätte. Viele andere junge Leute liebten sie ebenfalls, aber die kamen nicht in Betracht. Die Sonne ging mit Abraham auf und unter. Der Lauf ihrer Liebe war aber durchaus nicht glatt. In der Tat, so hoffnungslos schien sie Leah, daß sie sogar daran dachte, Abraham vorzuschlagen, mit ihr zusammen von der Brooklyn Brücke in die Ewigkeit zu springen, um auf diese Weise ihr grausames Schicksal zu hintergehen und in den Armen des Geliebten zu sterben. Sie fürchtete nur, daß Abraham sie auslachen könnte. Eines Tages, während Linkovitz die „Jewish Gazette" las, näherte sich ihm Abraham — ich glaube er hielt gerade ein koscheres Huhn in der einen Hand und ein Hackmesser, in der anderen — und bat rundweg um Leahs Hand. „Ich liebe sie," sagte er. „Sie liebt mich. Wir möchten gern heiraten. Willigen Sie ein?" Herr Linkovitz ließ seine Zeitung langsam sinken. Dann nahm er langsam seine Augengläser ab und rieb sie mit seinem Taschentuch. Setzte sie langsam wieder auf seine Habichtsnase und warf einen langen, langen Blick auf Abraham. Dann faßte er seine Zeitung und nahm seine Lektüre wieder auf. Reden war überflüssig. Abraham kehrte niedergeschlagen zu seinem Block zurück und entlud seine ganze Enttäuschung an dem leblosen Hühnchen. Als er die Sache das nächste Mal vorbrachte, starrte ihn Herr Linkovitz eine Weile voll Verachtung an und sagte dann: „Bist Du verrückt? Du hast ja keinen Cent im Vermögen! Wie kannst Du eine Frau mit zehn Dollars per Woche erhalten?" Abrahams Antlitz hellte sich auf. „Aber, Herr Linkovitz," rief er aus, „wir können ja mit Ihnen zusammen bleiben. Sie können mich zu Ihrem Kompagnon machen und dann werden wir Geld genug haben." Herr Linkovitz wurde sehr rot und Abraham fiel plötzlich ein, daß er einen Gang zu besorgen habe und entfernte sich eiligst aus dem Laden. Er verzweifelte jedoch niemals. Jedesmal, so oft sich eine Gelegenheit bot, brachte er die Sache vor und gab Herrn Linkovitz fest aber respektvoll zu verstehen, daß er früher oder später Leah heiraten werde. Schließlich wurde Herr Linkovitz beinahe wütend und bedrohte ihn. „Wenn Du mir noch einmal wegen Leah kommst," schrie er, „hol' ich die Polizei!" (Fortsetzung folgt.)

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