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Neue Nationalzeitung · 1907-10-10 · Heft 44 (10.10.1907) · p. Seite 7

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 44 (10.10.1907)
Date
1907-10-10
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 44 „Neue National-Zeitung" Seite 7 persönlich herzufallen und bei dieser Gelegenheit auch dieses Blatt, das bisher von ihm gar keine Notiz genommen, anzurempeln. Er schreibt folgendes: „Rüben Brainin sucht in der territorialistischen ,Neuen National-Zeitung' in Wien das Geheimnis seines (Ussischkins) Erfolges in seiner Hartnäckigkeit und in seinem despotischen Charakter. Er verstände es, sich mit einer Gruppe von Männern, zu umgeben, die an seinem Erfolge persönlich interessiert sind. Im zionistischen Lager sei Ussischkin ein Umstürzler. Das ist eine völlige Verkennung des Mannes. Ussischkin ist unter den russischen Juden am allerwenigsten ein Revolutionär. Sein Kampf gegen die zionistische Leitung entsprang seiner einzigartigen Anhänglichkeit an Palästina und den Zionismus. Es ist aber------ sagen wir — — unfair, wenn man die Männer, die in Rußland den Zionismus groß gemacht haben, und die mit Ussischkin für das gleiche zionistische Ideal kämpften, ,an seinem Erfolge persönlich interessiert' sein läßt. Durch eine solche Beurteilung eines makellosen uneigennützigen Kämpfers setzt der Kritiker nicht diesen, sondern sich selbst herab." Auf diese Schmähung sandte Rüben Brainin dem Blatte nachstehenden Brief: „Sehr geehrter Herr Redakteur! Zur Berichtigung einiger Tatsachen im Leitartikel Ihres geschätzten Blattes Nr. 38 vom 20. September d. J. ersuche ich Sie um gefällige Veröffentlichung folgender Zeilen: Die ,Neue National-Zeitung' in Wien, in der meine ,Kongressnotizen' erschienen sind, ist kein t e r r i t o - rialistisches Blatt. Doch würde ich wahrheitsgemäß, auch in einem territorialistischen Blatte lieber meine zionistischen Ansichten gegebenenfalls voll und ganz zum Ausdrucke bringen, als sie in zionistischen Zeitungen unterdrückt oder verstellt zu sehen. Es lag nicht in meiner Absicht, Ussischkin persönlich anzugreifen oder herabzuwürdigen — ich wollte nur die Psychologie seines Erfolges erklären. Meine ganze 20jährige literarische Tätigkeit ist ohne ,leichte, schöngeistige heute für das und morgen für das'- Zickzacklinie verlaufen und steht Beleidigungen wie ,unfair' und ,sich selbstherabwürdigen' unberührt entgegen. In vorzüglicher Hochachtung ergebenst Rüben Brainin. Berlin W. 30. 23. September 1907." Herr Dr. Heinrich Loewe, alias Heinrich Sachse, ließ es sich nicht nehmen, diesen Brief mit der nachstehenden Randglosse zu verunzieren: „Zu dieser Erklärung des Herrn Brainin habe ich zu bemerken, daß ich deshalb die ,Neue National-Zeitung' für' territorialistisch anzusehen das Recht habe, weil sie erstlich es ist und dann weil sie sich, ohne zu widersprechen, wie unseren Lesern bekannt ist, von den Posenschen Territorialisten als solche in Anspruch nehmen ließ. Herr Brainin hat behauptet, daß ,Ussischkin es verstünde, sich mit einer Gruppe von Männern zu umgeben, die an seinem Erfolge persönlich interessiert sind'. Diese ,Psychologie seines Erfolges' wußte ich nicht anders zu bezeichnen, als wie ich es getan habe. Weiß Herr Brainin dafür einen noch parlamentarischeren Ausdruck als ich, nun so werde ich gern von ihm zulernen. Herr Brainin ist der erste Gegner Ussischkins, der dessen Freunde persönlich an seinem Erfolge interessiert sein läßt. In solchem Falle ist es zwecklos, mit Herrn Brainin über diese Sache zu disputieren". Heinrich Sachse. Es kann nicht unsere Sache sein, Rüben Brainin in Schutz zu nehmen. Wer seine zwanzigjährige, selbstlose Tätigkeit für die hebräische Literatur und Sprache sowie für die zionistische Bewegung kennt, weiß, daß Brainin nie persönliche Politik getrieben hat, und daß es nie seine Art war, jemanden persönlich anzugreifen. Jedoch als Journalist hat er (las Recht, jedermann zu kritisieren. Er ist doch kein Parteischmarotzer, der schon heute daran denkt, wer morgen an das Ruder kommen könnte, um diesem nachzulaufen. Herr Loewe-Sachse hat aber auch in seinem Artikel gegen Brainin besonders unterstrichen, daß esdieterritorialistische „Neue National-Zeitung" war, in der Brainin seine „unfairen" Angriffe gegen Ussischkin richtete. Als B r a i n i n den territorialistischen Charakter dieser Zeitschrift bestritten hat, betonte Herr Loewe-Sachse, daß er die „Neue National-Zeitung" deshalb für territorialistisch anzusehen berechtigt sei, „weil sie erstlich es ist (!), und weil sie sich, ohne zu widersprechen, wie unseren Lesern bekannt ist, von den PosenschenTerritorialisten in Anspruch nehmen ließ." Jedes Wort eine Lüge! Die „Neue National-Zeitung", die seit 1. März 1907 unter meiner Leitung erscheint, hat nie erklärt, daß sie ein territorialistisches Parteiblatt ist, ebensowenig wie sie sich als zionistisches Parteiblatt geriert hat. Ich habe vielmehr sowohl im Programmartikel vom 1. März als auch bei jeder sich darbietenden Gelegenheit Veranlassung genommen, mit Nachdruck zu betonen, daß die „Neue National-Zeitung" ein jüdischnationales, vorwiegend der inneren Politik gewidmetes Blatt ist, welches es jedoch als seine Pflicht erachtet, allen Bestrebungen, die darauf hinausgehen, eine Heimstätte für das jüdische Volk zu schaffen, zu fördern. Dieser Pflicht, in objektiver Weise alle Bestrebungen der nationalgesinnten Judenschaft zu fördern, die Assimilation und deren Wortführer rückhaltslos zu bekämpfen, für die Idee einer jüdischen Heimstätte immer weitere Kreise zu gewinnen, ist die „Neue National-Zeitung" zumindest so weit nachgekommen wie die zionistische Parteipresse. Das muß die „Jüdische Rundschau" ganz genau wissen, da sie manche zionistische Notiz diesem Blatte entlehnt hat. Allein es wäre mir ja schließlich gleichgiltig, ob die „Jüdische Rundschau" und andere zionistische Blätter, wie z. B. der „Hasman" in Wilna, wenn sie diesem Blatte etwas entlehnen, dasselbe in nicht mißzuverstehender Absicht als ein territorialistisches hinstellen. Es ist aber eine Kühnheit sondergleichen, wenn Herr Loewe-Sachse seinen Lesern zu erzählen sich untersteht, daß sich „die ,Neue National-Zeitung' von den Posenschen Territorialisten in Anspruch nehmen ließ". Mir ist davon nichts bekannt. Ich bezeichne daher die Aeußerung des Herrn Loewe-Sachse als eine bewußte Unwahrheit. Wenn es Herrn Loewe-Sachse interessiert, so kann ich ihn noch darauf aufmerksam machen, daß die „Neue National-Zeitung" ihre meisten Posener Territorialisten als Abonnenten verloren hat, weil sie ihnen zu wenig territorialistisch ist. Das konnte und soll mich aber nicht hindern, auch fernerhin territorialistische Artikel aufzunehmen, wenn dieselben etwas neues, sachliches enthalten. Und ich werde mich gerne, um mit Herrn Loewe- Sachse zu sprechen, sowohl von zionistischer wie von territorialistischer Seite in Anspruch nehmen lassen. Ich ziehe jedenfalls jüdischnationale Territorialisten den Zionisten vor, die mit ihrem Deutschtum renommieren. Denn das Wesentlichste der ganzen Bewegung sind doch nur: der jüdische Volksgedanke und die jüdische Volks arbeit. Wer für sie wirken soll, darf nicht das Joch der Parteizünftigkeit auf sich nehmen, sonst kommt er aus dem Gehege der Parteiphrasen und des Parteiopportunismus nicht heraus. Und er könnte nach dem Muster der „Jüdischen Rundschau" dahin gelangen: daß die schweren Verdächtigungen eines Jacob Schiff gegen die gesamte zionistische Bewegung einfach totgeschwiegen werden, hingegen einer der besten publizistischen Agitatoren für den Zionismus, wie Brainin, in den Kot gezerrt wird, weil er es gewagt hat, einen Gesinnungsgenossen etwas schärfer zu kritisieren. Die „Neue National-Zeitung" ist nicht in der Lage, das zionistische Parteiblatt in Berlin als sein Vorbild anzusehen. Dr. S. R. Landau.

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