Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 44 (10.10.1907)
- Date
- 1907-10-10
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 „Neue National-Zeitung" Nr. 44 Delegieiten von 47 Städten, dann die Mitglieder des Zentralkomitees in corpore und Daszynski als Vertreter der polnischen Parteiexekutive. Den Hauptpunkt der Tagesordnung bildete: „Die jüdische Nationalität und die kulturelle Autonomie". Das Referat erstattete Dr. Zetterbaum, der gebildetste Theoretiker der Partei. Noch vor ein paar Jahren war Dr. Zetterbaum ein unversöhnlicher Feind des jüdischen Nationalismus. In seiner Broschüre „Zionismus und Sozialismus" verurteilt er — allerdings mit .„Argumenten", die bei einem halbwegs modern Gebildeten nur Achselzucken und Heiterkeit hervorrufen können — den jüdischen Nationalismus aufs schärfste. Heute ist er der radikalste jüdische Nationalist der P. P. S.! Seine Ausführungen fanden einstimmige Billigung und selbst Daszynski verschloß sich diesem Gedankengange nicht mehr, wiewohl er noch immer die „angenehme" Hoffnung hegt, daß „mit Hilfe der polnischen Schule und des Schulzwanges die Assimilation und Denationalisierung der Juden doch ihren günstigen Ablauf werden erreichen müssen." Merkwürdige Logik eines freiheitlichen Polen! Nicht die Schule müsse den nationalen Bedürfnissen der Juden angepaßt werden, sondern die Juden müssen sich dem Zwange der fremden Schule unterwerfen! Würde Herr Daszynski dasselbe auch in Bezug auf die Polen in Preußen sagen? .. . Aber nicht weniger merkwürdig und ganz besonders für einen Sozialisten charakteristisch ist die Logik des Referenten selbst. Nachdem er im Referate so trefflich und rücksichtslos die jüdische Nationalität anerkannt hat, ^schlägt er eine Reihe von Resolutionen vor, die einfach ein Kunststück von Widersprüchen, von Prinzipienlosigkeit und Preisgebung der allerheiligsten Rechte einer Nation zugunsten kleinlicher Parteirücksichten darstellen. Wir zitieren dieses erstaunliche Elaborat in seiner ganzen Nacktheit, ohne unserseits etwas zuzufügen, da es unserer Meinung nach keines weiteren Kommentars bedarf. Die Resolutionen lauien: I. „Die Konferenz der jüdischen Sektion der P. P. S. bestätigt, daß das jüdische Proletariat Galiziens, das in der sozialdemokratischen Partei organisiert ist, seine Zugehörigkeit zur jüdischen Nation anerkennt und daß es sich seiner Nationalität voll bewußt sei." II. „Die besonderen geschichtlichen Bedingungen des Kapitalismus, der sich der noch nicht ganz überwundenen feudalen Ideologie, als einer Waffe gegen den Emanizipationskampf des Proletariats bedient, machen es indessen unmöglich, in dem gegebenen Momente dieses Kampfes, für die Verwirklichung der kulturellen Autonomie der jüdischen Nation einzutreten." „Die Konferenz erklärt nun im Einzelnen: In Erwägung, daß bei den faktisch bestehenden konfessionellen und Rassengegensätzen zwischen dem jüdischen Volke und den anderen Völkern die Verwirklichung der jüdischen kulturellen Autonomie nur eine Ausdehnung des konfessionellen und Rassenhasses unter den breiten, einstweilen der Sozialdemokratie noch fernstehenden Volksmassen, herbeiführen und zugleich ein Hemmnis, sowie eine Bedrohung für den Klassenkampf bilden würde; in Erwägung ferner, daß bei der gegenwärtigen ökonomischen Struktur des jüdischen Volkes die Verwirklichung der jüdisch-kulturellen Autonomie, die kulturellen Interessen des numerisch schwächeren Proletariats zugunsten der klerikalen jüdischen Bourgeoisie (lese: Zionisten!) bedeuten würde; in Erwägung zugleich, daß die historische Entwicklung die Frage der nationalen Sprache bei den Juden noch nicht entschieden hat und daß die Unterstützung der kulturellen Autonomie für die Juden in der Gegenwart das ganze Proletariat in .einen hoffnungslosen Kampf mit den verschiedenen Landesparteien, wie auch mit dem jüdischen Bürgertume — hineinzerren würde, das sich teilweise für die Landessprache einsetzt, teils aber für die hebräische eintritt; in Erwägung schließlich, daß die kulturelle Autonomie gegenwärtig eher die Erfüllung eines Postulats der klerikalen und nationalistischen Parteien — der Todfeinde des Proletariats — wäre, nicht aber die Verwirklichung freiheitlicher Strebungen; kann die jüdische Konferenz in diesem Moment des Emanizipationskampfes des jüdischen Proletariats das Postulat einer kulturellen Autonomie nicht aufstellen." Im weiteren Verlaufe der Konferenz kam es bei dem Punkte „Organisation" wieder zu einem merkwürdigen Widerspruch. Der Referent (Dr. S c h o r r- Kolomea) verwahrt sich entschieden dagegen, als ob er „die Schaffung einer Sonderorganisation für die Juden verlange"; dennoch beantragt er, die „Sektion" in eine „Jüdische Sozialdemokratie Galiziens" umzunennen und verlangt für diese das Recht, eine Landeskonferenz einzuberufen und eine Exekutive zu wählen, die durch zwei Delegierte in der polnischen Partei- Exekutive vertreten sein wird. Weiters verlangt er für diese Organisation die Kompetenz über „sämtliche kulturelle und politische Angelegenheiten des jüdischen Proletariats." Niemanden kümmert es, daß eine jüdische Sozialdemokratie" in Galizien bereits besteht — die sogenannten „Separatisten" — und daß das jüdische Proletariat der P. P. S. — wie erst verlautet hat — gar keine kulturellen Angelegenheiten haben kann!... Nach Annahme dieser Resolutionen ist die Konferenz auseinander gegangen und sie wird jetzt auf ihren Lorbeeren ausruhen können . .. Allerdings bedürfen sie noch der Bestätigung des allgemeinen Kongresses; aber diese wird sich hoffentlich einen so billigen Spaß erlauben. Zur Charakteristik sei noch gesagt, daß die Konferenz bei geschlossenen Türen getagt hat und daß nicht einmal Vertreter der Presse zugelassen wurden. M. Kl. In eigener Sache« Die in Berlin erscheinende Wochenschrift „Jüdische Rundschau" wird von der zionistischen Partei Deutschlands souteniert und von Herrn Doktor Heinrich Loewe geleitet. Herr Dr. Loewe ist auch Schriftsteller und dabei recht zahm. Wenn wirklich etwas wildes geschrieben werden soll, dann versteckt sich der Loewe; zum Vorscheine kommt Heinrich Sachse. Dieser Heinrich Sachse hat nun in der „Jüdischen Rundschau" vom 20. September einen Artikel, „Die neue Arbeit", geschrieben, welcher den Zweck hätte, zur agitatorischen Arbeit anzuspornen. Das wäre ja an sich löblich und das hätte ja auch Herr Loewe schreiben können. Aber diesen Artikel hat Sachse geschrieben und der ist recht wild. Es erschien ihm notwendig, neben den Komplimenten, die er Herrn Wolffsohn machte, auch Herrn Ussischkin herauszustreichen. Und da erinnert er. sich plötzlich, daß in diesem Blatte vier Wochen früher eine feuilletonistische Plauderei betitelt „Meine Kongreßnotizen" von Rüben Brainin veröffentlicht wurde. Es scheint, daß das große Interesse, ja geradezu das Aufsehen, welches dieses Feuilleton unseres geistreichsten hebräischen Publizisten hervorgerufen hat, den Redaktionsleiter der „Jüdischen Rundschau" nicht zur Ruhe kommen ließ. Er hielt sich daher für verpflichtet, über Rüben Brainin