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Neue Nationalzeitung · 1907-10-10 · Heft 44 (10.10.1907) · p. Seite 5

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 44 (10.10.1907)
Date
1907-10-10
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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^^^^^^^^^^^^Mm^mss^mmmsm^mim BltTY»r«ilT'"Vi,MTfi-' ITrTf" ■ ■ Nr. 44 „Neue National-Zeitung' Seite 5 „Die Juden, meine Freunde, sind dank ihrem langen Exil kleiner und kleiner von Wuchs geworden und ihre Religion ist eine sehr große Sache. Sie ist mehr als sie tragen können. Und sie ist — oder die Juden denken, daß sie es ist — ein sehr gefährliches Ding, wenn man sie mit sich herumträgt. Man sagt sogar, daß das nette, kleine Päckchen „Reform" zu viel Aufmerksamkeit auf sich zieht. Der nächste Schritt scheint daher vielfach zu sein. Nach Hillel ist es möglich, das Wesen des Judentums zu erklären, während man auf einem Fuß steht. Aber es könnte eine große Krisis in der amerikanischen Geschichte eintreten und da könnte der Jude auf einem Fuß stehend und seine Religion auslegend, angetroffen werden. Wie will er imstande sein, zur Rettung seines Landes herbei zu eilen, wenn er auf einem Fuße steht? Er soll den anderen herunterstellen und gehen? Aber das wird ihm nicht einfallen. Er könnte ein Patriot sein und dann würde er nicht daran denken, etwas so einfaches zu tun. Der durchschnittliche oder herkömmliche Patriot ist nicht auf vieles Denken eingerichtet. Er würde alles für sein Vaterland tun, nur nicht denken. Das geht über seine Hutschnur. „Wäre er ein denkender Mann, so würde er die Dinge ausgestalten und sein Leben so zurecht legen, daß er mehr besäße als nur ein paar Lungen und ein paar Hände. Er würde Amerika geben, was Amerika's ist und er gebe auch seinem alten Erbe, was ihm gebührt — wenn er so glücklich ist, ein solches Erbe sein zu nennen. Er würde auf Amerika stolz sein und doch in den Errungenschaften des alten Griechenland Ruhm suchen. Er würde, wenn er ein Jude ist, dem Glänze seiner Vergangenheit die Größe seines gegenwärtigen Daseins anpreisen. Er würde Moses geben, was Moses's ist und Washington, was sein und auch was Moses's ist. Er wäre ein sehr guter Bürger hier und würde doch, was möglich ist, tun, um einen großen, alten Wunsch zu erfüllen, zwei Pflichten mit weniger Zeitaufwand und Anstrengung nachkommend, als nötig ist, um heraus zu finden, ob ein Konflikt zwischen ihnen besteht oder nicht. Er würde, zumindest, seinem Beruf als ein Mann nachgehen, ohne zu fürchten, was man über ihn denken oder sagen könnte, wenn er, als Jude, seinem Glauben und seinem Volke redlich gebe, was ihnen gebührt. Keine Furcht, keine Gefahr, sagte Kipling. Die große Gefahr, welcher das jüdische Volk gegenübersteht, ist, daß es sich fürchtet. Es ist Furcht, schwarze, unbarmherzige, überwältigende Furcht, welche an unserer Lebenskraft zehrt. Aus Angst stellen wir alle möglichen besonderen und närrischen Fragen. Wenn das jüdische Volk wirklich ein unrühmliches Ende findet, wird dieses die Grabschrift einer großen Nation sein: „Hier liegt Israel. Es starb, weil es sich fürchtete." Die jüdifdie Sozialdemokratie, Lemberg, den 5. Oktober 1907. Allmählich dringt die nationale Idee auch in jene Kreise, die sich ihr bisher mit dem größten Starrsinn verschlossen haben. Der riesige Aufschwung des jüdischen Nationalbewußtseins der Massen zwingt auch jene Gruppen im Judentum, die bisher nichts vom jüdischen Volkstum wissen wollten, diesem ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden und seinen Postulaten Rechnung zu tragen. Insofern diese Gruppen nicht direkt von der Assimilation leben, treten sie nach und. nach dem jüdischen Nationalismus näher und fangen wenigstens an, seine Argumente zu prüfen. Einen neuen Beweis dafür hat uns die P. P. S.*) diese Woche geliefert. Wie bekannt, hat sich die P. P. S. durch eine längere Zeit mit allen Kräften dagegen gewehrt, die jüdischnationale Frage in ihrer Mitte auch nur in Form einer theoretischen Diskussion aufzunehmen. Mit der größten Wut hat sie diejenigen „Genössen" jüdischer Abstammung verfolgt, die blos die armselige Forderung nach Berücksichtigung der *) Abkürzung für die Polnisch-sozialistische Partei. jüdischen Sprache in der Agitation laut verkündet haben und sie hat ihre Verfolgungstaktik auch dann nicht geändert, als jene „Separatisten" demonstrativ die Partei verlassen und eine selbständige jüdische sozialdemokratische Partei gegründet haben. Diese letztere, sonst strengst marxistisch-orthodoxe und in allem dem russischen „Bund" auf Schritte folgende Gruppe wurde als eine „kleinbürgerliche", dem Proletariate feindlichgesinnte und provokatorische „Bande" verschrieen. Man wird sich wohl noch erinnern, mit welcher Brutalität sie aus der sozialdemokratischen Partei Oesterreichs verwiesen wurden. Erst bei den letzten Reichsratswahlen, als man ihrer Mithilfe gewissermaßen bedürftig wurde, gewährte man den „Buben" die Gunst, mit ihnen von Ort zu Ort und von Fall zu Fall Pakte zu schließen. Uebrigens, wo es gegolten hat, ein Mandat zu erlangen, hat man es nicht gescheut, auch mit den „allerreaktionärsten" Zionisten in Verbindung zu treten . .. Was nun die „Poale-Zion" betrifft, so sind doch diese ausgesprochene Zionisten und Zionismus ist bekanntlich — Klerikalismus. Diese Offenbarung, welche Adler in Stuttgart gemacht hat, stammt vornehmlich aus den Informationen der galizischen P. P. S. resp. ihrer jüdischen Wortführer ä la Diamand et Konsorten! Durch den Aufschwung der zionistischen Propaganda wurden aber die jüdischen Massen derart von der nationalen Idee ergriffen, daß es den Leutchen in der P. P. S. bange werden mußte. Nach und nach werden ihnen die Organisationen entrissen, welche teilweise zu den „Separatisten", teilweise zu den „Poale-Zion" übertreten. Die Hegemonie der P. P. S. auf der jüdischen Gasse nähert sich rasch ihrem Ende. Da wurden die Herren nachgiebiger. Der X. Parteitag, der im vorigen Jahre abgehalten wurde, mußte sich dazu aufraffen, die Entstehung eines jüdischen „Ghetto" in der Partei fördern zu müssen. Es wurde die „jüdische Sektion" geschaffen, die eine Art Staat im Staate bildet: eine ganz gesonderte Organisation mit allen einer Organisation gehörenden Agenden und Funktionären. Aber ihre Exekutive durften sie nicht selbst wählen, der allgemeine Kongreß hat eine solche zu ernennen. Wahrhaftig, sehr demokratisch!. . . Jedenfalls aber haben um den Preis einer theoretischen Resolution, die noch immer die Existenzberechtigung der jüdischen Nationalität verkennt, sich damals die jüdischen Arbeiter das kleine Recht erkauft, in ihrer Muttersprache über die Parteiangelegenheiten unterrichtet zu werden und von den polnischnational-chauvinistischen Tendenzen der P. P. S. nicht belästigt sein zu müssen. Im übrigen ging die Taktik der „Partei" ihren früheren Weg fort und provozierte das jüdische Gefühl unbarmherzig fort auf jedem Schritt und Tritt. Es kamen endlich die Reichsratswahlen; die „Partei" stand dem jüdischen Nationalismus gegenüber und . . . eine Angst überfiel sie angesichts des fast revolutionären Umschwunges, der sich in den Gemütern der jüdischen Volksmassen inzwischen vollzogen hat. Einer der angesehensten Agitatoren mußte offenherzig erklären (bei der Konferenz der Sektionisten, von der wir bald sprechen werden): „Wir laufen der sicheren Gefahr entgegen, sämtlicher jüdischer Genossen verlustig zu werden, wenn wir uns noc'i weiter dem jüdischnationalen Gedanken werden verschließen wollen" . .. Diese Woche fand die Konferenz der „jüdischen Sektion" in Lemberg statt. Es waren erschienen: die

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