Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 44 (10.10.1907)
- Date
- 1907-10-10
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 „Neue National-Zeitung" Nr. 44 Nach der jetzigen Sachlage ist dies sehr zweifelhaft. Die Errichtung der Lehranstalt ist daher blos eine halbe Arbeit. Es ist notwendig, daß die Stellung der jüdischen Religionslehrer, ihr Rang, ihre Bezüge gesichert resp. vom Staate ebenso gewährleistet werden, wie es bei den katholischen Religionslehrern der Fall ist. Sonst wird die Lehranstalt nur akademisches Proletariat in einer neuen Form züchten. BERNARD G. RICHARDS: Kann ein wahrer Amerikaner ein guter Sude sein?*) „Kann ein wahrer Amerikaner", begann ich zu fragen, „ein guter....." „Nicht!" schrie Keidansky — und damit war meine Frage abgebrochen. „Fragen Sie nicht", setzte er fort. „Nicht um Himmelswillen. Haben Sie Erbarmen. Jedermann stellte diese Frage und ich bin ihrer müde. Sie hätte überhaupt niemals gestellt werden sollen. Eine „Schaile ist trefe" und da jetzt die Rabbonem beim Fällen von Urteilen schlaff und nachsichtig geworden sind, sind andere bereit, zu finden, daß entweder dies, jenes oder anderes bei den Juden nicht mehr ganz koscher sei. Der Christ ist für den Juden trefe und das Kompliment wird mit Zinsen zurückgegeben. Jüdische Klugheit verlangt von uns, daß manche Dinge ungesagt bleiben und die Politik des Schweigens, welche unsere Führer befolgen, war wirklich vortrefflich, denn sie wußten nicht genau, was sie sagen sollten. Wenn Sie keine Vorstellungen haben, überlassen Sie die Dinge der Vorstellung anderer. Es ist vollkommen sicher, das zu tun, denn in der Regel haben auch die anderen keine Vorstellungen. Aber vielleicht gehört sogar etwas Einbildungskraft dazu, die Dinge der Einbildungskraft anderer zu überlassen. Auf jeden Fall stellen Sie diese Frage nicht! Es sind schon genug Leute da, die darauf antworten. Laßt uns Frieden haben in unserer Gemeinde. Wenn wir uns nicht richtig verhalten, wird uns das jüdische Problem erfassen und das erste, was wir wissen werden, ist, daß Sie darüber nachzudenken haben — und das ist harte Arbeit, weil wir nicht daran gewöhnt sind." Aber der Lend-a-Word-Club, in regelrechter Mitternachtssitzung versammelt, war darauf versessen, eine Diskussion über den strittigen Punkt zu führen, welcher in der amerikanischen Judenschaft aufgetaucht war. Keidansky wurde gedrängt, seine Meinung zu sagen und er konnte es selber nicht mehr ertragen, des längeren gedrängt zu werden. „Wenn Sie durchaus meine Meinung hören wollen", begann er, „müssen Sie mir auch erlauben, daß ich die Frage auf meine eigene Art in Betracht ziehe." Und er setzte rasch sprechend fort, bevor die Erlaubnis hiezu gegeben oder zurückgehalten wurde, „Kann ein wahrer Amerikaner ein guter Jude sein? Ich sage: Nein! Das Judentum ist eine große und weitläufige Religion und es kostet Zeit, nur seine Tiefe zu erforschen. Es ist außerordentlich kompliziert und voreinnehmend und seine Anhänger laufen Gefahr, in seine Verwicklungen zwischen Gesetz und Ritus hineingezerrt zu werden. Es stellt viele Ansprüche und Forderungen an seine Anhänger und erfordert große Aufmerksamkeit. Es wurzelt in der fernen Vergangenheit und schaut weit in die Zukunft. All das wiederstreitet der Ausübung von echtem, unverfälschtem, 18 karatigem, amerikanischen Patriotismus. Das Judentum führt uns immer in das Land seiner Geburt zurück und die Geschichte unserer *) Im „American Hebrew" veröffentlicht der Verfasser von Fall zu Fall sehr anregende Plaudereien, in denen eine phantastische Person „Keidansky", zu den Tagesfragen Stellung nimmt. Der vorliegende Aufsatz beschäftigt sich mit dem in ganz Amerika lebhaft diskutierten Ausspruche von Jakob S ch iff, daß ein Zionist kein wahrer Amerikaner sein könne. Der humorvolle Verfasser kommt allerdings zu einem anderen Resultat; er behauptet, ein wahrer Amerikaner könne kein guter Jude sein. Die Red. Religion bringt uns durch viele Gegenden. Ist es da nicht Hochverrat, an ein anderes Land als an dieses zu denken? Das Judentum bringt in uns Gedanken an viele Länder hervor und ein Land ist nur, welches unsere ganze Religion stempelt. Der Geist jenes Landes ist der Genius unseres Glaubens und es wäre ohne Nutzen, das Wort Zion aus unseren Gebeten zu streichen. Der Erdgeruch, der Duft der Blumen und die Himmelfarbe von Palästina sind in den Worten der Propheten ausgeprägt; sie sind in der Poesie ihrer Prophezeiungen. Trotz allem, .was getan wurde, um das Judentum in anderen Zonen tragbar und anwendbar zu machen, behält es noch immer die Originalmarke, den Wohlgeruch und die anhängende Kraft seines Ursprungslandes. Es ist bodenständig und die jüdische Seele kann nicht aus jüdischen Erdreich entfernt werden. Sie können Zion aus unseren Gebeten streichen, aber die Vergangenheit durchdringt unser ganzes Leben, denn ein geistiger Glaube wie der unserige, kann leicht unsere Aufmerksamkeit von weltlichen und dringenden Dingen ablenken. Wir könnten zu irgend einer Zeit zu unserem Schrecken finden, daß wir während fünf langer Minuten des Sternenbanners nicht eingedenk waren. Sie können Jerusalem aus unserer religiösen Landkarte entfernen, aber Eure neue Reform-Version der messianischen Hoffnung ist ein ebenso gefährlicher Glaubensartikel. Sie führt Euch nicht in ein Land, sondern 'in alle fremden, weitentfernten ausländischen Gebiete, an welchen Ihr nicht das geringste Interesse habt. Sie erwartet die Erlösung aller Nationen, eine universelle Humanität und eine allgemeine Bruderschaft etc. Sie läßt Euch für Leute beten und sorgen, welche in keiner Weise mit den Vereinigten Staaten verwandt sind. Ich denke, es ist Hochverrat. „Nein, Herr, Sie können nicht zu gleicher Zeit ein wahrer Amerikaner und ein guter Jude sein. Das Judentum ist eine zu große Last und es kostet viel Geld, ein guter Amerikaner zu sein. Das Judentum ist keine kurze, handliche, bequeme Religion, im Stile anderer, welche in" unserem Lande ausgeübt werden. Es beansprucht Denken und Aufmerksamkeit und Energie---Dinge, welche bei der lauten Ausübung des Patriotismus gebraucht werden können. Dann kommen noch in Betracht die Riten und Zeremonien der Religion, welche soviel Zeit in Anspruch nehmen. Ein Krieg könnte ausbrechen oder ein politischer oder militärischer Kampf eintreten und viele gute Juden könnte man dabei treffen, wie sie ihre Amulette anlegen oder damit beschäftigt sind, ihre Nachmittags- oder Abendgebete herzusagen, oder man könnte entdecken, daß sie gerade die 18 Segenssprüche des Morgen-Gottesdienstes absolvieren. So ist die Situation der orhodoxen Juden, und was gute Reform-Juden anbelangt, so ist ihre Jdee einer universellen Gerechtigkeits- und Brüderschaftsmission ein außerordentlich gefährlicher und unpatriotischer Vorschlag. Ich bin erstaunt, daß meine Freunde vom Reform-Flügel der amerikanischen Judenschaft das nicht schon längst erkannt haben. Sie verlassen die Fahne, wann immer sie die Mission und Kulturerrungenschaften auf die Fidschi-Inseln oder nach Zulu tragen. „Wir dürfen nicht an andere Dinge denken, besonders an solche, welche sich in gewisser Entfernung befinden. ,Ich gebe keinen Pfifferling für etwas, das jenseits von South Boston geschieht.' So sprach einmal ein Bostoner Redakteur bei einer Diskussion über auswärtige Nachrichten. Es war ein guter Patriot. Laßt uns seinem Beispiele folgen! Er war ein Christ. Laßt uns' in seine Fußstapfen treten! Geistliche Dinge sind besonders verwirrend und Judentum führt uns nicht allein in andere Länder, sondern in andere Welten, höhere Welten, Welten der Schönheit und des Mysteriums. Und unsere geistlichen Bestrebungen sind nicht allein auf unsere unmittelbare Umgebung beschränkt und es ist ziemlich unbequem, sie zu befolgen. So lassen wir sie lieber fallen. Dies ist in keiner Art ein jüdisches Land. Wenn wir das Judentum ausüben, können wir verdächtigt werden, Juden zu sein und dann könnte unser Ansehen als Patrioten in Frage gestellt werden. Denn es ist tatsächlich das Ansehen und nicht die Wirklichkeit, welche uns jetzt beschäftigt. Laßt uns unser jüdisches Wesen beiseite schieben und wir werden auf diese Weise leicht das Problem der Zukunft unseres Glaubens lösen; die Frage, eine Heimat für unsere Religion zu finden, eine Heimat, und nicht ein Quartier, wird dann auch erledigt sein.