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Neue Nationalzeitung · 1907-10-10 · Heft 44 (10.10.1907) · p. Seite 3

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 44 (10.10.1907)
Date
1907-10-10
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 44 „Neue National-Zeitung" Seite 3 städte Europas brachte und ihm Gelegenheit gab, mit den Aerzten für Ohrenheilkunde in Verbindung zu kommen. Es waren damals noch wenige. Als Politzer ausgerüstet mit allen Kentnissen zurückkehrte, wurde er von Rokitansky aufgefordert, sich um eine Dozentur für Ohrenheilkunde zu bewerben, woran Politzer sonst gar nicht zu denken gewagt hätte. Als Dozent begann er sofort unter stets wachsendem Andrang der Hörer Vorträge über Ohrenheilkunde zu halten und lieferte in den nächsten Jahren die wichtigsten Arbeiten, indem er auf pathologischanatomischer Grundlage ein System der Ohrenheilkunde schuf, das er in seinem vielverbreiteten „Lehrbuch der Ohrenheilkunde" darstellte. Sowohl wissenschaftlich, wie praktisch-therapeutisch, erzielte er die größten Erfolge. Seine Methode der „Luftdouche" hat seinen Namen auf der ganzen Welt populär gemacht und ist jetzt als „Politzern" dem Sprachschatz der Aerzte einverleibt. Durch die Uebernahme der neugegründeten Klinik konnte er sich der Chirurgie zuwenden und eine große, ihren Lehrer verehrende Schülerschar trug seinen Namen in alle Weltteile. Er ist zweifellos der bekannteste, hervorragendste Forscher auf seinem Gebiete. Ein Beweis für seine Popularität ist folgende kleine Geschichte: Politzer war Delegierter der österreichischen Unterrichtsverwaltung auf der Weltausstellung in Chicago und kam auch nach Philadelphia, wo er die Universität besichtigte. Am Eingang begrüßte ihn der Portier ehrerbietig und nannte seinen Namen. Von dem erstaunten Gelehrten befragt, wieso er ihn kenne, erzählte der Portier, daß er sein Porträt im Saale des Senats gesehen habe. Vor 3 Jahren wurde Politzer eine Ehrung zuteil, wie sie wohl kaum je einem Gelehrten widerfahren: Sieben Professoren für Ohrenheilkunde, von verschiedenen deutschen Universitäten, kamen nach Wien und baten Politzer, er möge ihnen eine Reihe von Vorlesungen halten und seine Methode demonstrieren. Dieser sogenannte „Meisterkurs" erregte damals in der wissenschaftlichen Welt Sensation. Die fcandesDorlage beireffend das israelitifch'töeologifche Institut, (Von besonderer Seite.) Lemberg, den 3. Oktober. Der Landesausschuß hat nunmehr die Vorlage betreffend das Organisationsstatut für das israelitischtheologische Lehrinstitut in Galizien fertiggestellt und im Sinne des Landtagsbeschlusses vom 16. März 1907 dem Landtage unterbreitet. Das Elaborat ist sehr umfangreich und bespricht alle Details der zu begründenden Lehranstalt. Der Landesausschuß berichtet, wie Sie bereits mitgeteilt haben, daß er sich mit allen Kultusgemeinden Galiziens ins Einvernehmen gesetzt und an sie die Anfrage gerichtet hat, inwieweit sie sich an der Errichtung und Erhaltung des Instituts beteiligen wollen. Infolge dieses Aufrufes sind nunmehr zur Errichtung der Lehranstalt 5330 K, zur Erhaltung derselben 50.875 K als Fond und 8030 K als Jahressubvention gesichert worden. Von den 252 Gemeinden, an die der Aufruf gerichtet war, haben sich jetzt bisher 113 geäußert. Der Landesausschuß ist nunmehr zur Ueberzeugung gelangt, daß das projektierte Institut als Landesanstalt zu betrachten, daher vom Landesfonds mit Unterstützung des Staates und der Kultusgemeinden zu erhalten sei. Das Institut ist in erster Linie als eine Bildungsanstalt für jüdische Religionslehrer in Aussicht genommen. Zu diesem Zwecke zerfällt es in zwei Abteilungen: a) in ein Proseminar zur Ausbildung von Religionslehrern für Volks- und Bürgerschulen; b) in ein Seminar zur Ausbildung von Religionslehrern für Mittelschulen. Das Proseminar ist für Lehramtskandidaten zugänglich, welche an der Lehrerbildungsanstalt bereits die Lehramtsprüfung gemacht haben. Der Unterricht dauert ein Jahr und besteht aus folgenden Lehrgegenständen : 1. Hebräische Sprache und Lektüre der heiligen Schrift; 2. Liturgie und Ritualien nobst leichteren Exzerpten aus dem Talmud; 3. jüdische Geschichte und Literatur unter Berücksichtigung der Geschichte der Juden in Polen; 4. Midrasch, Homiletik und Methodik des Unterrichtes. Als Hörer des Seminars werden blos die ordentlichen Hörer der philosophischen Fakultät der Lemberger Universität zugelassen. Der Unterricht ist auf vier Jahre berechnet, mit nachstehendem Lehrplan : 1. Hebräische Sprache und Bibel; 2. Liturgie; 3. jüdische Geschichte und Literatur mit Berücksichtigung der Geschichte der Juden in Polen. Für die höheren Jahrgänge kommen noch in Betracht: 1. Talmud (2 resp. 3 Stunden wöchentlich!); 2. Homiletik. Gemeinsam mit diesem Seminar ist auch projektiert die Errichtung einer höheren Abteilung zur Verbreitung der jüdischen Wissenschaft, insbesondere talmudischer Studien. Diese Abteilung ist für die Absolventen des Seminars bestimmt, die ihr Wissen noch vertiefen wollen. Als Lehrgegenstände kommen hauptsächlich Talmud und jüdisches Recht in Betracht. Das Institut wird in administrativer Beziehung einem Kuratorium unterstellt, welches als Aushilfsorgan des Landesausschusses fungiert. Diesem Kuratorium hätten anzugehören: ein Delegierter des Landesausschusses, ein Mitglied des Landesschulrates als Regierungsvertreter, der jüdische Repräsentant im Landesschulrat, die beiden Rabbiner von Lemberg (der orthodoxe und fortschrittliche), 8 Delegierte derjenigen 8 Kultusgemeinden, welche die höchsten Subventionen beitragen und schließlich 8 Delegierte aus den jüdischen Kreisen, die sich um die Errichtung oder Erhaltung der Lehranstalt besondere Verdienste erwerben. Für den Lehrkörper sind 3 Professoren, mit dem Rang und den Bezügen von außerordentlichen Universitätsprofessoren sowie 2 bezahlte Dozenten in Aussicht genommen. Die Jahresbezüge dürfen jährlich den Gesamtbetrag von 19.300 K nicht übersteigen und werden vom Lande bestritten. Es wird im Bericht ausdrücklich erwähnt, daß die Unterrichtssprache des Instituts und die Amtssprache des Kuratoriums polnisch sein müsse. Das Proseminar wird im Wintersemester 1908, das Seminar im Wintersemester 1909 eröffnet. Soweit wäre ja alles ganz schön. Der Religionsunterricht an den galizischen Schulen liegt sehr im Argen, der jüdische Religionslehrer ist innerhalb des Lehrkörpers der Niemand, die Kultusgemeinden haben meistens kein Geld, um jüdische Religionslehrer zu bezahlen und der Staat kümmert sich darum gar nicht. Wird aber das neue Institut all dem abhelfen? ... Es wird jüdische Religionslehrer heranbilden, es wird in Galizien nach 4—5 Jahren eine Reihe von tüchtigen Religionslehrern vorhanden sein. Aber werden sie aucheineBetätigungundExistenzfinden?

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