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Neue Nationalzeitung · 1907-10-10 · Heft 44 (10.10.1907) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 44 (10.10.1907)
Date
1907-10-10
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „Neue National-Zeitung" Nr. 44 Massenflucht der jüdischen Genossen aus seinem Lager befürchtete. Auch der Bauernführer Stapinski hat in diesem Blatte über das Assimilantentum den Stab gebrochen. Wer vermag sich noch dem Strome des lebendig gewordenen jüdischen Massengeistes in den Weg zu stellen? Die Anerkennung der Juden als Nationalität wird vielleicht bei der Regierung und den liberal schillernden Fraktionen Widerstand finden, weil sich hinter dieselben die Mandatsjäger der Kanals flüchten werden. Aber der Wille unserer Volksmassen und die unerschütterliche Gesinnung unserer Jugend bilden den unwiderstehlichen Sturmbock, der auch diesen Widerstand niederbrechen wird. Diese Frage der Anerkennung jüdischer Nationalität hat nicht nur eine theoretische, sondern auch eine praktische Seite von höchster Bedeutung: Wir stehen vor der neuen Volkszählung. Ihr Zweck ist es, nicht nur die Einwohnerzahl des Staates und die Menschenmenge jeder Nationalität, sondern auch ihre wirtschaftliche Kraft und ihre industrielle Entwicklung zu prüfen. Für alle Nationen und Natiönchen (Slowenen, Kroaten, Serben, Rumänen) finden sich in der Volkszählung eigene Rubriken in Bezug auf ihre berufliche Tätigkeit. Die Juden aber bleiben als solche von der Berufsstatistik ausgeschaltet. Die Volkszählung kennt die Juden blos als Religion, und da rangieren sie vor den Zigeunern. Vom jüdischen, nicht nur rein jüdischnationalen Standpunkte aus, ist die Festlegung der jüdischen Berufsstatistik von unschätzbarem Werte. Wir tappen hier vollends im Finstern. Hie und da findet sich zwar ein Privatgelehrter, der für ein einzelnes Land eine Berufsstatistik der Juden zusammenstellt. Sie ist jedoch ohne offiziellen Wert und meistens den Interessen einer Partei gewidmet. Den jüdischen Gemeinden fehlt außer dem Verständnis mitunter auch Geld, um die Initiative in dieser wichtigen Frage zu ergreifen. Und gerade diese, derzeit noch immer von assimilatorischem Geiste geleiteten Kanals müssen zugeben, daß durch eine jüdische Berufsstatistik den Feinden und Verleumdern des Judentums viele Waffen aus den Händen genommen werden. Diese Berufsstatistik für die Juden muß also der Staat machen, weil er sie auch für die anderen Nationen besorgt. Der Profit daraus, wenn auch nur vorläufig der geistige, wäre immens. Wir wären in der Lage, die Reihen unseres Volkes zu mustern, seine wirtschaftliche Differenzierung festzustellen und den Ausgangspunkt für unser Eingreifen zu finden. Der jüdische Klub muß die Volkszählung genau im Auge behalten! Ein Stück Volkswohl hängt von der Energie und Entschiedenheit des jüdischen Klubs in dieser Frage ab. Und was ist's mit der Sonntagsruhe? Ist denn das Kapitel schon ganz erledigt? Muß es dabei bleiben, daß die tausende galizischen Kaufleute am Samstag und Sonntag feiern? Warum konnte Rußland den Juden die Sonntagsarbeit gestatten, sofern sie Samstag ruhen? warum können die englischen und italienischen Juden Maßregeln zur Eindämmung der Sonntagsruhe ergreifen? In Oesterreich geschieht aber gar nichts. Der jüdische Kaufmannstand in Galizien ist auf den Bettelstab gebracht worden und doch fand sich weder eine Korporation nochein Abgeordneter, der bisher an diese Frage gedacht hätte. Der jüdische Klub wird beweisen, daß er sich mit den Brocken, die man den Hausjuden in der Gestalt der Ausnahmen für die jüdischen Handwerker hingeworfen hat, nicht begnügt. Die galizische Judenschaft gehört vornehmlich dem Handelsstande an und die Sonntagsruhe hat ihnen direkt die Lebenswurzeln abgeschnitten. Die gewaltsamen Taufen jüdischer Mä.dc h e n nehmen in Galizien kein Ende. Der Landsmannminister heißt nicht mehr Dr. Pientak, der neue Ministerpräsident buhlt um die Gunst des jüdischen Klubs, und noch immer werden in einer Provinz Oesterreichs die schändlichsten Gewaltakte unter den Augen der Behörden an jüdischen Mädchen begangen. Die väterlichen Rechte werden den jüdischen Eltern entrissen, wiewohl die Mädchen noch minderjährig sind; zwischen Vater und Kind — Kind in jeder Bedeutnng des Wortes — schiebt sich wie mit schauriger Gewalt die Taufe. Dafür, daß die Bande zwischen Eltern und Kind einfür allemal zerschnitten werden, dafür sorgt — wie jüngst ein Fall in Lemberg bewiesen hat — die Polizei; die juristisch gleiche Auffassung hat bereits der Oberste Gerichtshof mit mehreren Entscheidungen bekanntgegeben. Auf den jüdischen Klub wartet genug Arbeit und reichliche Anerkennung — er muß sie nur beide wollen. L. ßofrctf Professor £L Politzer« Herr Univ.-Dozent Dr. Hugo Frey hatte die Freundlichkeit, sich einem Mitarbeiter unseres Blattes gegenüber über die wissenschaftliche Persönlichkeit des nunmehr nach Absolvierung des Ehrenjahres vom Lehramte an der Wiener Universität zurücktretenden Hofrates Politzer nachstehend zu äußern: Politzer widmete sich zuerst der inneren Medizin und war dann Assistent beim Professor Oppolzer. Durch verschiedene Arbeiten erregte er die Aufmerksamkeit seiner damaligen Lehrer Hyrtl und Rokitansky, welche ihn bestimmten, sich mit der Ohrenheilkunde näher zu befassen. Unter Anleitung Hyrtls studierte er die Anatomie der Gehörorgane; seine anatomischen Präparate erregten allgemeine Bewunderung und er galt auf diesem Gebiete bald als Autorität. Bei Rokitansky beschäftigte er sich mit pathologischer Anatomie und beschloß auf dessen Anraten, sich ganz der Ohrenheilkunde zu widmen, einem damals noch ziemlich unerforschtem Gebiete. Nachdem er mehrere grundlegende Arbeiten über die „Physiologie der Gehörorgane" ausgeführt hatte, unternahm er eine Reise, die ihn in alle Haupt-

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